04. Mai 2007 Wie eine Stadt im Niedergang wirkt Bremerhaven hier jedenfalls nicht. Wer in den Tagen vor der Bürgerschaftswahl am 13. Mai durch den Hafen der Stadt an der Wesermündung schippert, sieht in den Werften und Trockendocks Vollbeschäftigung. Derzeit wird hier die Stena Hollandica verlängert, die dann die größte Personenfähre der Welt sein wird. Nur wenig weiter bessern Werftarbeiter die viertgrößte Privatjacht der Welt aus, die dem saudischen Kronprinzen gehört. Auch die Fregatte Mecklenburg-Vorpommern der Bundesmarine wird überholt. Und auf der anderen Seite des Hafenbeckens erhalten ein russisches Forschungsschiff und ein afrikanischer Frachter neue Außenanstriche.
Einst war die Werftindustrie der Kern des Wohlstandes von Bremerhaven, das der Bremer Bürgermeister Johan Smidt 1827 als maritimen Außenposten der Hansestadt gründete. Mit der Werftenkrise in den siebziger Jahren begann der wirtschaftliche und soziale Abstieg Bremerhavens. Doch seit zwei Jahren scheint sich nicht nur der Hafen des kleinsten Bundeslandes wieder zu fangen, sondern auch der Schiffbau. Ein neues Museum nach dem anderen, volle Einkaufspassagen und ein international renommiertes Zentrum der Meeres- und Klimaforschung runden das Bild von der wirtschaftlichen Gesundung Bremerhavens ab. Doch der äußere Schein stimmt nicht überein mit den Statistiken und der Stimmung der Bürger. So fallen die Immobilienpreise weiter. Auch billige, großzügig geschnittene Wohnungen will niemand haben. Jede vierte Geschosswohnung wird in einem Jahrzehnt nicht mehr benötigt. Wohnungsbauunternehmen reißen ganze Wohnblöcke in Großsiedlungen ab.
Besonderheit des Wahlrechts
Bremerhaven schrumpft wie sonst nur Städte im Nordosten Deutschlands. Der von SPD und CDU gebildete Bremer Senat rechnet damit, dass der massive Einwohnerschwund anhalten wird. 1993 wohnten noch 131000 Menschen in Bremerhaven, derzeit sind es 116 000, und für 2020 wird mit nur noch 102 000 Einwohnern gerechnet. Bremerhaven erlebt eine Strukturkrise wie einst das Ruhrgebiet, dessen Wohlergehen von Kohle und Stahl, von einem oder zwei Kernbereichen abhängig war. Und wie im Ruhrgebiet dauert die Anpassung lange und ist für die Bewohner schmerzlich. Manches deutet auf einen mittelfristigen Aufschwung hin. Noch aber ist fast jeder fünfte Bürger arbeitslos.
Die wirtschaftliche Krise schlägt sich auch in einem atypischen Wahlverhalten nieder. Das ist einer der Gründe, warum Bremen Wahlforschern und Politikern oft Rätsel aufgibt - ebenso wie die kommunale Doppelstruktur des Bundeslandes mit Bremen-Stadt und dem 66 Kilometer weserabwärts gelegenen Bremerhaven. Falls die rechtsextreme DVU wie bisher in die Bürgerschaft einzieht, beruht das ausschließlich auf Bremerhaven. Eine Besonderheit des Wahlrechts des Stadtstaates sieht vor, dass Parteien, die nur in der mit der Stadt Bremen gekoppelten Hafenstadt die Fünf-Prozent-Hürde überschreiten, Abgeordnete entsenden dürfen. So saßen in der vergangenen Wahlperiode ein Abgeordneter der DVU, aber auch der FDP in der Bürgerschaft. Und in den Stadtrat von Bremerhaven zogen gar vier DVU-Vertreter ein.
Bremerhavener fühlen sich vernachlässigt
Die Strukturkrise hatte einen deutlichen politischen Verlierer - der Stimmenanteil für die regierende SPD sank von 1983 bis 2003 in Bremen um knapp acht Prozent, in Bremerhaven aber um mehr als 15 Prozent. Der Gewinner waren stets die Rechtsextremen. Bei der Bürgerschaftswahl vor vier Jahren erzielte die DVU in Bremerhaven 7,1 Prozent.
