Allensbach-Analyse

Wasser auf die Mühlen der Linken

Von Professor Renate Köcher

22. Oktober 2008 Seit Wochen wird die Bevölkerung mit Hiobsbotschaften konfrontiert – über die dramatische internationale Finanzkrise und die das Vorstellungsvermögen der Bevölkerung übersteigenden Rettungsmaßnahmen, das alles verbunden mit der Ankündigung, dass der „kleine Mann“ die Zeche zahlen werde. Täglich wird in den Medien auch die Frage gestellt, wie es um die Sicherheit des privaten Vermögens der Bevölkerung bestellt sei und generell um ihre Zukunftschancen in einem von extremer Unsicherheit und rezessiven Tendenzen geprägten wirtschaftlichen Umfeld.

Die Mehrheit der Bevölkerung ist angesichts der Nachrichten ratlos und verunsichert. In einer Lage, in der ausgewiesene Experten zum Teil erkennbare Mühe haben, sich ein klares Urteil zu bilden und belastbare Prognosen abzugeben, hat die überwältigende Mehrheit das Gefühl, ihr fehle jegliche Urteilsbasis. 78 Prozent sind überzeugt, dass das Finanzsystem so undurchsichtig geworden ist, dass es sich dem Verständnis der Bürger völlig entzieht. Zugleich ist der überwältigenden Mehrheit bewusst, dass die Folgen der Krise, für welche die meisten die Vereinigten Staaten verantwortlich machen, für Deutschland riesig sind. Nur noch 2 Prozent der Bevölkerung glauben, dass die Krise Deutschland kaum betrifft; nur 3 Prozent sind nicht beunruhigt. Der Kreis, der noch kühl reagiert und nur an begrenzte Auswirkungen glaubt, macht rund ein Fünftel der Bevölkerung aus und gehört überdurchschnittlich der jungen Generation an.

Die größte Sorge: Sind die Ersparnisse sicher?

Die große Mehrheit empfindet die Ereignisse als beängstigend und fragt sich, was noch alles kommt. Obwohl nur eine kleine Minderheit ihr Geld in spekulativen Anlagen gesteckt hat, machen sich 52 Prozent der Bevölkerung Sorgen, ob ihre Ersparnisse sicher sind. Vor allem die Älteren sind beunruhigt: 60 Prozent der Leute über 60 Jahre haben sich in letzter Zeit um die Sicherheit ihres Vermögens Sorgen gemacht, auch 58 Prozent der Personen zwischen 45 und 59 Jahren. Nur die Generation unter 30 Jahren, von der die meisten bisher nur wenige Ersparnisse gebildet haben, empfindet die Finanzmarktkrise überwiegend als etwas, das ihre materielle Lage nicht unmittelbar berührt.

Zwar genießt die eigene Bank deutlich mehr Vertrauen als das Bankenwesen insgesamt. Obwohl der Ursprung der Krise von den meisten in Amerika verortet wird, vertrauen nur 23 Prozent darauf, dass die deutschen Banken überwiegend unvertretbare Risiken meiden. In Bezug auf die eigene Bank haben zwar immerhin 52 Prozent dieses Vertrauen; damit ist jedoch umgekehrt knapp jeder Zweite auch in Bezug auf die eigene Hausbank verunsichert: 34 Prozent haben nur eingeschränkt Vertrauen, dass die eigene Hausbank große Risiken meidet, 6 Prozent überhaupt kein Vertrauen; 8 Prozent trauen sich kein Urteil zu.

Der Staat muss regulieren

Die Ängste der Bevölkerung um die Sicherheit ihrer Ersparnisse werden sich relativ rasch wieder zurückbilden. Noch nicht zu überschauen sind dagegen die Auswirkungen auf das Weltbild und Systemvertrauen der Leute. Nur zu deutlich zeigt die Krise, dass freiheitliche Systeme vor allem von denen diskreditiert und damit unterminiert werden, die Freiheitsräume überdehnen und missbrauchen.

Für die große Mehrheit steht außer Frage, dass der Staat das Bankenwesen stärker kontrollieren und regulieren sollte. 63 Prozent halten dies für die richtige Folgerung. Wenn dagegen argumentiert wird, dass staatliche Interventionen oft mehr schaden als nutzen, schließen sich 30 Prozent dem an, während die Mehrheit überzeugt ist, dass allein mehr staatliche Regulierung die Gefahr krisenhafter Entwicklungen mindern kann.

Sogar FDP-Anhänger wünschen sich mehr staatlichen Eingriff

Generell wächst der Rückhalt für staatliche Interventionen, auch über das Bankenwesen hinaus. Vor drei Jahren waren nur 25 Prozent der Bürger der Auffassung, der Staat greife zu wenig in die Wirtschaft ein, im Frühjahr dieses Jahres waren es 30 Prozent; jetzt sind es 37 Prozent. Dagegen ist die Kritik an einem Übermaß staatlicher Eingriffe von 28 auf 8 Prozent gesunken. Sogar 34 Prozent der FDP-Anhänger wünschen sich mehr staatliche Eingriffe in die Wirtschaft, nur 15 Prozent weniger.

Während liberale Positionen zurzeit einen schweren Stand haben, lenkt die Finanzmarktkrise Wasser auf die Mühlen der Linken, die sich in ihrem Weltbild bestätigt fühlt. 69 Prozent ihrer Anhänger sehen die Krise als Beweis für zu große Freiheitsräume im Finanzsektor; 60 Prozent sind sogar die Auffassung, dass der Staat zu wenig in die Wirtschaft eingreift. Die Anhänger der Linken sind die einzigen, die mit relativer Mehrheit annehmen, dass es ihnen in einem stärker staatlich kontrollierten Wirtschaftssystem besserginge.

