Fischer als Zeuge vor Gericht

Wiedersehen mit der Putzgruppe

Von Thomas Kirn

„Der Begriff Putzgruppe ist mir geläufig”

„Der Begriff Putzgruppe ist mir geläufig”

21. März 2006 Die Erinnerung, weiß der ehemalige deutsche Außenminister Joseph Fischer, „ist sehr wenig belastbar“. Erfahren hat er dies vor fünf Jahren als Zeuge vor dem Frankfurter Landgericht, als er im Prozeß gegen den Opec-Terroristen Hans-Joachim Klein ins Plaudern über seine und des Angeklagten siebziger Jahre kam. Die Aussage erschien seinerzeit einem Staatsanwalt derart brüchig, daß dieser ein Verfahren wegen Falschaussage einleitete - und dieses freilich mangels Tatnachweises einstellen mußte.

Fischer, am Dienstag Zeuge in einem Zivilstreit zwischen dem Frankfurter Musikveranstalter Ralf Scheffler und der Münchner Zeitschrift „Focus“, gab sich noch immer beeindruckt von der Erfahrung, daß es die Justiz genau nimmt. Sein Ausweg war der übliche: Was man nicht sagt, kann einem nicht später als unwahr unterstellt werden.

„Der Begriff Putzgruppe ist mir geläufig“

Mit der Erklärung, man spreche über eine dreißig Jahre zurückliegende Zeit, mochte Fischer sich kaum erinnern, daß es am militanten Rand der linken Frankfurter Sponti-Szene einmal eine „Putzgruppe“ gab. Er soll sie übrigens geleitet haben. Um diese wohl auch selbstironisch und nachträglich als „Proletarische Union für Terror und Zerstörung“ bezeichnete Schlägerbande dreht sich der Rechtsstreit.

Als im April 2003 der Kabarettist Matthias Beltz nach plötzlichem Herztod beerdigt wurde, zierte die Münchner Zeitschrift einen Bericht darüber mit einem Foto, auf dem auch Scheffler abgebildet war. Unterschrieben war das Bild mit den Worten, dieser habe einst „in der Putzgruppe als passionierter Schläger“ einen Ruf gehabt. Scheffler, der das bekannte Musiklokal „Batschkapp“ betreibt, will, daß die Zeitschrift ihm dafür 15.000 Euro Schmerzensgeld zahlt und daß das Gericht dem Blatt die Wiederholung der Behauptung untersagt.

Bundesminister a.D. Fischer, dessen Erinnerung 2001 immerhin noch soweit reichte, von Übungsstunden mit der Putzgruppe per Interview zu berichten und in Selbstanklage vom Irrweg der Gewalt zu sprechen, gestand am Dienstag gerade mal ein, „der Begriff Putzgruppe ist mir geläufig“. Woher der Name komme und was das wohl gewesen sei, wußte der Zeuge angeblich nicht mehr so recht, „da müßte ich spekulieren“. Jedenfalls habe es sich im keine festgefügte Organisation gehandelt und Stammpersonal scheint es auch nicht gegeben zu haben.

Schleppend ins vierte Verhandlungsjahr

In einem ist sich Fischer seiner Erinnerung freilich sicher: Scheffler, „einer meiner engsten Freunde bis heute“, sei ihm nicht als „passionierter Schläger“ bekannt. „Daß müßte ich wissen.“

Die vorsichtige Aussage deckt sich mit Darlegungen von anderen Zeugen in einem sich sehr langsam ins vierte Verhandlungsjahr schleppenden Zivilprozeß. Johnny Klinke etwa sieht das genauso, einer der auch einst zur Gruppe gerechnet wurde und es vom klassenkämpferischen Hausbesetzer zum Chef des Kabarett-Theaters „Tigerpalast“ gebracht hat. Die Premieren dort sind gesellschaftliche Ereignisse in Frankfurt, mit der Oberbürgermeisterin, Verwaltungschefs und Vorstandsvorsitzenden als Ehrengästen.

