SPD-Spitze

Mutiger Kurt Beck

Von Stefan Dietrich

Kühne Entscheidung:SPD-Chef Beck

Kühne Entscheidung:SPD-Chef Beck

22. Mai 2007 Die Balance zu halten zwischen einflussreichen Gruppierungen in seiner Anhängerschaft ist überlebenswichtig für jeden Parteipolitiker, denn stets wird er danach beurteilt, wie viel Unterstützung er bei den jeweiligen Flügeln, in den Regionen, bei Frauen und Männern genießt. Und auf jedem Parteitag wird nachgemessen, ob der Vorsitzende noch die Kraft hat, sich selbst zu behaupten und „seine Leute“ an den Schaltstellen des Apparats unterzubringen. Frühere Vorsitzende der SPD haben sich diese Unterstützung gelegentlich durch die Vermehrung der Stellvertreterposten erkauft: Deren Zahl wuchs von einem (1946–1958) auf jetzt fünf.

Kurt Beck ist der Erste, der den Gegenkurs einschlägt. Den hergebrachten Proporz über den Haufen zu werfen und damit zwangsläufig einen Teil der eigenen Hausmacht vor den Kopf zu stoßen ist so ziemlich das Kühnste, was er sich ein Jahr nach der Übernahme des Parteivorsitzes und auf einem Tiefpunkt seiner Beliebtheit vornehmen konnte.

Kurs für den nächsten Wahlkampf festgelegt

Das alte Strickmuster Mann–Frau, links–rechts, West–Ost hat Beck durch eine Führungsstruktur ersetzt, die zwar noch Elemente des Proporzdenkens enthält, doch eine grundsätzlich andere Statik aufweist. Beck hat erkannt, dass schwache Stellvertreter einen Vorsitzenden nicht stärker erscheinen lassen. So umgibt er sich nun mit zwei Männern, die mindestens sein Format haben, aber selbst nicht über eine Hausmacht verfügen und von denen er kaum befürchten muss, dass sie ihm die Kanzlerkandidatur streitig machen wollen.

Von Andrea Nahles wird man das zwar nicht sagen können, doch die Hoffnungsträgerin der Linken dürfte aus ihrem tiefen Fall vor eineinhalb Jahren gelernt haben, sich zu zügeln. Alle drei zusammen sollen den vierten „heißen“ Anwärter auf einen Stellvertreterposten auf Abstand halten: Klaus Wowereit, den Vorbereiter einer Lagerbildung mit der Linkspartei.

So dient Becks erste große Personalrochade nicht nur der persönlichen Absicherung, sondern auch der Festlegung des Kurses für den nächsten Wahlkampf. Die beifällig aufgenommenen Koalitionsgespräche mit den Grünen in Bremen zeigen, wohin die Reise gehen soll. Wenn es nach Beck geht, darf auch die FDP mit von der Partie sein. Den Vorstand hat er dafür jetzt gewonnen. Aber der Parteitag, der darüber entscheidet, findet erst im Herbst statt.

Text: F.A.Z., 22. Mai 2007
Bildmaterial: AP

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