Reaktionen zum Tode Paul Spiegels

„Sein Rat wird mir fehlen“

Paul Spiegel

Paul Spiegel

30. April 2006 Mit tiefer Trauer hat Deutschland auf den Tod des Präsidenten des Zentralrats der Juden, Paul Spiegel, reagiert. Bundespräsident Horst Köhler hat den verstorbenen Präsidenten des Zentralrates der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, als „deutschen Patrioten“ bezeichnet.

„Sein Rat wird mir fehlen“, sagte das Staatsoberhaupt am Sonntag in seinem Amtssitz Schloß Bellevue in Berlin. Mit Spiegel habe das Land „einen Menschen verloren, der wesentlich zum guten Miteinander in Deutschland beigetragen hat“. Spiegel sei mit ganzer Kraft für „den respektvollen Umgang miteinander und für Zivilcourage im Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus“ eingetreten.

Kampf gegen den Krebs verloren

Paul Spiegel im Januar 2000 vor einem Porträt seines Vorgängers Ignatz Bubis

Paul Spiegel im Januar 2000 vor einem Porträt seines Vorgängers Ignatz Bubis

Spiegel war im Alter von 68 Jahren in der Nacht zum Sonntag in einem Düsseldorfer Krankenhaus einem Leukämie-Leiden erlegen. Anfang Februar hatte Spiegel einen Herzinfarkt erlitten und war anschließend in ein künstliches Koma versetzt worden, aus dem er Anfang April wieder aufwachte. Danach hatte der Zentralrat von Fortschritten bei der Genesung gesprochen. In den vergangenen Tagen seien aber plötzlich neue Infektionen aufgetreten, sagte der Generalsekretär des Zentralrats, Stephan Kramer.

Spiegel war 1999 nach dem Tod von Ignatz Bubis an die Spitze des Zentralrates gerückt. Er wird voraussichtlich am kommenden Mittwoch in Düsseldorf beerdigt. Zudem soll er am kommenden Sonntag in Berlin mit einem einem offiziellen Trauerakt gewürdigt werden.

„Um Deutschland verdient gemacht“

Köhler würdigte besonders, daß Spiegel sich nach den Schicksalsschlägen, die seiner Familie durch die nationalsozialistischen Verbrechen zugefügt wurden, „nicht von Deutschland abgewandt“, sondern sich dafür eingesetzt habe, „daß wir Deutschen die richtigen Lehren“ daraus ziehen. „Paul Spiegel hat sich um Deutschland verdient gemacht“, schloß Köhler.

Politiker aller im Bundestag vertretenen Parteien und Vertreter der Kirchen und verschiedener gesellschaftlicher Gruppen würdigten Spiegel als großen Demokraten, Mahner für Toleranz und Warner vor Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus. Sie lobten seine Dialogbereitschaft.

Die Vizepräsidentin des Zentralrats, Charlotte Knobloch, nannte Spiegel „einen außerordentlich beliebten Menschen“ und sagte: „Nicht nur die jüdische Gemeinschaft wird um ihn trauern, sondern auch die nicht jüdische“, sagte Knobloch am Rande der Gedenkfeiern zum 61. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau in Bayern. Über seine Nachfolge werden die Gremien nach Angaben Kramers nach der mindestens einmonatigen Trauerzeit entscheiden. Bis dahin würden die Amtsgeschäfte wie schon während der Krankheit Spiegels von Frau Knobloch und Salomon Korn weitergeführt.

„Er mahnte, wo viele stumm blieben“

Köhler, Merkel und Spiegel April 2004

Köhler, Merkel und Spiegel April 2004

Mit Trauer und „tiefer Erschütterung“ reagierte Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende Angela Merkel. „Der verstorbene Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland war eine beeindruckende Persönlichkeit“, sagte sie. Spiegel habe sich „mit großer Leidenschaft und all seiner Kraft für eine gute Zukunft der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland eingesetzt“. Merkel sagte weiter: „Er mahnte, wo viele stumm blieben. Sein Einsatz für Zivilcourage, für Toleranz und gegenseitigen Respekt und gegen Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus hat Maßstäbe gesetzt.“

Als einen „großen Demokraten und einen überzeugten Mitstreiter für Menschlichkeit, Achtung und Toleranz“ würdigte Merkels Vorgänger Gerhard Schröder (SPD) Spiegel. „Paul Spiegel war ein Mann des Dialogs zwischen den Religionen und ein Brückenbauer zur jüdischen Welt undzum Staat Israel.“

