Zum Tode von Paul Spiegel

Klug und einnehmend

Von Hans Riebsamen

Paul Spiegel im Januar 2000 vor einem Porträt seines Amtsvorgängers

Paul Spiegel im Januar 2000 vor einem Porträt seines Amtsvorgängers

30. April 2006 Sein Vorgänger Ignatz Bubis hatte ihm große Stiefel hinterlassen. Es zeugt von der Klugheit Paul Spiegels, daß er als Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland gleich gar nicht in sie zu schlüpfen versuchte, sondern seine eigenen Schuhe anzog.

Spiegel wollte nicht das Gewissen der Nation sein, das Bubis zumindest in seinen letzten Jahren geworden war. Der Nachfolger hat die Latte niedriger gelegt, der Anspruch des gelernten Journalisten bestand „nur“ darin, die Interessen der deutschen Juden gut zu vertreten.

Unaufgeregte Freundlichkeit

Beim Besuch der Synagoge in Köln durch Papst Benedikt XVI. 2005

Beim Besuch der Synagoge in Köln durch Papst Benedikt XVI. 2005

Was ihm gelungen ist - vielleicht sogar ein klein wenig besser als Bubis. Denn fast im Alleingang handelte Spiegel den ersten Staatsvertrag des Zentralrats mit der Bundesrepublik Deutschland aus. Drei Millionen Euro Unterstützung im Jahr - das ist im Verhältnis zu anderen Haushaltstiteln ein Pappenstiel, aber den jüdischen Gemeinden, die ob der vielen Einwanderer aus den früheren Ostblockstaaten gewaltige Lasten zu schultern haben, sichert die Hilfe aus Berlin das finanzielle Überleben.

Der damalige Innenminister Schily (SPD) war Spiegels Verhandlungspartner, und der freundliche Mann aus dem münsterländischen Warendorf hat Schily ebenso für sich gewonnen wie die meisten anderen Politiker, mit denen er zu tun hatte. Am Ende stimmten alle Parteien dem Staatsvertrag zu, und das in der festen Überzeugung, daß ihr Partner das Geld gut einsetzen werde.

Hier wie in vielen anderen Fällen bewährte sich die wohl wichtigste Fähigkeit Spiegels: seine Gabe, Menschen für sich einzunehmen. Er mußte nie großtun oder auftrumpfen, er erreichte seine Ziele mit einer unaufgeregten freundlichen Art. So war auch sein Führungsstil im Zentralrat, der zuvor von Heinz Galinski und Ignatz Bubis eher paternalistisch geführt worden war. Spiegel hingegen sah sich als Mitspieler in einer Mannschaft: Er trug zwar die Kapitänsbinde, wußte aber, daß es ohne Mitspieler keine Siege und Punkte geben konnte.

Ende einer Ära

Spiegels Tod, im 69. Lebensjahr nach schwerer Krankheit, beendet für die jüdische Gemeinschaft eine Ära - die der Führerschaft von Überlebenden des Holocaust. Er war einer der letzten im Kreis der Funktionäre, der die nationalsozialistische Verfolgungs- und Vernichtungspolitik selbst erlebt hatte. Seine Schwester Rosa verlor Spiegel damals im Konzentrationslager, vermutlich in Bergen-Belsen, sein Vater ist durch Buchenwald, Auschwitz und Dachau gegangen, Paul Spiegel selbst, am 31. Dezember 1937 in Warendorf geboren, fand mit seiner Mutter Unterschlupf bei katholischen Bauern in Belgien.

Nach dem Krieg kehrte die Familie nach Warendorf zurück, Spiegel ging dort zur Schule und machte sein Abitur. Sein journalistisches Handwerk lernte er bei der „Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung“, nach diversen Stationen eröffnete er 1986 in Düsseldorf eine Künstleragentur.

Bubis gab sich kurz vor seinem Tod resigniert und behauptete von sich, er habe in seiner Amtszeit nichts erreicht. So weit ist es bei Spiegel nicht gekommen, wenngleich auch er in einer gewissen Weise ernüchtert war über die Entwicklung des Verhältnisses zwischen Deutschen und jüdischen Deutschen. Der Antisemitismus sei im Herzen der Gesellschaft angekommen, in den besseren Kreisen, hatte er häufig gesagt. Möglicherweise hat Spiegel da im Urteil überzogen. Doch ist es genauso möglich, daß er solche untergründigen Entwicklungen dank seines feinen Sensoriums genauer registrierte als andere.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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