Oder etwa Daniel Cohn-Bendit, grüner Europa-Abgeordneter, dem die Zeugenpflicht eher lästig war, der mit Straßburg telefonieren mußte, der schon einmal dem Richter und dem Beklagtenanwalt aus München korrigierend ins Wort fiel, und sich lediglich erinnerte: „Scheffler ist mir als leidenschaftlicher Liebhaber bekannt.“

„Die wollen uns vernichten“

Damals, als dies so gewesen sein soll, gab Cohn-Bendit den „Pflasterstrand“ heraus, der sich von einer linken Postille zu einer auch vom Klassenfeind gekauften Zeitschrift entwickelte. Der Herausgeber, wie Scheffler ein Freund Fischers bis heute, war berühmt geworden durch seine Rolle im Pariser Mai des Jahres 1968, einer Revolte, die beinahe zum Sturz de Gaulles geführt hätte. Doch in Frankfurt hat sich „Dany le Rouge“ an den Gewalttätigkeiten der Putzgruppe nicht beteiligt. Er ward beim Rüpeln und Einpeitschen oft, beim Schlagen oder Steinewerfen jedoch nie gesehen.

Mit feinen Speisen lockt einer, der aus härterem Holz geschnitzt war, seit Jahren betuchten Besuchern das Geld aus dem mit Wohlbehagen geöffneten Portemonnaie. Klaus Trebes schließlich, bisher nicht als Zeuge benannt, betreibt das Feinschmeckerlokal „Gargantua“ im Frankfurter Westend. Der Stadtteil war einst Schauplatz im Frankfurter „Häuserkampf“. Wohnungen wurden besetzt und von der Polizei geräumt, es gab Straßenschlachten, die von der Kommunalpolitik und der Polizeiführung als „bürgerkriegsähnlich“ bezeichnet wurden. Neben einer argumentativ-politischen Linie, die sich gegen die Zerstörung von intaktem Wohnraum richtete, trug die „Putzgruppe“ die Hauptlast in einem harten Kampf gegen die Polizei.

Überliefert ist die Bemerkung eines Beamten, der sich in einer Zeitung zitieren ließ: „Lieber gegen Zuhälter als noch einmal gegen Politrocker. Die wollen uns vernichten.“

Heldentaten gegen die „Bullen“

„Focus“-Anwalt Robert Schweizer hat weitere Zeitzeugen benannt. Er will hören, was Hans-Joachim Klein zu sagen hat, ein vom revolutionären Gedankengut infizierter Automechaniker, der fast zur tragischen Figur wurde, als er sich einer arabischen Terrorgruppe anschloß und mit dabei war, als 1975 die Wiener Opec-Zentrale überfallen und drei Menschen erschossen wurden. Klein tauchte unter, wurde nach 25 Jahren in Nordfrankreich ausfindig gemacht und verurteilt. Auf Bewährung ist er in Freiheit.

Ebenfalls gehört werden soll Tom Koenigs, heute Sonderbeauftragter der UN-Mission in Afghanistan. Der aus Köln stammende Bankierssohn, der in frühen Jahren innerer Bewegung sein ererbtes Vermögen den nordvietnamesischen Kommunisten vermacht hatte, später als Politiker der Grünen Umweltdezernent im Frankfurter Magistrat war, soll ebenfalls zu „Fisherman's Friends“ gehört haben, als man vor Begegnungen mit der Polizei den Motorradhelm festschnallte. Hinterher in der Kneipe, so berichtete die die ehemalige Grüne und nun für „Ökolinx“-Gruppierung im Frankfurter Stadtparlament sitzende Jutta Ditfurth als Zeugin, hätten sich die Herren ihrer Heldentaten gegen die „Bullen“ gerühmt.

Im Mai soll der Prozeß jedoch zunächst mit dem Autor Christian Schmidt als Zeugen fortgesetzt werden. Der hatte 1998 ein freches Buch mit dem Titel „Wir sind die Wahnsinnigen“ veröffentlicht. Untertitel: „Joschka Fischer und seine Frankfurter Gang.“

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: AP, dpa, dpa/dpaweb

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