Von Michael Gassmann
22. September 2005 Angela Merkel räkelt sich lüstern und leicht bekleidet auf einem Kissen, das von den zwölf Sternen Europas geziert wird. Einem schlechtgelaunten türkischen Ministerpräsidenten raunt sie mit frivolem Grinsen und einer Zigarette im Mund aufreizend zu: Ein schlampiges Verhältnis ist doch viel aufregender als eine muffige Ehe! Merkel als Schlampe - es gibt Gemeinheiten, die man nur einer Frau antun kann. Karikaturisten wissen das zu schätzen.
Das Bonner Frauenmuseum hat aus seinem gesellschaftspolitischen Archiv eine üppige Auswahl an Merkel-Karikaturen aus den Jahren 1994 bis 2005 zu einer sehenswerten Ausstellung zusammengetragen. Betrachtet man sie chronologisch, drängt sich die Frage auf, wie überhaupt jemand auf die Idee kommen konnte, die CDU-Vorsitzende könne die Wahl vom 18. September gewinnen. Denn von Anfang an trägt Merkel in keiner einzigen Zeichnung die Züge einer Siegerin, allenfalls die einer Gewinnlerin. Sie siegt nicht über den politischen Gegner, sondern gewinnlert über die Männer der eigenen Partei.
Männerköpfe als Trophäen
Eine Arbeit von Dieter Hanitzsch zeigt sie als im Sessel sitzende Jägerin, die Flinte auf ihrem Schoß, die Köpfe Kohls, Schäubles und Merzens als Trophäen an der Wand. Ein wichtiger Topos der Karikaturen ist das Verhältnis der einsamen Frau zu den Männern um sie herum: Sie ist die Männermordende, aber auch die von Männern Bedrohte und von Männern Verlassene. Walter Hanel hielt im Dezember des letzten Jahres eine bekümmerte Merkel fest, an deren Adventskranz die Kerzen Polenz, Meyer, Merz und Seehofer erloschen sind. Barbara Henniger, deren Werken eine eigene Abteilung gewidmet ist, sieht Merkel als Männeropfer: Am Frühstückstisch sagen die: Das Besteck gibt's bei unserer Frühstücksdirektorin. Es steckt in ihrem Rücken.
Die hängenden Schultern, der Kopf ohne Hals, die heruntergezogenen Mundwinkel, der schlechte Gang und vor allem: die Frisur. Wer so aussieht, kann gar nicht gewinnen. Die Erscheinung Angela Merkels ist ein gefundenes Fressen. Genial ist der Einfall Burkhard Mohrs, der für diese Zeitung und den Bonner General-Anzeiger arbeitet, sie nicht in eines ihrer schlecht sitzenden Kostüme, sondern in ein geblümtes Kleid zu stecken. Das macht sie vollends zur traurigen Gestalt. Bei Mohr fühlt man dieses Kunstgriffes wegen etwas, was es in den Karikaturen der anderen gar nicht gibt: Mitleid. Sie ist es, die am 6. Dezember 2004 als Mutter Courage den CDU-Karren durch den Dreck zieht. Auf der Pritsche sitzt feist das männliche Personal der Partei.
Angela Merkel ist, glaubt man den Karikaturisten, eine Ritterin von der traurigen Gestalt. Und da das Wort Ritterin noch weniger als der Begriff Kanzlerin gebräuchlich ist, sind ihre Siegeschancen im Duell unter Null. Klaus Böhle hat im August 2001 eine Angela Don Quichotta gezeichnet, die frustriert vor einem jener Windräder steht, mit denen Rot-Grün das Land überzogen hat. Es trägt die feisten Züge Gerhard Schröders. Frau Merkel auf ihrem Esel sagt: An die Windmühle kann ich nicht ran. Nach dem Auftritt Schröders am Wahlabend muß man befürchten, das Windrad Gerhard plane, alles um sich herum zu zerschreddern. Distanz kann da lebensrettend sein.
Frauenmuseum Bonn, bis 20. November. Kein Katalog.
Text: F.A.Z., 23.09.2005, Nr. 222 / Seite 42
Bildmaterial: F.A.Z.-Burkhard Mohr, F.A.Z.-Mohr, Frauenmuseum, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb