28. April 2006 Deutschland wünscht sich mehr Kinder. Da trifft es sich, daß viele junge Paare gern (noch) eins bekämen. Die Auguren der demographischen Dekadenz ermahnen besonders die Akademiker, vor lauter Karriere nicht das Glück der Elternschaft geringzuschätzen. Als ob sich nicht auch Hochschulabsolventen nach Familienfreuden sehnten! Die gut ausgebildeten Soll- und Möchtegerneltern wünschten sich anstatt Belehrungen mehr Verständnis für ihre Nöte.
Arbeitsplätze für Akademiker, für Geisteswissenschaftler zumal, sind rar. Die Probezeit haben die deutschen Arbeitgeber schon verlängert, nur heißt das jetzt Praktikum. Hochqualifizierte Bewerber verderben einander den Arbeitsmarkt, indem sie nach dem Examen ganze Halbjahre für ein Taschengeld arbeiten, häufig durchaus auf verantwortungsvollen Posten. Ewig lockt das vage Versprechen einer Festanstellung. Wer den Ausbruch aus der Praktikumsmühle schafft, mutiert aber oft zum freien Mitarbeiter - frei allein von Arbeitnehmerrechten. Die Scheinselbständigkeit grassiert. Mutterschutz und Elternzeit gelten in vielen Agenturen als Anachronismen. Doch selbst für prekäre Jobs nehmen junge Leute Ortswechsel in Kauf. Nicht jede Liebesbeziehung verkraftet das.
Generation Praktikum
Die Regierung bastelt an einem Elterngeld, das vor allem den Gutverdienenden die Elternfreuden bezuschußt. Davon hat die Generation Praktikum wenig. Selbst Berufseinsteiger auf festen Stellen ächzen unter Belastungen, die ihre Eltern nicht kannten. Einstiegsgehälter bröckeln, Erhöhungen fallen aus, Zusatzleistungen werden gestrichen.
Vor drei Jahrzehnten beflügelten stetig steigende Gehälter die Verwandlung junger Paare in Eltern mit Eigenheim. Die damals die Kinderzimmer bezogen, drücken heute ein paar hundert Euro monatlich an private Rentenversicherer ab - für arbeitslose (erziehende) Partner am besten gleich mit. Die staatliche Rente, soviel ist sicher, bleibt nicht üppig, nur weil es sie dereinst erst im hohen Alter geben wird. Haben die Versicherungsagenten also unrecht, wenn sie uns auch fürs Neugeborene eine Rentenpolice andienen? Und was, wenn die Kinder einmal studieren wollen? Für 500 Euro im Semester wird das in zwanzig Jahren nicht zu haben sein. Also gilt es, ein Sparbuch zu befüllen.
Ein Leben ohne Extras
Von der Armutsgrenze ist das Gros der deutschen Jungakademiker weit entfernt. Auch eine Praktikantenkarriere muß man sich leisten können. Zwischen Städtetrips, Mobilfunkgeplänkel und Cafefrühstücken verbleibt noch allerlei Einsparpotential. Die Entscheidung für Kinder kann junge Leute aber in ein Leben ohne Extras katapultieren, das sie zuvor kaum kannten und ihre kinderlosen Freunde nicht kennen. Schließlich handelt es sich um eine Generation verwöhnter Wohlstandsgören. Die Klassenfahrt führte nach Rom, die Turnschuhe kamen vom jeweils angesagten Hersteller, und studiert wurde nicht, was der Arbeitsmarkt begehrte, sondern was spannend klang. Universitäten übertrumpften einander beim Erfinden bunter Studiengänge.
Schon die Eltern der meisten Hochschulabsolventen von heute kennen Existenzängste nur aus zweiter Hand. Während diese erste bundesdeutsche Wohlstandsgeneration die Pensionsgrenze erreicht, entdecken ihre Abkömmlinge die Krise.
Nach der Pause Ausstieg aus dem Wunschberuf?
Viele junge Akademiker arbeiten Vollzeit und verdienen doch nicht genug, um allein eine Familie durchzubringen - erst recht nicht mit den Annehmlichkeiten, die während des Studiums noch zum Standard gehörten. Eine mehrjährige Berufspause wiederum bedeutet oft einen Ausstieg aus dem Wunschberuf, zumindest aber einen Abstieg für lange Zeit. Solange neue Absolventen ihre Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt verscherbeln, haben Bewerber nach der Erziehungspause nicht viel zu erwarten.
Der Staat kann die jungen Akademiker ermuntern, der ungewohnten Unsicherheit zu trotzen. Statt sich am Elterngeld zu verausgaben, sollte er die Kleinkinderbetreuung stärker fördern - als Angebot, nicht als alleinseligmachende Erziehungsform. Viele Eltern werden es ausschlagen. Das ist eine ehrenwerte Erziehungsentscheidung, verleiht ihnen aber nicht die Deutungshoheit über das Kindeswohl. Wann haben die, die Tagesstätten pauschal als Verwahranstalten verunglimpfen, zuletzt eine Krabbelstube besucht, wo gut ausgebildete Erzieher professionell, aber liebevoll mit Ein- und Zweijährigen spielen, singen, tanzen, basteln, toben und essen?
Eltern bleiben die wichtigsten Bezugspersonen
In einer Krippe lernen die Jüngsten, mit anderen Kindern umzugehen. Das ist schon deshalb gut, weil die Zeiten der Großfamilien vorbei sind, als dieser Trubel daheim herrschte. Selbst als Austauschbörse für Infekte rühmen Mediziner die Tagesstätten - Kinderkrankheiten gehören eben auch zur gesunden Entwicklung. Selbstverständlich bleibt, daß nicht erst dann, wenn die Windpocken ausgebrochen sind, vor allem die Eltern für ihre Kleinen da sind. Mutter und Vater, die auch werktags fünfzehn bis zwanzig Stunden für ihre Kinder präsent sind, bleiben deren wichtigste Bezugspersonen. Das weiß jedes Kind.
Gebraucht werden vielfältige und hochwertige Tagesstätten. Nicht jede Form der Betreuung eignet sich für jedes Kind und paßt zu jedem Erziehungskonzept. Also sollten die Eltern die Wahl haben, anstatt sich blind überall bewerben zu müssen, um überhaupt irgendeinen Krippenplatz zu ergattern.
Familienpolitik hat sich am Familienwohl zu orientieren. Alles, was schlecht für Kinder ist, läuft ihm zuwider. Doch nicht alles, was den Eltern auskommt, schadet dem Kind. Würde die Energie, die in (Rückzugs-)Gefechten über Kinderbetreuung vergeudet wird, in deren Verbesserung gesteckt, dann fiele auch vielen Akademikerpaaren die Erfüllung ihres Kinderwunsches leichter. Selbst wenn sie fürchten, ihren Kindern nicht so viel bieten zu können, wie sie einst selbst bekamen.
Text: F.A.Z., 28.04.2006, Nr. 99 / Seite 1
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