Kindstötungen in Plauen und Darry

Merkel fordert „Kultur des Hinsehens“

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06. Dezember 2007 Die Fälle mutmaßlicher Kindstötungen im holsteinischen Darry und im sächsischen Plauen haben aufs Neue die Debatte über politische Maßnahmen gegen Kindesmisshandlung befeuert. Forderungen nach schnellen Maßnahmen standen dabei Mahnungen entgegen, dass der Staat solche Fälle nie vollständig werde verhindern können.

In Darry waren am Mittwoch fünf tote Kinder zwischen drei und neun Jahren gefunden worden, die von ihrer 31 Jahre alten Mutter erstickt worden sein sollen. (Siehe auch:Darry: Staatsanwalt sieht „Schuldunfähigkeit“ der Mutter)

In Plauen steht eine 28 Jahre alte Mutter im Verdacht, drei Neugeborene getötet zu haben, was sie bestreitet. (Siehe auch: Video: Todesursache im Fall der Plauener Babyleichen unklar)

„Der Staat muss endlich alle Register ziehen“

Bundeskanzlerin Merkel (CDU) sagte der Zeitung „B.Z.“, Deutschland brauche eine „Kultur des Hinsehens“. „Natürlich sind zunächst die Verantwortlichen in Bund, Ländern und Kommunen gefordert, um Kinder in Not besser zu schützen“. Das genüge aber nicht. „Kinder in Not gehen uns alle an“, mahnte die Kanzlerin.

Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) verlangte verbindliche Vorsorgeuntersuchungen. Auch die bayerische Justizministerin Merk (CSU) forderte eine verpflichtende Teilnahme an Vorsorgeuntersuchungen, wie sie in Bayern beschlossen worden sei. Der Kinderschutz müsse ins Grundgesetz aufgenommen werden. „Der Staat muss endlich alle Register ziehen, um unsere Kinder besser zu schützen“, äußerte Frau Merk. Sie forderte ein Bundesgesetz, das „den Familienrichtern ermöglicht, frühzeitig mit allen einem Richter zur Verfügung stehenden Mitteln hart durchzugreifen.

Frau von der Leyen nannte die Fälle „entsetzlich“. „Wir müssen prüfen, ob es Warnsignale gegeben hat, wo Schwachstellen waren und ob Informationen verloren gegangen sind“, sagte sie. Wer künftig Einladungen zu verpflichtenden Vorsorgeuntersuchungen nicht folge, müsse sofort Besuch vom Jugendamt bekommen, verlangte sie. „So können gefährdete Familien herausgefiltert und dann auch weiter begleitet werden“. Frau Merk und Frau von der Leyen riefen die Bürger auf, nicht „wegzuschauen“, wo Anzeichen auf Vernachlässigung sichtbar würden, „wenn Familien in der Nachbarschaft verzweifelt und überfordert sind“.

Die FDP-Familienpolitikerin Gruss forderte ein „nationales, effektives Aktionsbündnis“ zum Schutz von Kindern, das schon von der Schwangerschaft an Hilfen anbieten soll. Die Bundesregierung stehle sich aus der Verantwortung. Bundesfamilienministerin von der Leyen bekräftigte hingegen ihren Vorschlag, nur verbindliche „Einladungen“ zu Vorsorgeuntersuchungen auszusprechen. Wer die nicht befolge, müsse allerdings „sofort Besuch vom Jugendamt“ bekommen.

„Tiefgreifende soziale Probleme“

Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt (Grüne) forderte mehr Sensibilität im Umgang mit Familien in Schwierigkeiten. Die Angst vor den Jugendämtern sei oft zu groß. Die frühere Familienministerin Renate Schmidt (SPD) forderte die flächendeckende Anwendung des „Dormagener Modells“, bei dem Mitarbeiter der Stadt jede Familie mit einem Baby zu Hause besuchen. Tauchten Probleme auf, helfe die Stadt weiter. Hessens Innenminister Volker Bouffier (CDU) führte das hessische Modell der freiwilligen Polizeihilfe an.

FDP-Fraktionsvize Sabine Leutheusser-Schnarrenberger warnte dagegen vor „Schaufensterpolitik“. Bereits jetzt gebe es zahlreiche Möglichkeiten, Kinder zu schützen. Die jüngsten Tötungsfälle wiesen auf „tiefgreifende soziale Probleme in Deutschland“ hin. Nach Ansicht des Berliner Innensenators Ehrhart Körting (SPD) ließe sich die Tötung von Kindern „mit noch so viel Staat nicht absolut verhindern“. Aus „Schicksalssituationen, aus denen die Leute nicht mehr rauswissen“, seien schon immer „Mordfälle dieser Art“ geschehen.

„Problemfamilien sind identifizierbar“

Georg Ehrmann, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Kinderhilfe Direkt, sagte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Problemfamilien sind identifizierbar.“ Die „familienbegleitende Präventivarbeit“ der Jugendämter helfe oft nicht weiter. Es werde ein Elternbild vorausgesetzt, „das der Realität des Jahres 2007 nicht mehr entspricht“. Die Zahl der erziehungsunfähigen Eltern wachse. (Siehe auch: Interview mit dem Leiter der „Kinderhilfe Direkt“)

Karl Kreutzberg, Chefarzt der forensischen Psychatrie am Berliner Krankenhaus des Maßregelvollzugs, sagte dagegen der F.A.Z, psychische Erkrankungen seien keine Einzelfälle. „Da merken Sie nichts davon. Es gibt Akademikerfamilien, in denen Kinder gezwungen werden, Erbrochenes zu essen.“ Der Berliner Innensenator Körting (SPD) sagte dem Fernsehsender N24, man werde Mordfälle dieser Art „mit noch so viel Staat nicht absolut verhindern“ können. Sie entstünden aus „Schicksalssituationen, aus denen die Leute nicht mehr herauswissen“. (Siehe auch: Kindstötungen: Ein Gespräch mit dem Psychiater Kreutzberg)

Text: löw.; F.A.Z.
Bildmaterial: reuters

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