Der Kampf um Wählerstimmen in den Hochburgen der DVU sei ein schwieriges Geschäft, heißt es bei den anderen Parteien. Die Spitzenkandidaten zeigen sich daher lieber beim Wettkochen im Fischereihafen als in Problemvierteln. Der CDU-Bürgermeister und Innensenator Thomas Röwekamp kommt zwar aus Bremerhaven, wirbt in seinen Auftritten aber nicht mit seinen Wurzeln und kandidiert lieber auf der Wahlliste der Stadt Bremen. Kein Wunder, dass sich viele Bremerhavener von der größeren Stadt vernachlässigt fühlen.
Fünf Millionen Fischstäbchen täglich
Auf Erfolge kann Bremerhaven immerhin in der Wirtschaft, der Wissenschaft und dem Fremdenverkehr verweisen. Vor einigen Tagen übergab der Senator für Wirtschaft und Häfen, Jörg Kastendiek (CDU), eine Erweiterung des Osthafens mit neuen Liegeplätzen für Autotransportschiffe. 1,9 Millionen Autos wurden im Vorjahr in dem größten Autohafen der Welt im Überseeverkehr verschifft. Nirgendwo in Europa sind so viele Autotransporter unterwegs wie auf der Autobahn nach Bremerhaven. Ähnlich starke Ausbaupläne hat der Containerterminal - 2006 stieg der Umschlag von Containern in Bremerhaven um fast ein Fünftel. Schon jetzt ist dies die längste Kaje der Welt. Nach dem Ausbau wird sie 2008 fünf Kilometer lang sein. Das Kreuzfahrtterminal wurde vor vier Jahren modernisiert.
Ein paarmal die Woche legt ein Kreuzfahrtschiff an jenem Kai an, von dem aus mehr als 140 Jahre lang sieben Millionen Deutsche auswanderten, meist nach Amerika. Und hier ging - von kreischenden Teenagern begrüßt - am 1. Oktober 1958 der GI Elvis Presley an Land, den Seesack beim Gang über die Reling lässig geschultert. Daran erinnert heute am Weserufer das Deutsche Auswandererhaus, mehr eine Erlebnisstätte für alle Sinne als ein herkömmliches Museum. Ähnlich aufstrebend sieht es am alten Fischereihafen aus - weniger wegen der touristischen Jahrmarktatmosphäre mit Matjesbrötchen und Räucheraal, sondern weil er ein Zentrum der deutschen Nahrungsmittelindustrie und -forschung ist, in dem zudem die deutsche Hochseefischerei begann. Mehrere große deutsche Firmen vor allem der Tiefkühlkost haben hier ihren Hauptsitz. Fünf Millionen Fischstäbchen täglich werden hier im größten Fischereihafen des Kontinents hergestellt.
Klimahaus als Publikumsmagnet
Außerhalb seiner Grenzen ist Bremerhaven bekannt durch seinen Exporthafen und durch das Alfred-Wegener-Institut, eines der großen Forschungsstätten der Welt für die Erforschung der Pole, des Meeres und des Klimas. Anfang Mai dockte die Polarstern, der größte Forschungseisbrecher der Welt, in seinem Heimathafen Bremerhaven an. Immer stärker aber setzt die Stadt auf den Fremdenverkehr. Nach dem Ausbau des Fischereihafens, der Innenstadt, dem Auswandererhaus, dem Deutschen Schifffahrtsmuseum und dem Zoo am Meer entstehen derzeit gleich mehrere Großprojekte - ein Einkaufszentrum mit Mittelmeerflair, ein hundert Meter hohes Hotel- und Bürogebäude, das bewusst an das einzige Siebensternehotel der Welt in Dubai erinnern will.
Ein Publikumsmagnet soll aber vor allem das Klimahaus werden. Es will Besuchern einen Gang durch Wetter- und Klimazonen entlang des achten Längengrades bieten. Bremen hatte mit einigen groß angekündigten Projekten wie dem Space Park in den vergangenen Jahren Schiffbruch erlitten. Bremerhaven hofft, aus diesen Fehlern gelernt zu haben.
Text: F.A.Z., 04.05.2007, Nr. 103 / Seite 6
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