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Zentralrat der Juden

Demontage einer glücklosen Präsidentin

Die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, tritt im November nicht für eine weitere Amtszeit an. In den vergangenen Wochen hatte die 77 Jahre alte Münchnerin den Rückhalt im Präsidium verloren. Als Favorit für ihre Nachfolge gilt der Frankfurter Dieter Graumann.

Von Uta Rasche

Wird dem Zentralrat der Juden bald nicht mehr vorstehen: Charlotte KnoblochWird dem Zentralrat der Juden bald nicht mehr vorstehen: Charlotte Knobloch
07. Februar 2010 

Die Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, hat aus Indiskretionen und mangelnder Unterstützung durch ihre Stellvertreter die Konsequenz gezogen: Sie steht für keine zweite Amtszeit zur Verfügung. Das hat sie in einer Sitzung des 34 Mitglieder starken Direktoriums des Zentralrats, das sich turnusgemäß am Sonntag in Frankfurt traf, mitgeteilt. Bis zum Ende ihrer Wahlperiode im November bleibe sie aber im Amt, hieß es in einer Zentralrats-Mitteilung. In der vergangenen Woche waren Meinungsverschiedenheiten über ihre Führungsqualitäten öffentlich geworden. Es wurde lanciert, dass sie einen Rücktritt erwäge, weil sie den Rückhalt im Präsidium verloren habe. Frau Knobloch selbst, die seit 2006 an der Spitze des Zentralrats steht und 77 Jahre alt ist, hatte bisher keine Zeichen von Amtsmüdigkeit erkennen lassen.

Als Favorit für ihre Nachfolge gilt der 59 Jahre alte Frankfurter Immobilienkaufmann Dieter Graumann. Er wäre der erste Zentralrats-Präsident, der den Massenmord der Nationalsozialisten an den europäischen Juden nicht persönlich erlebt hat; seine Wahl gälte als Generationswechsel. Nach dem Tod von Frau Knoblochs Vorgänger Paul Spiegel hatte auch der Frankfurter Architekt Salomon Korn als aussichtsreicher Anwärter gegolten; weil in dem Amt aber ständiger Personenschutz geboten ist, lehnte er ab. Graumann und Korn sind beide Stellvertreter von Frau Knobloch.

Vorwurf der Beratungsresistenz

Im Zentralrat wird der Präsidentin angelastet, dass die politische Bedeutung der Institution unter ihrer Führung gesunken sei. Darüber hinaus stimme sich Frau Knobloch nicht hinreichend ab und lasse sich kaum beraten. Als kleinlich wahrgenommen wurde etwa ein Streit über Protokollfragen am Holocaust-Gedenktag 2009, in dessen Verlauf der Zentralrats-Generalsekretär Kramer dem Bundestagspräsidenten Lammert öffentlich vorwarf, gelogen zu haben. Kramer hatte vergeblich gefordert, Frau Knobloch solle während der Gedenkfeier im Bundestag im Plenum sitzen dürfen und nicht auf der Ehrentribüne, überdies solle sie persönlich begrüßt werden - was in den Jahren 2007 und 2008 nicht geschehen sei. Infolge des Streits sagten Knobloch, Graumann und Korn ihre Teilnahme an der Gedenkstunde ab. In diesem Jahr nahm Frau Knobloch wieder teil.

2006 hatte sie kurz nach ihrem Amtsantritt als Präsidentin die Einführung eines Schulfachs „Nationalsozialismus“ gefordert, denn Schüler in Deutschland wüssten darüber zu wenig. Damit stieß sie auf Kritik in den eigenen Reihen wie in der Öffentlichkeit. Der Zentralrat hatte sich zuvor dafür eingesetzt, dass an die nationalsozialistische Vergangenheit nicht nur im Geschichtsunterricht erinnert werden solle, sondern querschnittsartig auch in anderen Fächern: im Deutschunterricht etwa, wo man jüdische Autoren lesen, oder in den Naturwissenschaften, wo man auf jüdische Forscher, die ins Exil gingen oder ermordet wurden, aufmerksam machen könne.

Das Fass zum Überlaufen brachte offenbar, dass Frau Knobloch im November auf Einladung Guido Westerwelles zusammen mit dem Außenminister nach Israel reiste und an seiner Seite die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem besuchte, ihn zum Schluss sogar auf die Wangen küsste. Ihre Mitstreiter erfuhren erst aus der Zeitung, dass sie mit dem FDP-Vorsitzenden im Regierungsflugzeug saß. Sie haben Westerwelle bis heute nicht verziehen, dass er im Wahljahr 2002 nicht einschritt, als sein damaliger Stellvertreter Möllemann mit Äußerungen, die weithin als antisemitisch und antiisraelisch verstanden wurden, auf Stimmenfang ging. Frau Knoblochs Geste wurde als billige Absolution für Westerwelle empfunden, der nach Ansicht ihrer Mitstreiter zumindest eine Aussprache, wenn nicht eine Entschuldigung seinerseits hätte vorausgehen müssen.

Unter dem Dach des Zentralrats der Juden sammeln sich 23 Landesverbände und 107 jüdische Gemeinden - sowohl liberale als auch orthodoxe - mit etwa 106 000 Mitgliedern. Eine der wichtigsten Aufgaben des Zentralrats war in den vergangenen Jahren die Integration der jüdischen Kontingentflüchtlinge aus den Ländern der früheren Sowjetunion mit Hilfe von Sprachkursen, Bemühungen zur beruflichen Eingliederung sowie Religionsunterricht.

„Schleudersitz ins Jenseits“

Charlotte Knobloch ist die erste Frau an der Spitze des Zentralrats. Sie wurde 1932 in München als Tochter eines jüdischen Rechtsanwalts und einer zum Judentum konvertierten Christin geboren; den Holocaust überlebte sie,weil eine frühere Hausangestellte der Eltern sie als uneheliches Kind ausgab und unter anderem Namen auf einem fränkischen Bauernhof unterbrachte. Seit 1985 ist sie Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern.

Frau Knoblochs Vorgänger Paul Spiegel, Ignatz Bubis, Heinz Galinski und Werner Nachmann starben jeweils im Amt. Frau Knobloch nannte ihr Amt wegen der latenten Anschlagsgefahr einmal einen „Schleudersitz ins Jenseits“ und sagte, sie hoffe, dass es ihr gelingen werde, abzutreten und nicht „mit den Füßen voran“ aus dem Amt getragen zu werden. Das scheint ihr nun zu glücken, wenn sie sich selbst auch die Umstände des Ausscheidens würdevoller vorgestellt haben wird.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP

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