Scientology

Kirche, Sekte, Verführer

Von Mechthild Küpper, Berlin

Scientology-Zentrale in Berlin: 6000 Anhänger in Deutschland

Scientology-Zentrale in Berlin: 6000 Anhänger in Deutschland

07. Dezember 2007 Ob man „Scientology Kirche Deutschland e. V.“ für eine Kirche, eine Sekte, eine Firma oder gar für eine Verbrecherorganisation hält – fest steht, dass die Organisation wirklich wenig dafür unternimmt, der Öffentlichkeit ein realistisches, durch überprüfbare Zahlen und Fakten gestütztes Bild von ihr zu ermöglichen.

Das beginnt bei der Zahl ihrer Mitglieder: Der Verfassungsschutz schätzt, dass in Deutschland 6000 Anhänger von „Scientology“ leben, die Organisation spricht von 30.000. Journalisten werden behandelt, wie üblicherweise Sektierer die Öffentlichkeit behandeln, als Unaufgeklärte, die, wenn sie nur wüssten, gewiss selbst Jünger und Gläubige würden. So muss jeder, der das Gespräch mit den für die Öffentlichkeitsarbeit zuständigen Personen sucht, langatmige Vorträge über sich ergehen lassen, erfährt aber wenig seriöse Fakten.

Bei übler Nachrede nicht zimperlich

Am schlechten Bild hat „Scientology“ also kräftig mitgearbeitet. Die meisten politischen Splittergruppen, Finanzinvestoren, ja selbst Angeklagte stellen sich bis zu einem gewissen Grad auch kritischen Blicken. Die von der amerikanischen politischen Kultur geprägten „Scientologen“ jedoch halten das Misstrauen, das ihrem Wirken in Deutschland entgegengebracht wird, für ein Produkt totalitären Denkens in einem Staat, der die freie Ausübung der Religion nicht dulden mag.

Andererseits ist „Scientology“ nicht zimperlich, wenn es um üble Nachrede, Verdächtigungen und Verleumdungen ihrer Kritiker geht. So wird zum Beispiel behauptet, die Hamburger Expertin und „Scientology“-Kritikerin Ursula Caberta habe „75.000 Dollar Bestechungsgeld“ von einem Gegner der Organisation bekommen.

Anlaufstelle für Aussteiger

Als im August ein 14 Jahre altes Mädchen mit seinem erwachsenen Stiefbruder von Berlin nach Hamburg fuhr, um aus dem Einflussbereich seiner Eltern und von „Scientology“ heraus und in die Obhut des dortigen Jugendamtes und besagter Frau Caberta zu gelangen, war aus der Berliner Zentrale zu dem spektakulären Fall zunächst kein Wort zu hören.

Das Mädchen wolle außerhalb von „Scientology“ leben, sein Vater sei ein Lobbyist für die Organisation, die Stiefmutter leite die Berliner Niederlassung, hieß es in Berichten – die Zentrale schwieg. Die Berliner Opposition verlangte eine Anlaufstelle für Aussteiger aus der Organisation nach Hamburger Vorbild, obwohl es eine solche Anlaufstelle in Berlin schon seit geraumer Zeit gab – kein Kommentar.

Erst als der Fall schließlich in allen Zeitungen und Sendungen erörtert worden war, wurde man von „Scientology“ gemahnt, den Datenschutz besser zu achten. Seither ist immerhin die Berliner Anlaufstelle einer größeren Öffentlichkeit bekannt.

Tom Cruise ist das berühmteste Mitglied

In Berlin endete nach gerichtlichen Auseinandersetzungen zwischen Senat und der Organisation 2003 zwischenzeitlich die Beobachtung durch den Verfassungsschutz. In diesem Jahr ist sie wieder aufgenommen worden. Innensenator Körting (SPD) wies am Freitag darauf hin, dass die Berliner Rechtsprechung durch Gerichtsurteile in anderen Ländern überholt sei. Beim Oberverwaltungsgericht Münster sei derzeit ein Verfahren anhängig, das auf eine „triumphale Niederlage“ für Scientology vor einem nordrhein-westfälischen Verwaltungsgericht folge.

Gegründet wurde die Organisation von Ron Hubbard, einem Science-Fiction-Autor, in den Vereinigten Staaten. Die Zentrale steht seit 1954 in Los Angeles. Das gegenwärtig berühmteste Mitglied ist der Schauspieler Tom Cruise, der kürzlich in Berlin einen Film über das Hitler-Attentat von Stauffenberg drehte. Zur Eröffnung der Berliner Filiale kam der Schauspieler nicht, und sein Besuch der „Scientology Kirche“ im Bezirk Charlottenburg während der Dreharbeiten fand äußerst diskret statt, ohne Presse und öffentlichen Rummel, sozusagen nach Dienstschluss.

„Zum Teil kriminelle Methoden“

Die Innenminister beschlossen während ihrer Herbsttagung, zunächst einmal bei den Verfassungsschutzbehörden des Bundes und der Länder um Informationen über die Tätigkeit der Organisation zu bitten, die in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich ist. Dann soll geprüft werden, ob mit den Mitteln des Vereinsrechts gegen sie vorgegangen werden kann. Man sei sich, sagte der Berliner Innensenator Körting, wie schon 1997 im Kreis der Innenminister einig, dass „Scientology“ mit zum Teil „kriminellen Methoden“ „verfassungsfeindliche Ziele“ verfolge. Es müsse dennoch vor allem um Prävention und Aufklärung gehen.

Der nordrhein-westfälische Innenminister Ingo Wolf (FDP) sagte, er sei froh, dass die Innenministerkonferenz sich sowohl beim Thema NPD als auch gegenüber „Scientology“ die „Verbotsreflexe“ versagt habe. Man müsse diesen Tendenzen Paroli bieten und Präventionsarbeit leisten. Er halte ein Vereinsverbot, das der Prüfauftrag der Innenminister als Ziel nennt, für verfassungsrechtlich sehr schwierig bis unmöglich.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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