Eliteförderung

Im Geiste der Wissenschaftsfreiheit

Von Heike Schmoll

Eliteförderung beginnt am Anfang einer Bildungsbiographie

Eliteförderung beginnt am Anfang einer Bildungsbiographie

16. Oktober 2006 Wer sich die Anfänge der Exzellenzinitiative in Erinnerung ruft, kann trotz aller Bedenken gegenüber Auswahlkriterien und Verfahren über den Ausgang des Wettbewerbs nur erleichtert sein. An die Stelle einer politischen Setzung von Elite-Hochschulen nach dem Geschmack der früheren Bildungsministerin trat die Entscheidung unabhängiger Wissenschaftler und Gutachter, die frei von struktur- und hochschulpolitischen Erwägungen urteilen konnten.

Die Wissenschaftsminister mußten lernen, daß sie eine wissenschaftliche Entscheidung zu akzeptieren hatten, ohne ihre landespolitischen Egoismen überhaupt zu Gehör bringen zu können. Manche haben sich dabei als schlechte Verlierer erwiesen.

Zugleich entlarvten sie sich als Hochschulpolitiker, die zwar unaufhörlich den Wettbewerb in der Bildungspolitik beschwören, ihn aber verhindern wollen, wenn es ihn endlich gibt. Was sich schon bei der Föderalismusreform angedeutet hatte, zeigte sich bei der Exzellenzinitiative in aller Klarheit. Wie eine Diskussion über vermeintlich strittige Bewerber ausgesehen hätte, läßt sich leicht vorstellen.

Auf dem Spiel stand das Ansehen der deutschen Wissenschaft

Die Frage nach der wissenschaftlichen Qualität wäre zugunsten des Regionalproporzes in den Hintergrund getreten. Es hätte vermutlich ein halbherziges Trostpflaster für den Norden, ein weiteres für den Osten und womöglich eines für Berlin gegeben. Das Ergebnis zeigt, daß jahrzehntelange Forschungsförderung sich bewährt und daß eine Konzentration der Elitehochschulen im Süden in Kauf genommen werden muß. Nur der Erfolg dieser Universitäten dürfte die beiden für sie zuständigen Wissenschaftsminister allerdings daran gehindert haben, der Wut über das Entscheidungsverfahren freien Lauf zu lassen. Denn auch sie gehören nicht zu denjenigen, die den Universitäten Autonomie im Sinne der institutionellen Unabhängigkeit gewährten und den freien Wettbewerb unter den Fakultäten zuließen.

Daß die sonst recht politikhörige Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) sich diesem Beweis wissenschaftlicher Unabhängigkeit nicht widersetzte, mag zum einen am Zusammenwirken mit dem Wissenschaftsrat liegen, zum anderen an der bald endenden Amtszeit des DFG-Präsidenten. Auf dem Spiel stand das Ansehen der deutschen Wissenschaft bei den ausländischen Gutachtern. Hätten diese den Eindruck gewinnen müssen, Bund und Länder machten wochenlange Begutachtungen und Begehungen überflüssig, indem sie dem wissenschaftlichen Urteil eine undurchschaubare, sachfremde Entscheidung überstülpten, dann wäre ihre Mitarbeit ein für allemal beendet gewesen. Hier hat allein wissenschaftlicher Sachverstand über die Verteilung dringend benötigter Mittel von Bund und Ländern entschieden.

Wettbewerb und kein strukturpolitisches Förderprogramm

Die Spielregeln dürfen im laufenden Verfahren nicht geändert werden. Die Exzellenzinitiative ist ein Forschungswettbewerb und kein strukturpolitisches Förderprogramm. Im übrigen wäre es ein kaum erträglicher Makel für die sieben Elitehochschulen, die in der zweiten Runde ausgewählt werden, als Elite zweiter Klasse zu gelten. Daher mögen sich die verantwortlichen Politiker die Aufforderung Humboldts zu eigen machen, daß der Staat sich eben jederzeit bewußt bleiben müsse, daß er „immer hinderlich ist, sobald er sich hineinmischt, daß die Sache an sich ohne ihn unendlich besser gehen würde“.

Ob die Exzellenzinitiative mit ihren Kriterien Humboldts Ideal liberaler Wissenschaftsfreiheit entspricht, ist durchaus zu bezweifeln. Denn das ausschlaggebende Zukunftskonzept, das die Elitehochschulen vorzulegen hatten, setzt zwar Graduiertenschule und Exzellenzcluster voraus, hat aber nur Chancen aufgrund eines möglichst stromlinienförmigen Bewerbungsantrags. Sowohl in der Vorauswahl als auch im Ergebnis der ersten Runde zeigte sich, daß die Geisteswissenschaften kaum eine Rolle spielen, daß ihnen wissenschaftliche Forschung in Teams und im großen Verbund einfach nicht entspricht.

Ruck in der deutschen Hochschullandschaft

Nachdem der Wissenschaftsrat im Januar zugunsten der Geisteswissenschaften die Initiative ergriffen hatte, wird er im kommenden „Jahr der Geisteswissenschaften“ hoffentlich auch entsprechende Förderinstrumente vorschlagen. Geisteswissenschaftler brauchen Zeit, Einsamkeit und vor allem eine Einzelförderung für herausragende Forscher - ganz unabhängig von der Diktatur der Drittmitteleinwerbung. Denn sie zwingt Geisteswissenschaftler nachgerade zur Selbstaufgabe. Es wäre fatal, wenn sie sich durch das erste Ergebnis der Exzellenzinitiative entmutigen ließen. Denn viele interdisziplinäre Forschungsverbünde zehren davon, daß die geisteswissenschaftlichen Grundlagendisziplinen bisher Herausragendes geleistet haben und in Zukunft - mit oder ohne Exzellenzprädikat - weiterhin leisten werden.

Es hat einen Ruck in der deutschen Hochschullandschaft gegeben, dessen Ausmaß sich erst in Jahren, wenn nicht Jahrzehnten ermessen läßt. Es wird künftig nur noch eine sehr kleine Zahl international konkurrenzfähiger Hochschulen geben, dann einige Hochschulen mit einzelnen herausragenden Forschungszentren und schließlich eine Masse von Ausbildungsanstalten mit regionaler Bedeutung. Welche Hochschulen dann die vom Bologna-Prozeß diktierte Aufgabe zu leisten haben, Tausende von Studenten zumindest zu einem Bachelor-Abschluß zu führen, liegt auf der Hand.

Eliteförderung ist auf diese Weise nicht zu schaffen, denn sie beginnt in der Breite und am Anfang einer Bildungsbiographie. An den eigentlichen Problemen der deutschen Hochschulen - den miserablen Studienbedingungen, den fehlenden Tutoren, dem Geldmangel - ändert die mit der Exzellenzinitiative verbundene Forschungsförderung nichts. Dazu ist politische wie finanzielle Kärrnerarbeit vonnöten, die zum Schaden vieler Abiturienten bisher nicht in Angriff genommen wurde.

Text: F.A.Z., 16.10.2006
Bildmaterial: ddp, FAZ.NET, picture-alliance / dpa, picture-alliance/ dpa

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