01. August 2008 Eine herrliche Sommerzeit ist im politischen Bayern angebrochen. Pünktlich zu Ferienbeginn sind alle Schicksalsfragen gelöst, die den Genuss des Weißbiers oder des Vinho Verde trüben könnten.
Niemand muss sich mehr ängstigen, am 28. September in die Wahlkabine ohne die vorherige Tröstung einer Fernsehdebatte zwischen den Spitzenkandidaten der CSU und SPD treten zu müssen. Anders als sein Vorgänger Stoiber will sich Ministerpräsident Beckstein mit dem Sozialdemokraten Maget medial messen - und hat die Zuschauer schon einmal wissen lassen, dass er die besseren Argumente habe.
Dem Duell gewachsen
Es geht also gewohnt professionell zu in der bayerischen Landespolitik: Nur Anfänger würden auf die Zeit nach einem solchen Fernsehduell, wie das Marketinglabel für ein Gespräch zwischen zwei gesetzten Herren lautet, warten, um sich zum Champion zu erklären. Weit vorher - die Diskussion soll Mitte September stattfinden - müssen die Siegesfahnen gehisst werden, sollen sie nicht übersehen werden.
Beckstein tänzelt im Medienring auch schon wie weiland Cassius Clay alias Muhammad Ali - und lässt wissen, wie sehr er sich dem Duell gewachsen fühle. Sein Mitstreiter Huber fährt unterdessen kreuz und quer durch Bayern, von Sägewerken zu Biogasanlagen, von Kindergärten zu Frauenfrühstücken; es dürfte bald schwierig werden, eine Staatsstraße zu finden, auf der einem nicht der Wahlkampfbus des CSU-Vorsitzenden entgegenkommt.
Beckstein-Huber-Tiefen von 48 Prozent
Nicht nur solche Perspektiven sorgen dafür, dass die bayerischen Wähler entspannt in den Urlaub fahren können. Die CSU bemüht sich auch nach Kräften, die Botschaft zu verbreiten, dass vor dieser Landtagswahl alles wie immer ist, mögen auch notorische Störenfriede, sprich Umfrageinstitute, sich mit Hiobsbotschaften melden. Am Mittwoch bescheinigten die Meinungsforscher von Infratest dimap, die sich im Auftrag des Bayerischen Rundfunks im Freistaat umgehört hatten, der CSU einen Sturz von den Stoiber-Zweidrittelhöhen auf Beckstein-Huber-Tiefen von 48 Prozent.
Solch düsteren Prognosen setzt die CSU ihre eigene Welt entgegen, in der alles wie vor vergangenen Wahlen ist - und in der sich die Wähler im Urlaub nicht den Kopf zerbrechen müssen über seltsame Gebilde wie eine Vierer-Koalition aus SPD, Grünen, FDP und Freien Wählern, die Maget als seine ganz persönliche Glücksverheißung entdeckt hat.
Stattdessen dürfen sich die Wähler an den kleinen und großen Fouls erfreuen, mit denen in der CSU kunstvoll um die Positionen gekämpft wird, die es nach dem 28. September zu besetzen gibt, darunter den Präsidentenstuhl im Landtag. Wer unbedingt will, kann bei einem Latte Macchiato nachsinnen, wie es wäre, wenn nicht nur der Ministerpräsident, der Innenminister, der Europaminister, sondern auch noch die Landtagspräsidentin aus Franken käme - und was es für das Römische Reich bedeutete, als die Kaiser aus den Provinzen rekrutiert wurden
Meine mageren Jahre sind vorbei!
Aber für größere feriale Turbulenzen dürften solche Fragen kaum taugen - auch nicht der Vorstoß aus den Reihen der CSU, den Parteipatriarchen Franz Josef Strauß mit einer Porträtbüste in der Ruhmeshalle Walhalla zu ehren. Eifrige Stoiberianer - sie gibt es noch in der CSU, auch wenn sie sich als Becksteinianer oder Huberianer tarnen - denken seither darüber nach, dass auch ihr Idol unter die rühmlich ausgezeichneten Teutschen, die König Ludwig I. in die Walhalla aufnehmen wollte, eingereiht werden müsse. Nach den geltenden Regularien ist eine solche Ehrung allerdings frühestens zwanzig Jahre nach dem Tod möglich - und Stoiber lernt eben gerade die Freuden des Ruhestands schätzen und hat Offerten, doch im nächsten Jahr für das Europaparlament zu kandidieren, ausgeschlagen.
Folglich schmückt der Titel Meine mageren Jahre sind vorbei! auch nicht Stoibers Memoiren, sondern die politische Neuerscheinung des bayerischen Sommers. Monika Hohlmeier, einst eine große Hoffnung der CSU, schildert darin ihren Kampf gegen eine Nahrungsmittelunverträglichkeit - und spart nicht mit kreativen Rezeptideen. Was Parteifreunde nicht davon abhält, den Titel strikt metaphorisch zu verstehen und über die politische Zukunft der Strauß-Tochter zu spekulieren. Vater Strauß in der Walhalla, die Tochter in der Staatskanzlei, Beckstein im Medienring, Huber auf allen Straßen - sage niemand, die CSU habe verlernt, die ganz große Sommerunterhaltung zu bieten.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, dpa, REUTERS