Wolfsburg

Nach der Erholung ein neuer Schock

Von Siegfried Thielbeer

Unzertrennlich: VW, Wolfsburg und der OB

Unzertrennlich: VW, Wolfsburg und der OB

11. Juli 2005 Der Wolfsburger Oberbürgermeister Rolf Schnellecke verweist gern auf die schon erreichten Erfolge bei der Ablösung der Stadt Wolfsburg von der „Monokultur Volkswagen“. Aus der schwersten Existenzkrise der Stadt 1993, als 30.000 Arbeitsplätze bei VW bedroht waren, habe man sich in engster Zusammenarbeit mit dem Autokonzern, dem Betriebsrat und den Gewerkschaften befreit.

Die Stadt habe eigentlich ein neues Image gewonnen. Es gebe die „Autostadt“ und die Freizeitparks mit ihrem breiten Kunst- und Kulturangebot. Man sei auf dem besten Wege gewesen, auch zu einem Service- und Technologiezentrum zu werden. Dann im vergangenen Jahr, als während der Opel-Krise auch VW den Gürtel enger schnallen mußte, hätten Firma und Gewerkschaften dieses Problem auch gelöst, und die Stadt, finanziell schwer gebeutelt durch das Wegbrechen der Gewerbesteuer, habe gleichzeitig hart gespart, den Investitionshaushalt halbiert, Personal abgebaut, „Tafelsilber verkauft“.

VW-Skandal schadet dem Image der Stadt

Dann sei um die Jahreswende der Skandal um die SPD-Landtagsabgeordneten Viereck und Wendhausen hinzugekommen. Abermals sei das Ansehen von Wolfsburg lädiert worden, zumal Viereck auch Bürgermeister war. Und kaum hatte sich hier der Staub jetzt etwas gelegt, komme nun dies. Alles, was VW schade, schade auch der Stadt. Ihr Image leide jetzt ebenso wie das der Autobauer. Und das hätten weder die Beschäftigten von VW noch die Bürger verdient. Dabei brauche die Stadt wieder Vertrauen.

„Wenn VW hustet, bekommt Wolfsburg eine Lungenentzündung“, lautet ein Spruch in der Stadt. Und in der Tat ist Wolfsburg, die Retortenstadt aus dem Jahr 1938, immer noch in Wohl und Wehe mit Volkswagen verbunden. 122.000 Einwohner hat Wolfsburg. Und von den 96.000 sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten in der Stadt (davon sind etwa 58.000 Pendler von außerhalb) arbeiten 50.000 unmittelbar für VW.

Alles hängt vom Wohlergehen von VW ab

Das ist zwar etwas besser als einst, als es 75 Prozent aller Beschäftigten waren. Aber natürlich hängt auch der Rest vom Wohlergehen des Autokonzerns ab: Das reicht von den neuentstandenen oder aus VW ausgegliederten Zulieferern, Service- und Logistikbetrieben bis hin zum Einzelhandel und der Gastronomie. Die Läden in der Haupteinkaufsstraße, der Porschestraße, sind nicht übermäßig voll. Und das dürfte nicht nur am heißen Wetter liegen.

Die allgemeine Verunsicherung über die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland schlägt sich in deutlicher Konsumzurückhaltung nieder, wie auch Schnellecke immer wieder von den Kaufleuten erfahren muß - und dies, obwohl die Löhne der VW-Arbeiter deutlich höher sind als in anderen Branchen.

Begann als „Musterstadt des Führers“

Die Stadt Wolfsburg war am 1. Juli 1938 als „Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben“ gegründet worden. Hitler, der um die Faszinationskraft der Motorisierung wußte und sie für seine Propaganda nutzen wollte, strebte schon 1933, parallel zum Autobahnbau, eine Volksmotorisierung an durch ein billiges Auto. Der Österreicher Ferdinand Porsche entwarf dann den Käfer. Und Anfang 1938 kam es zum ersten Spatenstich für das Werk auf der grünen Wiese. Zugleich mußte eine Stadt entstehen, damit die Arbeiter leben konnten - Wolfsburg, die „Musterstadt des Führers“.

