Rückkehr in den Irak?

Appelle an Osthoff: „Nehmen Sie Abstand von ihren Plänen“

27. Dezember 2005 Die ehemalige deutsche Geisel Susanne Osthoff ist Fragen nach einer möglichen Rückkehr in den Irak ausgewichen. Dies sei ihre „Privatangelegenheit“, sagte Osthoff am Dienstag dem ZDF. Ausdrücklich dankte die Archäologin dem früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) für dessen Einsatz für ihr Leben. Schröder hatte während der Geiselnahme in einem im arabischen Fernsehen ausgestrahlten Appell die Entführer aufgefordert, Osthoff freizulassen.

Angebliche Pläne Osthoffs für eine Rückkehr in den Irak waren bei deutschen Politikern auf Kritik und Unverständnis gestoßen. Der CDU-Außenpolitiker Ruprecht Polenz sagte am Dienstag im NDR, er fände einen solchen Schritt „schwer verständlich“. Der SPD-Außenpolitiker Niels Annen nannte etwaige Rückkehrpläne der 43jährigen in der „Bild“-Zeitung „unvorstellbar“.

Verwirrung nach Al-Dschazira-Interview

Osthoff hatte sich am Montag erstmals nach ihrer Freilassung öffentlich geäußert. Nach einem am Dienstag ausgestrahlten Interview mit dem arabischen Sender Al Dschazira gab es Verwirrung über die Zukunftspläne Osthoffs.

Unterdessen warnte Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) Osthoff dringend vor einer Rückkehr in den Irak. Steinmeier sagte in Berlin, er appelliere an Frau Osthoff, von ihren Plänen, in den Irak zurückzukehren, Abstand zu nehmen. „Nach intensiven Anstrengungen vieler Beteiligter über drei Wochen, die schließlich zu ihrer Freilassung führten, hätte ich wenig Verständnis, wenn Frau Osthoff sich erneut in eine Gefahrensituation begeben würde.“

„Sie muß das Risiko vor Augen haben“

Schon am Samstag hatte das Auswärtige Amt einen Zeitungsbericht bestätigt, wonach Osthoff unmißverständlich aufgefordert worden sei, nicht in das Land ihrer Entführung zurückzukehren. Allerdings sei Osthoff eine freie Person, sagte der Sprecher.

Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Ruprecht Polenz, sagte, er bedauere, daß Osthoff dem dringenden Appell der Bundesregierung, nicht in den Irak zurückzukehren, nicht folge. „Gerade sie müßte das Risiko einer solchen Entscheidung deutlich vor Augen haben“, wurde der CDU-Politiker zitiert.

Roth zeigt Verständnis

FDP-Fraktionschef Wolfgang Gerhardt sagte, es sei Osthoffs „eigene Entscheidung, wie sie ihr Leben führt. Nur kann die gesamte Politik, die Krisenstäbe und die Öffentlichkeit dafür nicht andauernd in Anteilnahme genommen werden“, sagte Gerhardt weiter. Er fügte hinzu: „Susanne Osthoff muß wissen, was sie tut.“

Die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth äußerte Verständnis für den Wunsch von Frau Osthoff, in den Irak zurückzukehren. „In unserer Demokratie ist es gut und richtig, daß es freie und selbstbestimmte Entscheidungen gibt“, sagte Frau Roth der Zeitung „Handelsblatt“. „Frau Osthoff kann für sich selber entscheiden.“ Der Irak sei seit vielen Jahren Osthoffs Lebensmittelpunkt. „Wenn sie ihre archäologische oder humanitäre Arbeit im Irak fortsetzen will, wird ihr das niemand verbieten können.“ Außerdem könnte ihre Rückkehrentscheidung den Irakern Hoffnung und Zuversicht geben.

„Sie erkannten, daß ich nicht ihr Feind war“

Die aus dem bayerischen Ort Glonn stammende Susanne Osthoff war Ende November im Irak verschleppt worden und am Sonntag vor einer Woche freigekommen. Derzeit hält sie sich vermutlich in einem anderen arabischen Land auf. Osthoff sagte, sie sei von ihren Entführern gut behandelt worden, insbesondere nachdem sie mit ihnen darüber diskutiert habe, daß sich Deutschland nicht am Krieg im Irak beteiligt hat. „Als ich Arabisch mit ihnen gesprochen habe, erkannten sie, daß ich nicht ihr Feind war und sie mich der Botschaft übergeben müssen.“

Während des Al-Dschazira-Interviews antwortete Osthoff auf Englisch auf die auf Arabisch gestellten Fragen. Osthoff sagte, nachdem die Entführer festgestellt hätten, daß sie eine Archäologin ist, hätten sie sie an einen „sichereren und sauberen Ort“ gebracht. „Das Leben mit ihnen (den Entführern) war besser, als an vielen Orten, die ich besucht habe.“

„Hatte Glück, weil sie keine Kriminellen waren“

Die Geiselnehmer hätten dennoch Nutzen aus ihrer Entführung ziehen wollen. Sie hätten ihr gesagt, sie wollten kein Lösegeld, aber humanitäre Hilfe von Deutschland. Damit wollten sie Schulen und Krankenhäuser im sogenannten sunnitischen Dreieck nord-westlich von Bagdad bauen. „Ich hatte Glück, weil sie keine Kriminellen waren, die Geld wollten“, sagte Osthoff.