„Engagement für Toleranz“

Beim Besuch der Synagoge in Köln durch Papst Benedikt XVI. 2005

Beim Besuch der Synagoge in Köln durch Papst Benedikt XVI. 2005

Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) hob Spiegels „Engagement für Toleranz und gegen jede Form von Fremdenfeindlichkeit“ hervor. Er habe zur Verständigung im Inneren und zum Ansehen „unseres Landes im Ausland ganz wesentlich beigetragen“. Der Bundesratspräsident, der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU), sagte: „Seine mahnenden Worte werden unserem Land fehlen.“

„Wir haben in Paul Spiegel immer einen offenen und glaubwürdigen, menschlich überzeugenden und
versöhnungsbereiten Repräsentanten des Judentums in unserem Land gefunden und bedauern aus ganzem Herzen seinen Verlust“, hieß es in einer Erklärung von Karl Kardinal Lehmann, dem
Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz. „Er war auch deswegen ein hoch geschätzter Partner, weil er seine Überzeugungen als Jude unbeirrt ins Spiel brachte und dennoch zutiefst ein Mann der Offenheit und der Toleranz war, mit großem Verständnis auch für die Christen“, sagte Lehmann in Mainz.

Mit dem früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder

Mit dem früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder

„Paul Spiegel war ein wichtiger Gesprächspartner im gemeinsamen Engagement für eine freiheitliche Gesellschaft“, sagte der Vorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschlands (EKD), Bischof Wolfgang Huber. Der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Michael Sommer, sagte: „Spiegel war für den DGB und die Gewerkschaftsbewegung mehr als ein verlässlicher Partner, er war ein Freund.“

„Große moralische Autorität“

Der designierte SPD-Vorsitzende Kurt Beck erklärte, Spiegel habe sich in Deutschland „große moralische Autorität erworben“. Im Kampf gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus habe er niemals resigniert und trotz deprimierender Rückschläge gerne in Deutschland gelebt. CSU-Chef Edmund Stoiber nannte Spiegel einen „Mann des Ausgleichs und des Dialogs“.

Mit Kardinal Karl Lehmann - dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz

Mit Kardinal Karl Lehmann - dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz

Der FDP-Vorsitzede Guido Westerwelle sagte: „Er war eine politische und moralische Instanz, dessen Wort weit über die jüdische Gemeinde hinaus Autorität hatte.“

Spiegel sei „ein sehr standhafter Mensch ohne zu viel Diplomatie“ gewesen, sagte Linkspartei-Chef Lothar Bisky. In einer Mitteilung der Grünen-Fraktionsvorsitzenden Renate Künast und Fritz Kuhn heißt es, Spiegel habe insbesondere für die institutionelle Anerkennung der jüdischen Gemeinde Großes geleistet.

„Stets auf Ausgleich und Kooperation bedacht“

In einem Brief sprach Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) dem Zentralrat der Juden in Deutschland und der ganzen jüdischen Gemeinschaft in Deutschland seine Anteilnahme aus. Sein Vorgänger Otto Schily sagte: „Spiegel war stets auf Ausgleich und Kooperation bedacht, aber zugleich immer wachsam gegenüber Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit“.
Der ehemalige Vizepräsident des Zentralrats, Michel Friedman, sagte, Spiegel habe stets „das Vertrauen in die Menschen in den Vordergrund gestellt und mit der Hoffnung gelebt, daß die jungen Generationen in Deutschland aus den Fehlern der Nazizeit gelernt haben“.

Der Vorsitzende der Jewish Agency, Seew Bielski, kondolierte der Familie Spiegels. Bielski, Chef der für Einwanderung nach Israel zuständigen Organisation, hob Spiegels „wichtigen Einsatz für die Juden in Deutschland“ hervor. In einer Mitteilung des Internationalen Auschwitz Komitees zum Tode Spiegels heißt es: „Sein Engagement für Freiheit und Toleranz in Deutschland war beispielhaft, über die Verfolgung seiner Familie in den Nazi-Jahren hat er berichtet, um dem Vergessen und Verdrängen zu wehren und vor allem junge Menschen zu sensibilisieren.“

Text: FAZ.NET mit dpa/ddp/AP
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb, Reuters

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