Der Weg zur Neuwahl

Auf Köhler kommt es an

Köhler, Schröder: Eingeschränkte Kanzlerdemokratie

Köhler, Schröder: Eingeschränkte Kanzlerdemokratie

27. Juni 2005 Kanzlerdemokratie wird die Bundesrepublik oft genannt; nur selten heißt es: Auf den Bundespräsidenten kommt es an. Bald kann es wieder soweit sein.

Ob es zu einer vorgezogenen Bundestagswahl kommt, weiß niemand. Die Ankündigung des SPD-Vorsitzenden vom 22. Mai, er wolle seine Parteigremien das Vorziehen der Bundestagswahl beschließen lassen, brauchte den Bundespräsidenten nicht zu kümmern.

Gespräch im Schloß Bellevue

Auch des Bundeskanzlers Erklärung, er wolle ihm Gelegenheit geben, den Bundestag aufzulösen, war eigentlich nicht dazu angetan, das Staatsoberhaupt aus der Reserve zu locken. Auch die Begeisterung der Oppositionsparteien für einen vorgezogenen Wahltermin konnte den Bundespräsidenten in seiner verfassungsmäßigen Amtsführung nicht stören. Der Bundespräsident ist mit der Auflösung des Bundestages befaßt, nicht mit der Vorbereitung der Vorbereitung der Auflösung.

Inzwischen hat Köhler mit Partei- und Fraktionsvorsitzenden über das Neuwahlvorhaben gesprochen, nicht nur mit Müntefering und Frau Merkel, sondern auch mit Stoiber, der nicht Mitglied des Bundestages ist. Was hat der Bundespräsident mit deren Ansichten zu tun?

Das Grundgesetz schreibt das Verfahren vor:

Der Kanzler stellt die Vertrauensfrage. Der Bundespräsident muß jeglichen Anschein vermeiden, als sei das schon eine Vorentscheidung. Denn es liegt allein in der Freiheit jedes Abgeordneten, wie er auf die Vertrauensfrage antwortet.

Vorgespräche des Bundespräsidenten mit den Fraktionschefs könnten da den fatalen Eindruck erwecken, als rechnete er mit Fraktionszwang bei der Abstimmung. Auch wenn der Kanzler seine Minister zu einem bestimmten Abstimmungsverhalten anhält und damit deren Abgeordnetenrechte mißachtet, darf der Bundespräsident nicht so tun, als sei das Ergebnis vorweg sicher. Erst wenn der Bundestag dem Kanzler das Vertrauen versagt hat, mag sich Köhler bereithalten.

Eingeschränkte Verfahrensherrschaft

Entscheidungsberechtigt ist er aber erst, wenn der Kanzler ihm die Auflösung des Bundestages vorschlägt. Da erst kommt es auf den Bundespräsidenten an: Er hat 21 Tage lang die Befugnis, eine Neuwahl anzusetzen.

Am 22. Tag hat er dazu kein Recht mehr. Wie eng das Grundgesetz die Verfahrensherrschaft des Staatsoberhauptes begrenzt, ist daran zu erkennen, daß seine Entscheidungsbefugnis sich in nichts auflöst, falls der Bundestag zwischenzeitlich einen neuen Kanzler wählt.

Druck auf Köhler?

Die Sicherheit des FDP-Fraktionsvorsitzenden Gerhardt, die Bundestagswahl werde vorgezogen, läßt sich auf zweierlei Weise deuten. Es könnte Unsicherheit sein, die aus ihm spricht, wenn das Gespräch mit dem Bundespräsidenten nicht so verlaufen ist, wie es sich die Neuwahlbefürworter wünschten.

Gerhardt übte somit Druck auf Köhler aus, auf daß sich das noch änderte. Oder aber er referiert nur, was Köhler durchblicken ließ.

Das hat der Bundespräsident nun von seinem Treffen mit den Fraktionsführern. In beiden Fällen verstärken Äußerungen wie die Gerhardts die Plebiszitstimmung („Die Öffentlichkeit ist darauf eingestellt“), die Münteferings und Schröders Keule vom 22. Mai in Schwung brachte - und mit der sie Rot und Grün auseinandergetrieben haben, um doch noch die Voraussetzungen zu schaffen, die sie brauchen, um die unechte Vertrauensfrage nicht als Manipulationsmanöver aussehen zu lassen.

