07. Juli 2006 Was hat sich der Mann nicht schon abgearbeitet an seinen Thesen. Die Hartz-IV-Proteste im Sommer 2004 wollte er in nationalistische Gesinnungsbahnen lenken, damit die ganze BRD stürze. Anfang des Jahres dann diagnostizierte er einen vorrevolutionären Zustand in Deutschland, bezeichnete die Vertreter der politischen Klasse der BRD als politkriminell und sprach vom bundesdeutschen Stasi-Staat, auf den er spucke und orakelte, eine nationale Wende kündigte sich an. Und statt dessen nun diese WM, allenthalben dieser Fußball-Patriotismus, diese Begeisterung für das eigene Land, die Bundesrepublik Deutschland! Aus den jüngsten Zeilen von Jürgen Gansel (32), Chefideologe der NPD-Fraktion, spricht tiefe Verwirrung.
Schon daß in diesen schwarz-rot-gold drapierten Tagen Leute wie die Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, die Deutschen zu mehr Nationalstolz ermunterten, müsse doch mißtrauisch machen, warnt er. Der neuerdings propagierte Patriotismus solle die bestehenden Gesellschaftsverhältnisse stabilisieren und habe eindeutig Ablenkungscharakter. Den verarmten Massen werden ein paar süße Aufputschbonbons in schwarz-rot-goldenem Wickelpapier hingeworfen und ihnen die Zugehörigkeit zum großen Ganzen vorgegaukelt, wo sie als Globalisierungsverlierer in Wirklichkeit doch längst abgeschrieben und ausgegrenzt sind.
Schwarz-rot-goldene Sumpfblüte des Patriotismus
Über den fröhlichen Massenpatriotismus hat sich in den vergangenen Tagen und Wochen unter Rechtsextremen eine heftige Debatte entwickelt. Als der frühere NPD-Theoretiker Jürgen Schwab kürzlich in einem einschlägigen Internet-Forum begeistert feststellte, er habe noch nie so viele und vor allem so viele junge deutsche Patrioten auf einem Haufen gesehen wie nun bei der WM und seinen Gesinnungsgenossen empfahl, selbst Fahnen und gute Laune mitzubringen, ätzte ein bekennender Nationalsozialist umgehend, allenthalben sei man nicht von Fußball-Patrioten, sondern von Fußball-Idioten umgeben. Überall keimt die schwarz-rot-goldene Sumpfblüte des Patriotismus auf, gedeiht im Morast der bundesrepublikanischen Gesellschaft und durchseucht langsam sämtliche Bereiche des öffentlichen Lebens.
Ein anonymer Diskussionsteilnehmer pflichtet dem bei: Mich kotzen die Pseudopatrioten auch an. Man riskiert Leben und Freiheit für die Nation und dann kommen Feiertags- und BRD-Patrioten aus den Löchern. Andere Diskussionsteilnehmer machten deutlich, daß sie schon das schwarz-rot-goldene Symbol des Fußball-Patriotismus ablehnen. Ihre Fahne sei Schwarz-Weiß-Rot.
Fahne des BRD-Systems
Auch die NPD setzt sonst ganz überwiegend auf diese Farbkombination. Parteilogos und -material ist meist mit schwarz-weiß-roten Elementen gestaltet. Verfehmte die nationale Opposition in den zwanziger und dreißiger Jahren die Staatsflagge der Weimarer Republik als schwarz-rot-mostrich, gilt Schwarz-Rot-Gold heute vielen im rechtsextremen Lager als Fahne des BRD-Systems. Dieses Abgrenzungsbedürfnis macht auch ein Blick in den Katalog des NPD-nahen Deutsche-Stimme-Verlags im sächsischen Riesa deutlich. Unter den dort angebotenen Ansteckern findet sich nicht ein einziger in schwarz-rot-gold, dafür aber mehrere schwarz-weiß-rote - auch mit Aufdrucken wie Odins Volk oder Nationaler Widerstand. Wer unbedingt Schwarz-Rot-Gold will, kann auf lediglich einen Aufnäher und einen Aufkleber zurückgreifen.
Doch verzweifelt bemüht, wenigstens ein bißchen von der gegenwärtigen Stimmung profitieren zu können, versandte die NPD-Fraktion im Sächsischen Landtag vor wenigen Tagen eine Pressemitteilung mit der erstaunlichen Überschrift Schwarz-Rot-Gold, ja bitte! Der Abgeordnete Müller beklagte darin, das Verbot von Schwarz-Rot-Gold an den Dienstwagen der sächsischen Polizei sei eine kleinkarierte Spaßbremse.
Unterirdisch wirkender Normalisierungspatriotismus
In Wirklichkeit jedoch geht Rechtsextremen in diesen Tagen die ganze schwarz-rot-goldene Stimmung gegen den Strich. So jammert Ideologe Gansel: Der Fußball-Patriotismus integriert in der Tat jeden, dessen Deutschkenntnisse ihn dazu befähigen, bei irgendeinem Migranten ein schwarz-rot-goldenes Tuch zu erwerben. Was mit der Schwarzenparade in Weiß der Nationalelf vorexerziert wird, klappt auf der tanzende Straße sowieso. Hier werden selbst Neger zu deutschen Patrioten.
Gansel bleibt nichts anderes, als sich mit einer Weissagung wieder einmal selbst zu trösten: Der deutsche Fußballpatriotismus habe trotz seines trivialen und partyhaften Charakters einen bisher nur unterirdisch wirkenden Normalisierungspatriotismus zutage treten lassen. Und Ideen, deren Zeit gekommen sei, könnten ganze morsche Systeme hinwegfegen.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa