Exzellenzwettbewerb

Auf dem Weg zur Eliteuniversität

Von Heike Schmoll

Freiburg unternimmt einen zweiten Versuch im Exzellenzwettbewerb

Freiburg unternimmt einen zweiten Versuch im Exzellenzwettbewerb

20. Juli 2007 Bis zur Entscheidung im Exzellenzwettbewerb steigt die Spannung an den Universitäten in Heidelberg und Freiburg weiter. Alle Vorbereitungen für den Wettbewerb um die Eliteuniversität sind beendet und haben das Rektorat sowie die Antragschreiber unter den Hochschullehrern für Monate blockiert, auch wenn sie alle ihre Lehrveranstaltungen weiterführten.

In Freiburg war der einzige hauptamtliche Prorektor an einer deutschen Universität, eigentlich für Studium und Lehre zuständig, nahezu ausschließlich mit der Exzellenzinitiative befasst. Denn die Anträge müssen nicht nur, sorgfältig formuliert, die kritischen Hinweise des Wissenschaftsrats aus dem Scheitern in der ersten Runde berücksichtigen, sondern auch noch in englischer Sprache abgefasst werden.

„Antrag gleich auf Englisch geschrieben“

Dieses Mal haben wir den Antrag gleich auf Englisch geschrieben, wir haben aus der ersten Runde gelernt“, berichtet Rektor Hommelhoff in Heidelberg. Denn die Ruprecht-Karls-Universität war in der ersten Runde am Zukunftskonzept für die Universität gescheitert.

Die Albert-Ludwigs-Universität wäre schon in der ersten Runde zur Eliteuniversität geworden, verfehlte jedoch das notwendige Exzellenzcluster. Am sogenannten Zukunftskonzept gab es schon damals so wenig zu deuteln, dass eigentlich auf die dreitägige Begehung im Juni verzichtet werden sollte. Sie fand am Ende aber doch statt.

Der Jubel erstickte im Katzenjammer

In Heidelberg war das ganz anders. Dort standen schon die Festzelte, um nach einer voreiligen Mitteilung von oberster Stelle den Titel der Eliteuniversität nach der Vorrunde zu feiern. Doch der Jubel erstickte im Katzenjammer.

Die örtliche Zeitung musste zurückziehen, die erste Runde hatte der Universität nicht mehr als eine Graduiertenschule (Fundamental Physics) und ein Exzellenzcluster (Cellular Networks) beschert. In der Vorauswahl der zweiten Runde schnitten drei weitere Graduiertenschulen und drei Exzellenzcluster sowie das Zukunftskonzept insofern erfolgreich ab, als sie zu Vollanträgen wurden.

Spannung zwischen Heidelberg und Mannheim lösen

Das Zukunftskonzept war nicht so sehr an inhaltlichen Schwächen gescheitert. Immerhin haben das Stuttgarter Wissenschaftsministerium und der Wissenschaftsrat die dort vorgeschlagene Personalstruktur übernommen und ausdrücklich empfohlen. Vielmehr vermittelte sich den Gutachtern der Eindruck, dass sich keineswegs die gesamte Universität mit dem Antrag identifizierte. Der unerwartete Misserfolg hat nicht nur zu einem offenen Schlagabtausch im Senat geführt, sondern auch zu einer ungeahnten gemeinsamen Anstrengung aller Beteiligten, er hat die Universität zusammengeschweißt. Die Exzellenzinitiative war zur Sache der gesamten Universität geworden.

Das Rektorat hatte verstanden, dass die Exzellenzinitiative trotz des neuen Machtzuwachses innerhalb der Hochschulreform für die Universitätsleitung nicht von oben diktiert werden darf, sondern aus den Fakultäten wachsen muss. Einbezogen waren dieses Mal nicht nur deren Dekane, sondern auch externe Wissenschaftler, Industrievertreter, Akademien und Ratgeber. Der neue Heidelberger Antrag mit dem Titel „Realising the Potential of a Comprehensive University“ entwirft das Bild einer klassischen Volluniversität als grundlagenorientierter Forschungsuniversität mit Stärken und allen Wissenschaftsbereichen (Lebenswissenschaften, Medizin, Naturwissenschaften, Sozial- und Rechtswissenschaften, Geisteswissenschaften), die gleichzeitig eine interdisziplinäre Forschung als Verbindung zwischen den wissenschaftlichen Disziplinen organisiert.

In Heidelberg soll die Gleichwertigkeit der drei Karrierewege Habilitation, Juniorprofessur und Forschungsgruppenleitung erhalten bleiben. Zusätzlich will die Universität Startprofessuren entwickeln, um nach dem Tenure-Track des angelsächsischen Vorbilds unterschiedliche Karrieren für Nachwuchswissenschaftler zu erleichtern. Außerdem will die Universität eine neue medizinische Universität gründen, um die alte Spannung zwischen Heidelberg und Mannheim zu lösen.

Gedanken der Volluniversität

Weil die ausgewählten Exzellenzcluster und Graduiertenschulen dazu tendieren, nicht beteiligte Fächer im Hochschulalltag zu verdrängen, will Heidelberg das interdisziplinäre Marsilius-Kolleg, benannt nach dem Gründungsrektor der Heidelberger Universität, Marsilius von Inghen, ins Leben rufen, das sich zunächst mit den Schwerpunkten „Alternsforschung“, „Menschenwürde und Menschenbild“ sowie „Gedächtnis“ befassen soll.

Wissenschaftler sollen für einen begrenzten Zeitraum, meist für ein Jahr eingeladen werden, als Fellows am Marsilius-Institut zu forschen. Die Verbindung zwischen Geistes- und Naturwissenschaften würde hier regelrecht institutionalisiert. Um international renommierten Wissenschaftlern, aber auch den Forschern der eigenen Universität die Mitwirkung zu erleichtern, soll es unterschiedliche Formen der Teilnehme geben – so verfügen die „Fellows with a budget“ über eine bestimmte Summe, um ein neues Thema für ein interdisziplinäres Projekt anzustoßen und dieses durch Gastvorträge und kürzere Forschungsaufenthalte zu entwickeln.

Das Marsilius-Kolleg steht und fällt mit dem Erfolg in der Exzellenzinitiative, es lässt sich aus eigener Kraft nicht finanzieren. Um auch die Kontinuität im Rektorat zu wahren, hat Heidelberg bereits den Nachfolger für Rektor Hommelhoff gewählt. Es ist der Geograph Bernhard Eitel, der vor fünf Jahren von Passau nach Heidelberg gekommen war. Er entwickelte nicht nur den Exzellenzantrag mit, sondern trägt auch den Gedanken der Volluniversität.

Acht Universitäten bewerben sich um den Elitetitel

Im Oktober fällt die Entscheidung in der zweiten Runde der Exzellenzinitiative, die Universitäten nicht nur den Titel als Eliteuniversität sichert, sondern auch enorme finanzielle Handlungsspielräume eröffnet (die Exzellenzinitiative ist mit 1,9 Millionen Euro dotiert). Mehr als siebzig Universitäten aus allen Bundesländern hatten sich im vergangenen Herbst mit insgesamt mehr als 300 Projekten in der Vorrunde der zweiten Auswahlphase beworben.

Acht Universitäten bewerben sich nun um den Elitetitel. Es sind die RWTH Aachen, die Freie Universität und die Humboldt-Universität in Berlin, die Universitäten in Bochum, Freiburg, Göttingen, Heidelberg und Konstanz. Außerdem bewerben sich 26 Universitäten um die besten Graduiertenschulen und 28 mit insgesamt 40 Projekten um die besten Exzellenzcluster. Am 19. Oktober liegen die Ergebnisse der Auswahl vor, über die nach Begutachtungen und Begehungen durch Deutsche Forschungsgemeinschaft und Wissenschaftsrat der gemeinsame Bewilligungsausschuss aus Wissenschaft und Politik entscheidet.

Da bei der ersten Runde die Lebens- und Ingenieurwissenschaften vorherrschten, sind alle Gremien bestrebt, diese Dominanz zu vermeiden. Nach der Vorauswahl können Geistes- und Sozialwissenschaftler dieses Mal hoffen, auch sind ostdeutsche Universitäten zumindest bei Graduiertenschulen und Exzellenzclustern stärker beteiligt.