Köhlers Gesprächsrunde war somit - zu diesem Zeitpunkt - „vorbereitend“ in mehrfacher Hinsicht. Köhler ließ freilich schon öffentlich durchblicken, daß die Haltung der Fraktionen in der Sache eine gewisse Rolle zu spielen habe. Deutschlands Wahlkampf kann also weitergehen.

Text: FAZ.NET mit Material von G.H.; kum. und F.A.S.
Bildmaterial: picture-alliance/dpa/dpa web

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Sie möchten Zuschuss zur Ihrer neuen Brille? Vergleichen Sie jetzt online einfach und bequem verschiedene Krankenzusatzversicherungen und sparen Sie bares Geld!

Bundespräsident Köhler

Die Mär von der Machtlosigkeit

Viel liegt in diesen Tagen in seinem Ermessen: Horst Köhler

Alle Bundespräsidenten hatten Einfluß auf die Politik, die einen mehr, die anderen weniger. Und jeder war auf seine Weise parteiisch. Horst Köhler wird weiter Partei ergreifen.

FAZ.NET-Spezial

Schröder fast am Ziel: Mißtrauen gewonnen - Köhler brüskiert

Schröder bittet - Köhler prüft

Spezial Von Anfang an hat Bundeskanzler Schröder sich kaum Mühe gegeben, seine Entscheidung für eine Neuwahl über Äußerlichkeiten hinaus verfassungsgemäß zu gestalten - und damit den Bundespräsidenten brüskiert. Fortan liegt die Entscheidung bei Köhler.

Weg zur Vertrauensfrage

Chronik eines Getümmels

Darauf läuft's hinaus: Stimmkarten im Bundestag

Von überraschender Neuwahlankündigung, über Parteiaustritte, bis hin zu Autoritätsverlust: Seit der Landtagswahl in NRW ging es in Berlin rund. Die Entstehungsgeschichte von Gerhard Schröders Vertrauensfrage.

Chronik der Vertrauensfragen

Das Plenum vor Augen, das Volk im Blick

Vier Kanzler stellten die Vertrauensfrage

Gerhard Schröder ist der erste Bundeskanzler, der gleich zweimal die Vertrauensfrage stellt. Auch Helmut Schmidt wollte das, doch Helmut Kohl kam ihm zuvor - mit einem konstruktiven Mißtrauensvotum.

Bundesverfassungsgericht

Karlsruhe ist vorbereitet

Einige Abgeordnete wollen wegen Mißbrauchs der Vertrauensfrage vor das Bundesverfassungsgericht ziehen. Dann müßte der Zweite Senat urteilen. Doch die Möglichkeiten zur Überprüfung sind begrenzt.

Vertrauensfrage

Kanzler ohne Selbstvertrauen

Schröders Weg zur Neuwahl gewinnt an Konturen

Die Regierung hat Meldungen dementiert, nach denen Bundeskanzler Schröder die Vertrauensfrage im Bundestag mit mangelnder Handlungsfähigkeit begründen will. Offiziell ist dagegen, daß Schröder selbst sich am Freitag der Stimme enthalten wird.

Vertrauensfrage

Müntefering lädt SPD zum Mißtrauen ein

Müntefering: Das letzte Geläut für Schröder?

Auch wenn der SPD-Fraktionsvorstand mit großer Mehrheit dem Weg zur Neuwahl zugestimmt hat, wächst der Unmut in Parteikreisen über Münteferings Vorgabe, Schröder das Vertrauen auszusprechen, „indem man sich der Stimme enthält“.

Vertrauensfrage

Drucksachennummer 15/5825

Schröders Antrag

Zum fünften Mal in der Geschichte der BRD stellt ein Kanzler die Vertrauensfrage. Bundestagspräsident Thierse gab den Abgeordneten den Antrag für die Abstimmung am 1. Juli bekannt. Schröders Formulierungen orientieren sich an jenen Helmut Kohls.

