Sachsen

Rechtsextreme Jugendkultur mit Zeltlagern und Konzerten

Von Reiner Burger, Pirna/Dresden

Rechtsextreme Gruppen haben in Sachsen großen Zulauf

Rechtsextreme Gruppen haben in Sachsen großen Zulauf

25. September 2004 Sven Forkert und Sebastian Reißig von der „Aktion Zivilcourage“ im sächsischen Pirna nahe Dresden sind manches gewohnt. Erst kürzlich fand Reißig sein Auto mit zerstochenen Reifen vor.

Im Internet werden die beiden jungen Männer wegen ihres Engagements gegen Rechtsextremismus in ihrer Heimat, der Sächsischen Schweiz, regelmäßig bedroht. Damit könne er leben, sagt Reißig. Er habe keine Angst, denn Pirna sei keine rechtsextreme Stadt, die überwältigende Mehrheit der Pirnaer sei bereit, gegen Rechtsextreme aufzustehen und Gesicht zu zeigen.

Tatsächlich hat auf diese Weise schon einmal eine Demonstration der NPD unterbunden werden können. Was Forkert und Reißig aber regelmäßig zu denken gibt, sind Erfahrungen, die sie als Gäste im Gemeinschaftsunterricht in Schulen der Sächsischen Schweiz machen. „Es ist erschreckend, wie viele Schüler abstruseste Vorstellungen haben. Viele glauben, daß es hier einen Ausländeranteil von 20, 30, vielleicht sogar 60 Prozent gibt.“

„Überfremdungsgefahr“ als Grund

Die Jugendkultur in der dörflich geprägten Sächsischen Schweiz sei zudem in großen Teilen rechtsextrem geprägt. Seit 1999 bemüht sich die hauptsächlich aus Mitteln des Bundesprogramms „Civitas“ finanzierte „Aktion Zivilcourage“ deshalb auch um unpolitische Gegenangebote zur Freizeitgestaltung wie etwa Konzerte.

Doch wie viele junge Leute mittlerweile rechtsextremen Weltanschauungen anhängen, zeigte sich am vergangenen Sonntag. 21 Prozent der 18 bis 24 Jahre alten Sachsen, die am 19. September zur Wahl gingen, machten ihr Kreuzchen bei der NPD. Am erfolgreichsten war die rechtsextreme Partei bei jungen, formal niedrig gebildeten und häufig arbeitslosen Leuten: 26 Prozent aller unter 35 Jahre alten Sachsen mit Hauptschulabschluß, die zur Wahl gingen, entschieden sich für die NPD.

Hinzu kommt ein Befund, der das Erlebnis der Mitarbeiter von „Aktion Zivilcourage“ erklären mag: Anhänger der NPD fühlen sich nach Erkenntnissen der Forschungsgruppe Wahlen weit überdurchschnittlich sozial im Hintertreffen und führen das zu 96 Prozent auf eine angebliche „Überfremdungsgefahr“ zurück.

Leistungsträger wandern ab

Die Abstimmung am 19. September war deshalb nicht nur eine Protestwahl wegen eines kurzzeitig aufgetretenen Gefühls der Benachteiligung. „Hartz IV“ ist nur die Chiffre unter der sich für die NPD alles scheinbar einfach erklären ließ und mit der sie mühelos Wähler gewinnen konnte. Nach Auffassung des Dresdner Politikwissenschaftlers Werner Patzelt handelt es sich vielmehr um langfristig gewachsene Minderwertigkeitgefühle. Auf keinen Fall unterschätzen dürfe man dabei das Phänomen Abwanderung. Der „Brain-Drain“ bereitet Sachsen schon seit frühesten DDR-Zeiten erhebliche Probleme.

Und wie das Statistische Landesamt in seiner umfangreichen Wanderungsanalyse herausgefunden hat, verlassen bis heute vor allem junge, gut ausgebildete Leute (und vor allem junge Frauen) die strukturschwachen Gegenden des Freistaats in großen Zahlen. Mittlerweile fehlen überall jene, die für das langfristige Erstarken des Bürgertums als Träger einer funktionierenden Zivilgesellschaft dringend gebraucht würden. „Es bleiben jene, die nicht so viel Ich-Stärke haben, die antizipatorischen Hospitalismus betreiben, also auf Hilfe von einer höheren Instanz warten“, sagt Patzelt.

Kameradschaften binden Jugendliche

Diese jungen Leute sind nach Auffassung des Politikwissenschaftlers offen für einfache Deutungsmuster und besonders leicht erreichbar für die straff organisierte Jugendarbeit rechtsextremistischer Gruppierungen. Und diese blieben nach Erkenntnissen des sächsischen Landesamts für Verfassungsschutz auch dann besonders aktiv, als das Profil rechtsextremer Parteien in der Zeit des NPD-Verbotsverfahrens zuletzt schwächer wurde. Praktisch überall in ländlichen Gebieten Sachsens gibt es sogenannte Kameradschaften, während es an der aus Westdeutschland bekannten breitfächrigen bürgerlichen Vereinskultur mangelt. Mit ihren Angeboten orientieren sie sich an den Wünschen der Jugendlichen.

Geboten werden Fußball, Zeltlager, Bootsfahrten, Skinhead-Konzerte und paramilitärische Spiele. „Kameradschaften formen das Freizeitverhalten der Mitglieder, wobei rechtsextremistische Grundpositionen eine ,weltanschauliche Klammer' bilden, die die Gruppenidentität prägt“, heißt es in einer Veröffentlichung des sächsischen Verfassungsschutzes. Für diese Gruppierungen sei charakteristisch, daß sie Jugendlichen vor allem einen Zusammenhalt als Clique böten und es ihnen gelinge, ein junges rechtsextremistisches Klientel an sich zu binden.

Zentrum Sächsische Schweiz

Während die NPD zuletzt einen Mitgliederrückgang hinnehmen mußte, wiesen die rechtsextremistischen Kameradschaften ein rasches Wachstum auf. Schwerpunktregion der Kameradschaftszene ist nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes weiterhin die Sächsische Schweiz. „Hier agiert ein beachtliches Personenpotential mit einem gut ausgebauten Informationsnetz.“

Auch die NPD war sowohl bei der Kommunalwahl im Juni als auch bei der Landtagswahl am Sonntag in der Region nahe Dresden besonders erfolgreich. Die Kameradschaften spielten dabei eine wichtige Rolle. Nach Erkenntnissen des sächsischen Verfassungsschutzes weisen die Kameradschaften „aktuell qualitative Entwicklungstendenzen“ auf, so habe in den vergangenen Jahren eine zunehmende Politisierung dieser Gruppen eingesetzt.

Neue Attraktivität

Zur „Vitalität“ der rechtsextremen Jugendszene in Sachsen trägt auch bei, daß es im Freistaat ausgeprägte rechtsextremistische Vertriebsstrukturen gibt. Mühelos können so CDs mit verbotener rechtsextremistischer Musik (die als „Einstiegsdroge“ in die Szene gilt) versandt werden. Wichtiger Bestandteil dieser Strukturen ist auch die NPD mit der „Deutschen Stimme Verlagsgesellschaft“ in Riesa. Sie ist eines der größten rechtsextremistischen Versandunternehmen in Deutschland.

Noch vor kurzem konstatierte der Verfassungsschutz, durch „ihre anhaltende Erfolglosigkeit“ habe die NPD „ihre Mobilisierungsfähigkeit und frühere Integrationskraft eingebüßt“. Durch ihren Sieg bei der Landtagswahl in Sachsen dürfte die Partei nun aber sprunghaft an Attraktivität für Mitglieder der Kameradschaften und anderer rechtsextremer Gruppierungen gewinnen.

Nach Einschätzung von Politikwissenschaftler Patzelt wird die Partei von ihrem Erfolg auch finanziell in erheblichem Maße profitieren. „Das wird ihre Organisationsstrukturen weiter stärken. Durch die staatliche Parteienfinanzierung ergibt sich für die NPD ein Zukunftspotential.“

Schulunterricht ohne Aufklärung

Hier schließe sich der Kreis wieder zur Jugendarbeit und der wachsenden Zahl rechtsextremistisch sozialisierter Jugendlicher. „Diese Jugendlichen werden sich als Alterskohorte durch die gesamte Gesellschaft durchziehen. Es ist ein Elektorat entstanden, das auf Jahre zur Verfügung steht.“

Auf den Gemeinschaftskundeunterricht setzt Patzelt, der selbst in der Lehrerfortbildung tätig ist, einstweilen keine große Hoffnung. Wie die politische Bildung im allgemeinen, habe auch der Politik-Unterricht überall in Ostdeutschland ein schlechtes Sozialprestige und sei im Schulalltag randständig. Auch beginnt der Gemeinschaftskundeunterricht in sächsischen Mittelschulen erst in der achten, an Gymnasien sogar erst in der neunten Klasse.

Hinzu kommt, daß viele Lehrer nach wie vor ohne spezifische Ausbildung unterrichten. „Manche sind zudem von so schlichtem Gemüt, daß es trostlos ist. Und noch viel schlimmer: Viele haben selbst ein ambivalentes Verhältnis zu unserer Staats- und Wirtschaftsform.“ Obwohl viele Lehrer sich selbst eher als links bezeichneten und die rechte Orientierung ihrer Schüler durchaus als juvenile Protesthaltung dazu zu verstehen sei, entstehe so zwischen Lehrern und Schülern ein „wechselseitiger Einverständnis-Horizont, bei dem es zur Herausbildung von Vorurteilen etwa egal ist, wie viele Ausländer bei uns wirklich leben“.

Gut ausgebildete junge Leute ziehen in den Westen, die zum Aufbau einer bürgerlichen Gesellschaft fehlen. Zurück bleiben Jugendliche ohne Perspektive, die anfällig sind für rechtsextreme Ideologien.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.09.2004, Nr. 224 / Seite 4
Bildmaterial: dpa/dpaweb

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