Die große Existenzkrise der Stadt war in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit der VW-Krise gekommen. Damals verkündete VW, daß der Konzern in Deutschland 30.000 Beschäftigte zuviel habe. Dem Vorstandsvorsitzenden Piech gelang die Sanierung: 20.000 Arbeitsplätze wurden damals in Wolfsburg abgebaut. Der CDU-Mann Schnellecke, der zehn Jahre Oberstadtdirektor war und nun, seit 2001, Oberbürgermeister ist, erinnert sich: Piech habe es rasch begriffen, daß man bei der Sanierung des Unternehmens die Stadt nicht untergehen lassen könne.

Aktiv in der Modernisierung

Das Ansehen des Weltkonzerns stand auf dem Spiel. Der VW-Konzern, der schon immer Mäzen der Stadt gewesen war, förderte allein vier Sportclubs, darunter den berühmten Fußballclub VfL, engagierte sich aber auch beim Umbau der Stadt. Mit der „Wolfsburg-AG“, an der die Stadt zur Hälfte beteiligt ist, wurden neue Industrien und der Dienstleistungssektor gefördert. Diversifizierung war das Ziel. Insgesamt waren etwa 23.000 neue Arbeitsplätze entstanden.

Zugleich wurden Wohngebiete und Infrastruktur modernisiert. Eine Halbierung der Arbeitslosigkeit auf sieben Prozent war erreicht worden. (Inzwischen ist die Arbeitslosigkeit mit 6.500 wieder auf 11,5 Prozent angestiegen.) Zugleich sollte mit „Erlebniswelten“ und der „Autostadt“ ebenso wie mit Kulturprojekten eine neue Attraktivität für Tourismus geschaffen werden. Die Volkswagen-Arena und das „Badeland“ wurden eröffnet. Besucher werden im Science-Center „Phaeno“ Naturwissenschaft und Technik experimentell erkunden können.

Zurückhaltende Stellungnahmen in Wahlkampfzeiten

Im vergangenen Jahr war Wolfsburg von der Wirtschaftsberatungsgesellschaft „Prognos“ zur „dynamischsten Stadt Deutschlands“ erklärt worden - von 439 insgesamt untersuchten. Schnellecke sagt, die Bilanz der Lokalpolitik sei gut: Wenn jetzt die Investitionen der Stadt halbiert würden, sei das eigentlich auch eine Normalisierung. Bei all der dynamischen Entwicklung und der Diversifizierung und leichten Abkoppelung von VW habe sich der Autokonzern voll in die Verantwortung eingebracht.

Personalvorstand Hartz und der Betriebsratsvorsitzende Volkert hätten sich große Verdienste um die Stadt erworben, hebt der CDU-Politiker Schnellecke hervor. Natürlich hätte er sich, vor allem in Wahlkampfzeiten, mehr parteipolitische Neutralität des Betriebsrats gewünscht. Aber grundsätzlich sei sein Verhältnis zu Volkert, der stets zu helfen bereit war, „sehr gut“ gewesen und „hoch vertrauensvoll“. Schnellecke hält kriminelle Aktivitäten Volkerts für unvorstellbar.

Natürlich müßten kriminelle Aktivitäten rasch aufgeklärt werden. Alle Beteiligten hätten ein Interesse am Wohlergehen von VW, auch die Landesregierung, denn VW sei größter Arbeitgeber. Deshalb hält Schnellecke Verdächtigungen, hier handele es sich um eine gezielte politische Kampagne, für absurd. Und dabei verweist der Oberbürgermeister auf die betont neutralen und zurückhaltenden Stellungnahmen von Ministerpräsident Wulff.

Text: F.A.Z., 12.07.2005, Nr. 159 / Seite 4
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb

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