Die genauen Umstände der Entführung sind immer noch unklar. Im Verdacht der Komplizenschaft steht nach wie vor Osthoffs irakischer Fahrer Chalid al Schimani. Bislang war man davon ausgegangen, daß er ebenfalls entführt worden war. Es mehrten sich jedoch die Hinweise, daß er an der Tat beteiligt gewesen sein könnte. Der Mann ist bislang verschollen.

Osthoff hielt sich seit mehreren Jahren im Irak auf und engagierte sich für den Erhalt von Kulturstätten. Während des Krieges 2003 brachte sie in Deutschland gesammelte Medikamente in das Land. Bis vor einigen Jahren war Osthoff mit einem Iraker verheiratet.

Auswärtiges Amt: Keine Sanktionen gegen Osthoff

Das Auswärtige Amt präzisierte am Dienstag Meldungen, wonach Frau Osthoff im Falle einer Rückkehr in das arabische Land die finanziellen Zuschüsse für ihre Vorhaben gestrichen würden.

Es hieß, Frau Osthoff habe selbst ohnehin bislang keine finanzielle Unterstützung des Auswärtigen Amtes erhalten. Bei dem ersten von zwei Vorhaben habe es sich um die Bewahrung einer Karawanserei in Mossul gehandelt. Sie sei nicht von Frau Osthoff, sondern von der irakischen Antikenverwaltung betrieben worden, die auch Adressat der insgesamt rund 40.000 Euro umfassenden deutschen Unterstützung gewesen sei. Frau Osthoff habe lediglich im Auftrag dieser irakischen Stelle gehandelt. Die letzte Rate der deutschen Unterstützung sei vor der Entführung Frau Osthoffs gezahlt worden.

Überdies habe das Auswärtige Amt schon im Mai, als erste Hinweise auftauchten, Frau Osthoff könne als Entführungsopfer gefährdet sein, darauf gedrungen, daß sie nicht selbst nach Mossul reise, um den Fortgang des Vorhabens zu prüfen. Ein Vorhaben, das Frau Osthoff selbst betrieb, der Aufbau eines kurdischen Kulturzentrums im nordirakischen Arbil, sei ohne finanzielle Unterstützung des Auswärtigen Amts geblieben, lediglich die deutsche Botschaft in Bagdad habe schriftlich ideelle Hilfe zugesichert.

Es hieß im Auswärtigen Amt, demnach seien Mutmaßungen unzutreffend, das Ministerium suche mit Sanktionen eine Rückkehr Frau Osthoffs in den Irak zu erschweren. Zu einer Debatte über Grenzen amtlicher Hilfe für Deutsche, die sich mit eigenem Zutun in Gefahr begeben, will das Außenministerium keinen Beitrag leisten. Dort bleibt es beim Hinweis auf das Konsulargesetz, nachdem Deutsche im Ausland, die in Not geraten, einen uneingeschränkten Anspruch auf Hilfe der deutschen Konsularbehörden haben.

Keine Details zum Ende der Entführung

Die Bundesregierung hat zu der Freigelassenen bis zum Sonntag abend Kontakt gehalten. Beamte des Bundeskriminalamts und des Auswärtigen Dienstes begleiteten sie auf ihrem Weg aus der irakischen Botschaft, wo sie die Zeit seit ihrer Freilassung verbracht hatte, in ein anderes Land. Dort endete die Betreuung. Damit bleibt der Generalbundesanwalt diejenige deutsche Behörde, die mit dem Fall Osthoff weiter befaßt ist. Zu Details der Umstände von Entführung und Befreiung nimmt weiterhin weder das Auswärtige Amt noch die Bundesregierung Stellung.

Deutsche Behörden rechnen aber offenbar damit, daß Einzelheiten weiter erörtert werden, auch dadurch, daß die Entführte selbst bereit scheint, unter bestimmten Umständen Einzelheiten ihrer Geschichte öffentlich zu machen, wie sie es am Montag gegenüber dem arabischen Fernsehsender tat. Es gibt Mutmaßungen, daß die Bereitschaft dazu auch mit materieller Unterstützung verbunden sein könne.

Text: FAZ.NET, Lt./F.A.Z.

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