Mahnmal-Eröffnung

„Ein Denkmal gegen das Vergessen“

Im Stelenfeld: Thierse und Köhler

Im Stelenfeld: Thierse und Köhler

10. Mai 2005 Zwei Jahre nach Baubeginn ist am Dienstag unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit und scharfen Sicherheitsvorkehrungen in Berlin das Denkmal für die ermordeten Juden Europas feierlich eröffnet worden.

Bei der Eröffnungsfeier würdigte der Präsident des Zentralrates der Juden, Paul Spiegel, das Denkmal als wichtigen Beitrag gegen das Vergessen und als Versuch, aktuellen Tendenzen des Antisemitismus entgegenzuwirken. Spiegel, wies wie schon sein Vorgänger Ignatz Bubis darauf hin, daß für die Juden die maßgeblichen Orte des Gedenkens und der Trauer die authentischen Orte seien.

Der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Paul Spiegel im Gespräch mit Architekt Eisenman und Thierse

Der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Paul Spiegel im Gespräch mit Architekt Eisenman und Thierse

„Das Gedenken an die Ermordeten erspart den Betrachterinnen und Betrachtern die Konfrontation mit Fragen nach Schuld und Verantwortung“, monierte Spiegel. Ihm fehle eine Thematisierung der „Motive der Täter im Denkmal selber“. Das Mahnmal sei daher „unvollständig“. Er attestierte dem Mahnmal jedoch „beste Absicht“ und „künstlerische Bedeutung“ und unterstützte das Anliegen anderer Opfergruppen, eigene Denkmale zu errichten.

Kein „steinerner Schlußpunkt“

Nach Überzeugung von Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) wird das Mahnmal einen wichtigen Beitrag dazu leisten, die Verfolgung der Juden durch die Nationalsozialisten in Erinnerung zu halten. Bei der Eröffnung der Gedenkstätte sagte Thierse: „Was heute noch in großer Eindringlichkeit Zeitzeugen erzählen können, müssen in Zukunft Museen, muß Kunst vermitteln.“ Das Denkmal sei aber nicht der „steinerne Schlußpunkt unseres öffentlichen Umgangs mit unserer Nazi-Geschichte“, sagte Thierse.

Bundespräsident Köhler mit Gattin Eva vor Beginn der Eröffnungszeremonie

Bundespräsident Köhler mit Gattin Eva vor Beginn der Eröffnungszeremonie

Thierse dankte Lea Rosh und Eberhard Jäckel, den Gründern der Bürgerinitiative, auf welche das Denkmal zurückgeht, dem Architekten Peter Eisenman und der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem, die dem "Ort der Information" unter dem Feld aus Stelen die bislang ermittelten 3,5 Millionen Namen der insgesamt sechs Millionen jüdischen Opfer der NS-Herrschaft überließ.

Peter Eisenman sagte, vielleicht mache die Schlichtheit des Denkmals es für manche zur Provokation. Das Leiden derer, an die es erinnert, habe ihn zum Schweigen bewegt. Nun hoffe er, daß das Mahnmal zu den Deutschen und zur Welt spreche. Die Kontroversen, die seinen Entwurf und die zweijährigen Bauarbeiten begleiteten, hätten das Ergebnis verbessert. Sein Berliner Auftrag habe ihn seinem Judentum nähergebracht, und er habe verstanden, daß bei aller Verschiedenheit des jüdischen Lebens „wir in ihren Augen alle gleich waren“. Das habe ihn Demut gelehrt. Er sei zwar ein New Yorker, sagte Eisenman, doch ein „Teil meiner Seele wird immer in Berlin bleiben“.

Eine „große emotionale Kraft“

Mit dem Stelen-Feld und dem unterirdischen „Ort der Information“ werde heutigen und künftigen Generationen ermöglicht, „mit dem Kopf und dem Herzen sich dem unbegreiflich Geschehenen zu stellen“, sagte Thierse. Er habe die Hoffnung, daß gerade auch junge Menschen die „begriffslose Ausdruckskraft“ des Denkmals spürten, sagte Thierse. Nach seinem Empfinden entfalte das Mahnmal eine „große emotionale Kraft“. Der SPD-Politiker ist auch Vorsitzender des Kuratoriums der Mahnmal-Stiftung.

Thierse bezeichnete das Mahnmal als eine „begehbare Skulptur ..., eine bauliche Symbolisierung für die Unfaßlichkeit des Verbrechens.“ Es solle keine „negative Nostalgie“ erzeugen, „sondern ein Gedenken der Opfer, das uns in der Gegenwart und Zukunft verpflichtet“.

Das Denkmal erinnere an das „entsetzlichste Verbrechen Nazi-Deutschlands“, an den Versuch, ein ganzes Volk zu vernichten, sagte Thierse. Der Holocaust berühre die „Grenze unseres Verstehens“. Das Denkmal agiere an dieser Grenze. Es sei Ausdruck für die Schwierigkeit, eine künstlerische Form für die „Monstrosität“ der NS-Verbrechen zu finden.

Auch künftig Kontroversen

Thierse betonte zugleich, Deutschland gerate mit dem Mahnmal an die „Grenze dessen, was einer sozialen Gemeinschaft möglich ist“. Dies könne „die Heftigkeit der Debatte um das Denkmal, auch manchen Widerstand erklären und rechtfertigen“. Es werde wohl auch künftig Kontroversen um das Mahnmal geben, „was gewiß nicht das Schlechteste sein muß“.

Thierse erinnerte daran, daß die Entscheidung des Bundestages für das Mahnmal am 25. Juni 1999 eine der letzte Beschlüsse war, die das Parlament vor dem Umzug von Bonn nach Berlin faßte. Deutschland bekenne sich mit dem Holocaust-Mahnmal zum größten Verbrechen seiner Geschichte. Im Zentrum Berlins, in dem sich das Mahnmal befindet, sei zwar nicht Ort des Massenmordes gewesen. Hier sei aber die systematische Tötung von Menschen erdacht, geplant, organisiert und verwaltet worden.

Ein Ort der Stille

Sabina van der Linden, die als elfjähriges Mädchen in Polen ihre gesamte Familie durch die Verbrechen an den polnischen Juden verlor, nannte Eisenmans Denkmal „großartig“. Daß die Täter untergegangen seien, doch einige ihrer Opfer überlebt hätten, sei ein Sieg aller anständigen Menschen, nicht nur der Juden, sagte sie unter dem Applaus der tausend Gäste, unter denen sich der Bundespräsident, der Bundeskanzler und viele Vertreter jüdischer Gemeinden sowie auch Holocaust-Überlebende befanden.

Lea Rosh dankte allen, die sich in den 17 Jahren seit der ersten Idee für das Denkmal eingesetzt haben. Ziel des Mahnmalprojekts sei es gewesen, den Ermordeten ihre Namen zurückzugeben. Sie sei dankbar, daß dies nun gelungen sei. Die Eröffnungsfeier endete mit dem Kaddisch, dem jüdischen Totengebet.

Von Donnerstag an wird das Mahnmal frei zugänglich sein, das unweit des Brandenburger Tores aus einem wellenförmig angelegten Feld von 2711 Beton-Stelen besteht und einem unterirdischen „Ort der Information“, an dem das Schicksal von Opfern dokumentiert wird. Ab Donnerstag ist das Mahnmal für die Öffentlichkeit zugänglich. (Lesen Sie auch: Spezial: Das Holocaust-Mahnmal )

Text: FAZ.NET mit Material von mk. und AFP/ddp
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, dpa/dpaweb, KNA-Bild, picture-alliance / dpa/dpaweb, REUTERS, ZB

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