Ausländerfeindlichkeit

Mügeln und der Mob

Von Reiner Burger, Mügeln

Deuse: „Ich kenne unsere Jugendlichen”

Deuse: „Ich kenne unsere Jugendlichen”

21. August 2007 Gotthard Deuse steht auf dem Marktplatz vor seinem Rathaus, über dessen Tor „Sucht der Stadt bestes“ gemeißelt ist. Geduldig gibt der stämmige Bürgermeister der sächsischen Kleinstadt Fernsehinterview nach Fernsehinterview. Durch einen Angriff von etwa 50 zumeist jungen deutschen Männern auf acht Inder während des Altstadtfests am Wochenende war das zwischen Leipzig und Dresden gelegene Mügeln in die Schlagzeilen geraten. Zwar ermittelt die Polizei noch die Hintergründe der Ausschreitungen, doch längst hat der Vorfall die Debatte über rechtsextreme Gewalt in Ostdeutschland, die zuletzt im Zuge der Fußballweltmeisterschaft geführt wurde, neu entfacht. Und Bürgermeister Deuse muss sich dabei harte Kritik anhören, denn er sieht für den Gewaltexzess keinen rechtsextremen Hintergrund.

Der Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Länder, Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD), rügt Deuse dafür am Dienstag scharf. Der Bürgermeister schlage den falschen Weg ein, ohne Kenntnis der Fakten zu diesem Schluss zu gelangen, sagte Tiefensee. Er müsse wissen, dass es „in Mügeln und anderswo“ immer wieder Potential für rechtsextreme Straftaten gebe. Zwar seien die Hintergründe der Tat noch abzuwarten, letztlich aber seien Details nicht entscheidend. Die Hetzjagd auf die Inder sei ein „unerträglicher Gewaltexzess“.

„Ich kenne unsere Jugendlichen“

Opfer der Hetzjagd sprechen mit der Presse

Opfer der Hetzjagd sprechen mit der Presse

Auch Deuse verurteilt die Tat am Dienstag in seinen Interviews wieder und wieder: „Mir tut das echt leid.“ Umgehend sei er zu den Indern ins Krankenhaus gefahren. „Aber Mügeln ist nicht rechtsextrem.“ Es seien keine Einheimischen gewesen, die bei dem Angriff ausländerfeindliche Parolen gerufen hätten. „Ich kenne unsere Jugendlichen, da ist kein Rechtsextremer dabei.“

Er sei sich sicher, dass sich da etwas hochgeschaukelt habe im Bierzelt auf dem Altstadtfest. „Wenn die Inder nicht da gewesen wären, hätten sich vermutlich Deutsche untereinander geprügelt.“ Beinahe flehentlich fordert er Augenzeugen dazu auf, sich bei der Polizei zu melden, „um Aussagen zu treffen, damit dieser Vorwurf, der nun auf Mügeln lastet, endlich abgebaut wird“.

Als unerträglich empfindet Deuse, dass behauptet werde, die Inder seien durch die Mügelner Altstadt gejagt worden. „Schauen Sie doch selbst: Die Pizzeria, in die sich die Leute geflüchtet haben, ist vielleicht 20 Meter entfernt vom Marktplatz.“

„Ein Polizist sagte, wir sollten uns verstecken“

Kulvir Singh steht wie jeden Tag hinter seinem Tresen in der Dr.-Friedrichs-Straße 4. Seit Jahren betreibt der 35 Jahre alte Singh dort in einem alten Fleischergeschäft seine Pizzeria „Picobello“. Wobei die Bezeichnung Pizzeria in die Irre führt. Denn das „Picobello“ ist ein Lieferservice nicht nur für italienische, sondern auch für türkische, griechische, mexikanische, indische und deutsche Gerichte. „Als wir hier aufgemacht haben, waren die Leute froh, dass sie ihre Pizza nicht mehr in Oschatz oder sonst wo bestellen mussten“, erzählt Singh. „Wir haben immer nur Gutes über unseren Service gehört. Irgendwelche Vorfälle oder Angriffe hat es bisher nie gegeben.“

Wie es zu der Rangelei im Festzelt gekommen ist, weiß auch Singh nicht genau. „Ich war gerade fünf Minuten im Zelt, als ich mitbekam, dass es auf der Tanzfläche eine Schubserei gibt. Da bin ich lieber wieder in mein Geschäft gegangen.“ Wer wen im Zelt provoziert hat, welche möglichen Auseinandersetzungen der Szene vorausgegangen sind, ist auch Singh noch nicht klar. Doch was dann geschah, wühlt ihn sowieso viel stärker auf.

In diese Pizzeria konnten die Inder flüchten

In diese Pizzeria konnten die Inder flüchten

Kurz nachdem er das Weite gesucht hatte, folgten ihm seine von einer Schlägerei deutlich gezeichneten Landsleute in die Pizzeria. Es gelang den Leuten, sich im Hausflur des Gebäudes zu verschanzen. „Ein Polizist kam zu uns und sagte, wir sollten uns verstecken, er habe Verstärkung angefordert.“ Singh schätzt, dass es dann noch 15 bis 20 Minuten gedauert hat, bis die etwa 70 Polizisten aus der Umgebung herbeikamen. Diese Zeit war für den Pizzabäcker und seine Landsleute der reine Horror, denn derweil versuchte der Mob zunächst, die Türe zum Hauseingang einzutreten und schließlich mit einem am gegenüberliegenden Rathaus herausgerissenen Kellerfenstergitter einzuschlagen.

„Jeder erzählt seine Version“

Singh bestätigt, dass auch ausländerfeindliche Parolen gerufen wurden. Dass die Tür zum Laden und die große Fensterscheibe des Geschäfts unbeschädigt blieb, mag darauf hindeuten, dass die Tat tatsächlich nicht von langer Hand vorbereitet war, wie manche vermuten. Die Polizei jedenfalls schließt einen geplanten Überfall aus. Dass eine Gruppe von Angreifern dann aber versuchte, auch von hinten in das Haus einzudringen, deutet freilich auf eine erschreckende kriminelle Energie.

„Ich habe die Sache noch nicht verarbeitet“, sagt Singh. Er wisse noch nicht, wie es weitergehe, ob er in Mügeln bleiben solle. Es werde so viel erzählt in dem 5000-Einwohner-Ort. „Das ist ja nicht nur in unserem Fall so“, sagt Singh. „Das ist typisch Mügeln, jeder erzählt seine Version.“ Bürgermeister Deuse hofft, dass Singh bleibt. „Der macht doch eine so gute Pizza“, sagt der Bürgermeister. Für diesen Mittwoch hat er eine Sondersitzung des Stadtrats angesetzt, um über den Vorfall zu beraten. Um dem Medienrummel zu entgehen hat Deuse die Sitzung als „nicht öffentlich“ deklariert.

Der Bürgermeister reagiert damit auch auf Vorhaltungen wie jene des SPD-Bundestagsabgeordneten Sebastian Edathy, der Deuses Äußerungen „blauäugig“ genannt und behauptet hatte, gerade Sachsen sei bekannt dafür, dass es die Existenz des Rechtsextremismus gerne abstreite. Dem widerspricht der sächsische Innenminister Albrecht Buttolo (CDU) energisch. „In Sachsen steht der Kampf gegen Rechtsextremismus ganz oben auf der politischen Agenda, das gilt für die Strafverfolgung wie für die Prävention.“ Erst im Frühjahr sei man konsequent gegen die rechtsradikale Gruppierung „Sturm 34“ vorgegangen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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