Universität und Stadt bilden eine Einheit

In Freiburg hat sich der Druck während der Vorbereitungsphase zusätzlich durch die Doping-Verwicklung einiger Sportmediziner an der Uni-Klinik erhöht. Der seit über zwölf Jahren amtierende Politologe Rektor Jäger versucht nach außen gelassen zu bleiben und versichert: „Wir werden unsere Qualität durch einen professionellen Umgang mit diesen Vorwürfen erweisen.“ Hinzu kam das Universitätsjubiläum (550 Jahre), das mit den Begehungen der Gutachter zusammenfiel und zu einer weiteren internen Belastung führt.

An der Albert-Ludwigs-Universität war das Scheitern am Exzellenzcluster und an einer Graduiertenschule der renommierten Freiburger Rechtswissenschaftler in der ersten Runde des Wettbewerbs zu verkraften. Als Geisteswissenschaftler weiß Jäger, wie schwierig es ist, in seinen Disziplinen Projekte zu definieren, die nicht trivial sind oder sich in Modethemen erschöpfen. Hinzu kommt, dass zwei herausragende Geisteswissenschaftler sich nicht an den Anträgen beteiligen konnten, weil sie bereits als Gutachter eingebunden sind.

Das ist um so misslicher, als Freiburg über ein geisteswissenschaftliches Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte und fünf Fraunhoferinstitute verfügt, die nur teilweise in die Universität integriert sind. Als eine der ersten Universitäten hatte Freiburg eine Alumni-Organisation gegründet, die heute mit 54.000 Mitgliedern eine der größten im Lande ist, Denn in Freiburg bilden Universität und Stadt stärker als an anderen Orten eine Einheit.

Verständigung zwischen den Disziplinen

Im vergangenen Jahr wurde Freiburg Mitglied der League of European Research Universities – gemeinsam mit Oxford und Cambridge. Außerdem ist die Universität Mitglied des sogenannten EUCOR (Europäische Konföderation der Oberrheinischen Universitäten), das die Hochschulen am Oberrhein in Straßburg, Basel, Mulhouse, Zürich und Karlsruhe umfasst.

Aufbauend auf ihren international anerkannten Exzellenzbereichen, den Geschichtswissenschaften, den Sprach- und Literaturwissenschaften, den Lebenswissenschaften und den Materialwissenschaften (Material- und Polymerforschung), will Freiburg die Forschungsfreiräume für die Wissenschaftler vor Ort erhöhen und strebt unter dem Stichwort der „Neuen Universitas“ eine Verständigung zwischen den Disziplinen an. Diese vier Bereiche sollen auch das „Freiburg Institute for Advanced Studies“ (FRIAS) bestimmen. Rektor Jäger wünscht sich, dass die Lebenswissenschaften stärker mit den Geisteswissenschaften kooperieren.

„Promovieren nach Maß“

Zur Stärkung der jungen Wissenschaftler soll es ein Forschergruppen-Programm für Nachwuchswissenschaftler geben. Es soll nicht etwa dazu führen, Disziplinen abzukapseln und eine Universität in der Universität zu schaffen, sondern durch einen Wechsel nach sechs, spätestens nach zwölf Jahren alle Disziplinen der Universität zum Zuge kommen lassen.

Hinzu kommen sollen eine „Internationale Graduiertenakademie“, die alle Überreglementierungen eines Promotionsstudiengangs vermeidet, Doktoranden aber durch Strukturvorgaben, Qualitätsstandards und Qualifizierung zusätzlich fördert. Geleitet wird sie von einem germanistischen Mediävisten. Promovierende müssten den Eindruck gewinnen, in einer faszinierenden Umgebung zu arbeiten, in Grundlagen der Hochschuldidaktik eingeführt werden, sagen die Freiburger und sind dabei, ein eigenes Konzept für ausländische Doktoranden zu entwickeln. Es gehe nicht um Evaluationsschemen, sondern um ein „Promovieren nach Maß“.

Schon seit einiger Zeit gibt es das zentrale „Science Support Centre“, das die eigenen Hochschullehrer bei der Beantragung von Drittmittelprojekten professionell unterstützt und entlastet. In Freiburg ist vieles gewachsen, was nun in einer möglichen Eliteuniversität zusammengebunden und ausgebaut werden könnte.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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