Interview

Struck will sich enthalten

Struck und Schröder: Mißtrauen auf Ansage?

Im Gespräch mit der F.A.S. bekräftigt Verteidigungsminister Peter Struck seine Bereitschaft, bei der Vertrauensfrage gegen Kanzler Schröder zu stimmen. Struck spricht auch über den grünen Koalitionspartner und den SPD-Abtrünnigen Lafontaine.

Der Weg zur Neuwahl

FAZ.NET-Spezial: „Sauber wäre der Rücktritt“

Nur ein Trick? Abstimmung im Bundestag

Spezial Der Bundeskanzler möchte erreichen, daß der Bundestag ihm das Vertrauen versagt, um eine Neuwahl herbeizuführen - ein juristisch umstrittener Weg. Bei FAZ.NET sagen führende Verfassungsrechtler ihre Meinung.

Vertrauensfrage

Schröder bringt Kabinett und Köhler in Nöte

Schröder (mit Sprecher Anda): “Geheimaktion“ Neuwahl

Wenn der Kanzler in der kommenden Woche den Ministern das Vorgehen für seine für den 1. Juli vorgesehene Vertrauensfrage vorstellen wird, muß er mit wenig Verständnis rechnen. Spekuliert wird auch über Skepsis beim Bundespräsidenten.

Bundestagsauflösung

Wieder aktuell

Schon im Dezember 1982 erörterten führende Juristen das Für und Wider einer Auflösung des Bundestags nach vorangegangener Vertrauensfrage. Sie taten dies so gründlich, daß die Mitschrift gerade jetzt als unentbehrlich gilt.

Neuwahl?

Politiker hoffen auf ein Zeichen

Gibt Köhler Grünes Licht für die Neuwahl?

Bundespräsident Köhler hat mit den Partei- und Fraktionsvorsitzenden über eine vorgezogene Bundestagswahl im Herbst gesprochen. Politiker aller Parteien hoffen auf ein Zeichen, ob Köhler den Neuwahl-Plan von Bundeskanzler Schröder unterstützt.

Vertrauensfrage

Schröder läßt über Schröder abstimmen

Kanzler Schröder: Vertrauensfrage “pur“

Der Kanzler wird die Vertrauensfrage im Bundestag am 1. Juli nicht mit einer Sachfrage verknüpfen. Die Gründe bleiben weiter offen. Der SPD-Vorsitzende Müntefering hält die Angriffe seiner Partei auf Bundespräsident Köhler für „beendet“.

Neuwahl

Köhler: Mit der Verfassung „sachgemäß“ umgehen

Finden sie zusammen?

Bundespräsident Horst Köhler hat Kriterien benannt, die er als Maßstab für seine Entscheidung über eine mögliche Neuwahl anlegen will. Der Bürger, so Köhler, müsse alle Prozesse nachvollziehen können.

Vorgezogene Wahl

Wie wird Schröder den Kanzler los?

Wann und wie geht der Lotse von Bord?

Auch wenn sich Gerhard Schröder zuversichtlich gibt: Das Ende seiner Amtszeit und die Wahl im Herbst sind noch nicht in Sicht. Der Bundespräsident kennt den Weg schon, den der Kanzler noch sucht.

Vertrauensfrage und Verfassung

„Ein schmieriger Umweg"

Isensee: “Grundgesetzänderung wäre wenigstens sauber und redlich“

Josef Isensee kritisiert im F.A.Z.-Interview die Pläne von Bundeskanzler Schröder, auf eine vorzeitige Bundestagswahl hinzuwirken. Das Grundgesetz verpflichte den Bundestag, die Wahlperiode durchzuhalten, sagt der Staatsrechtler.

Dokumentation

Das Urteil zur Bundestagsauflösung

Am 16. Februar 1983 hat das Bundesverfassungsgericht die Auflösung des Parlaments durch Bundespräsident Carstens akzeptiert. Zugleich legte es hohe Maßstäbe für die Vertrauensfrage im Bundestag fest. Das Urteil im Wortlaut.