Forderungen der Linken erinnern an ein sozialistisches System

In der Linken sammeln sich diejenigen, denen die ganze Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung suspekt ist. In keiner anderen Gruppierung wird die deutsche Wirtschaftsordnung auch nur annähernd so kritisch gesehen. 69 Prozent der Anhänger der Linken beurteilen die Wirtschaftsordnung der Bundesrepublik negativ, nur 10 Prozent positiv. In der gesamten Bevölkerung folgt zwar nur eine Minderheit dieser pauschalen Kritik. Wie groß heute jedoch die Resonanz von Positionen ist, die an das System der DDR erinnern, zeigt die breite Zustimmung zu Forderungen nach Verstaatlichung von Schlüsselindustrien und der Einschränkung von Eigentumsrechten.

Ohne die Herkunft der Forderungen zu nennen, wurden einige Zitate von Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine zur Diskussion gestellt, etwa die Forderung: „Im Interesse der Beschäftigten, der Verbraucher und der Umwelt müssen Energiekonzerne in die öffentliche Hand überführt und demokratisch kontrolliert werden.“ Die Wortwahl weckt in Westdeutschland Bezüge zur 68er Bewegung, in Ostdeutschland an das sozialistische System. Dies ficht die Mehrheit der Leute nicht an. 59 Prozent der gesamten Bevölkerung stimmen dieser Forderung zu, in Ostdeutschland 66 Prozent der Bürger, von den Anhängern der Linken 83 Prozent.

Der Staat kann noch am ehesten kontrollieren

Die breite Unterstützung bedeutet nicht, dass dem Staat als Wirtschaftslenker viel zugetraut würde. Das Gegenteil ist der Fall. Die Zuneigung zu staatsinterventionistischen Konzepten gründet vor allem in der Überzeugung, dass der Staat noch am ehesten mehr Sicherheit und Kalkulierbarkeit garantieren kann und wegen der Abhängigkeit der Politik von den Wählern stärker die Interessen der breiten Masse berücksichtigt. So unbedenklich viele bereit sind, staatliche Interventionen zu unterstützen, ist dies doch für die meisten kein ordnungspolitisches Anliegen.

Diese Positionen werden kaum in Systemkategorien gebildet, sondern entlang von Kosten-Nutzen-Kategorien. Der Rückhalt für die Forderung nach Verstaatlichung der Energiewirtschaft geht auf die Preissteigerungen in den letzten zwei, drei Jahren zurück und auf die Überzeugung, dass es sich der Staat als Eigentümer nicht hätte leisten können, diese Preiserhöhungen so an die Verbraucher weiterzugeben.

Um soziale Gerechtigkeit scheint es schlecht bestellt

Auch das Urteil über Programmatik der Linken zeigt, dass ihre ordnungspolitischen Ziele nur von einer Minderheit wahrgenommen werden. Obwohl das Parteiprogramm eindeutig auf mehr Staatsinterventionen zielt, verbinden nur 33 Prozent der Bürger und 46 Prozent der Anhänger der Linken mit der Partei das Ziel, dass der Staat künftig mehr in die Wirtschaft eingreift.

Die Vorstellungen von der Programmatik der Linken werden vor allem von egalitären Zielen bestimmt: stärkere Besteuerung der wohlhabenden Bevölkerungskreise, flächendeckende Mindestlöhne, Verringerung sozialer Unterschiede, Einsatz für die unteren Sozialschichten und mehr soziale Gerechtigkeit. Die Finanzkrise hat nicht nur die Skepsis gegenüber wirtschaftlichen Freiheitsräumen genährt, sondern die ohnehin weit verbreitete Überzeugung befestigt, dass es um soziale Gerechtigkeit und Ausgleich nicht zum Besten bestellt ist. Auch die aktuelle Krise wird in hohem Maße unter dem Aspekt der sozialen Gerechtigkeit bewertet; nahezu drei Viertel der Bevölkerung beklagen, dass die, die die unwägbaren Risiken eingegangen sind und daran gut verdient haben, ungeschoren davonkommen.

Linke: Familienunternehmen enteignen ihre Belegschaft

All dies sichert der fundamentalen Wirtschaftskritik der Linken breite Unterstützung. 74 Prozent der gesamten Bevölkerung stimmen der These zu: „Die großen Konzerne machen jedes Jahr Rekordgewinne und schmeißen gleichzeitig die Leute raus. Da muss man schon die Frage stellen, inwieweit das mit dem Grundgesetz vereinbar ist.“ Jeder Zweite schließt sich der These an, die großen Vermögen vieler Familienunternehmen seien grundgesetzwidrig angeeignet; niemand könne in seinem Leben mehrere Milliarden Euro auf verfassungsgemäße Weise erwerben.

Von den Anhängern der Linken folgen 86 Prozent dieser These. Erst wenn die Anklänge an die Ideologie der DDR zu offenkundig werden, schreckt die große Mehrheit zurück. Der ebenfalls aus Interviews entnommenen Äußerung: „Die großen Vermögen vieler Familienunternehmen sind das Ergebnis einer fortdauernden Enteignung der Belegschaft. Daher brauchen wir eine Rückübereignung des Vermögens an die rechtmäßigen Eigentümer, nämlich an die Belegschaft“, stimmen 16 Prozent der Bevölkerung zu, von den Anhängern der Linken 47 Prozent.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.

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