Charlotte Knobloch

Mit 73 Jahren ins Wunschamt

Von Hans Riebsamen

Seit Jahren hat sich Charlotte Knobloch dieses Amt gewünscht

Seit Jahren hat sich Charlotte Knobloch dieses Amt gewünscht

07. Juni 2006 Sie hat sich dieses Amt gewünscht, seit Jahren. Charlotte Knobloch war bitter enttäuscht, als sie damals, als es um die Nachfolge von Ignatz Bubis ging, Paul Spiegel unterlegen ist. Jetzt, mit 73 Jahren, ist sie doch noch Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland geworden - weil Salomon Korn, der Vorsitzende der Jüdische Gemeinde Frankfurt, auf eine Kandidatur verzichtet hat.

Aber Charlotte Knobloch sieht sich keineswegs als zweite Wahl, sie glaubt, ihre Befähigung für dieses höchste politische Amt in der deutschen Judenschaft genügend bewiesen zu haben: als langjährige Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, aber auch als Vizepräsidentin des Zentralrats, eine Position, in die sie als erste Frau gewählt wurde.

In der „großen Politik“ noch unerfahren

Sie entging der Deportation und überlebte den Holocaust

Sie entging der Deportation und überlebte den Holocaust

Oft wird Charlotte Knobloch als „patente Frau“ charakterisiert, als eine, die mit beiden Füßen im Leben steht, durchsetzungsfähig, aber auch kompromißbereit, wenn dies der Sache dient. Gewiß hat sie noch nicht allzuviel Erfahrung in der „großen Politik“ gesammelt. Diesem Umstand ist wohl auch zuzuschreiben, daß sie vor sechs Jahren zum Ärger vieler Mitstreiter der am rechten politischen Rand positionierten Zeitschrift „Junge Freiheit“ ein Interview gegeben hat.

Auf der anderen Seite hat sie Statur gewonnen durch ihr entschiedenes Eintreten gegen neonazistische und islamistische Attacken auf jüdische Einrichtungen, zum Beispiel auf das Zentrum ihrer Münchener Gemeinde, dessen Fundamente Rechtsterroristen in die Luft sprengen wollten. Längst ist dieses Zentrum eingeweiht und ein lebendiger Ort jüdischen Lebens - mit ein Verdienst von Charlotte Knobloch.

Die neue Präsidentin wird sich, dies sagen ihr viele voraus, große Sympathie in der Öffentlichkeit erwerben. Nicht oder nicht nur, weil sie eine gewisse Eleganz ausstrahlt oder weil sie es den Männern gezeigt hat.

Vor dem Holocaust gerettet

Ihr größtes Pfund dürfte ihre deutsche Herkunft sein. Charlotte Knobloch entstammt dem klassischen deutschen Judentum, sie ist in München zur Welt gekommen, ihr Vater, Fritz Neuland, war ein bekannter Anwalt. Er überlebte den Holocaust als Zwangsarbeiter und gründete nach 1945 mit anderen eine neue jüdische Gemeinde in seiner Heimatstadt.

Seine Tochter ist der Deportation und dem KZ nur deshalb entgangen, weil eine frühere Hausangestellte ihres Onkels sie aufnahm und sie als ihr uneheliches Kind ausgab. Auf einem Bauernhof in Franken überlebte Charlotte Knobloch bei der streng katholischen Familie ihrer Retterin diese schlimme Zeit.

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Ein Amt in der Jüdischen Gemeinde hat sie erst 1981 übernommen, nachdem ihre drei Kinder die Schule abgeschlossen hatten. Als Vorstandsmitglied der Kultusgemeinde, die sich stark sozial engagierte, genoß sie schnell hohes Ansehen und wurde schon 1985 als erste Frau in Deutschland zur Vorsitzenden einer Jüdischen Gemeinde, der Münchener Kultusgemeinde, gewählt.

Der Traum der Charlotte Knobloch, nicht nur in München, sondern in ganz Deutschland die höchste jüdische Position einzunehmen, hat sich nun erfüllt. Ihr anderer Traum, daß nämlich das deutsche Judentum zahlenmäßig wieder so stark werde wie vor der Nazizeit, wird dagegen noch lange der Erfüllung harren. 1933 lebten 550.000 Juden in Deutschland, heute sind es etwa 200.000, darunter 110.000 Gemeindemitglieder.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: dpa, REUTERS

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