Kommentar

Die Stunde der Deutschen

Von Berthold Kohler

Am 3. Oktober wurde vor dem Reichstag die Einheit gefeiert

Am 3. Oktober wurde vor dem Reichstag die Einheit gefeiert

09. November 2007 Der Bundestag hat achtzehn Jahre nach dem Fall der Mauer einen ambitionierten Beschluss gefasst. Bis zum zwanzigsten Jahrestag soll die Berliner Gedenklandschaft um ein Denkmal erweitert werden, das an die Wiedervereinigung der Deutschen in Frieden und Freiheit erinnert.

Das ist keine lange Frist, wenn man bedenkt, wie ausführlich Deutschland über solche Vorhaben gewöhnlich debattiert. Aufsehen muss diese Entscheidung aber vor allem deswegen erregen, weil sich die deutsche Erinnerungspolitik mit ihr auf Neuland vorwagt.

Das am Freitag beschlossene Denkmal in Berlin soll nicht, wie viele andere, an die dunklen Zeiten in der deutschen Geschichte von Hitler bis Honecker erinnern. Es gilt vielmehr einer Sternstunde der deutschen Nation, der friedlichen Revolution von 1989.

Unheimlicher Stolz

Auch der Diskussion über dieses Denkmal kann man entnehmen, dass manchem der Gedanke, die Deutschen könnten über den dritten Platz bei der Fußball-Weltmeisterschaft hinaus wieder auf etwas stolz sein, immer noch ungewohnt zu sein scheint, um nicht zu sagen: unheimlich.

Selbst ein Befürworter des Denkmals wie der ehemalige Bürgerrechtler Thierse meinte seinen ganzen Mut zusammennehmen zu müssen, als er im Bundestag für das Projekt sprach. Mutig mussten die Menschen sein, die vor achtzehn Jahren in Leipzig und anderswo in der DDR auf die Straße gingen.

Kein Luxus

Heute geht es darum, die historische Leistung der friedlichen Wiedervereinigung Deutschlands öffentlich anzuerkennen und zu würdigen. Seit jeher vergewissern sich Völker ihrer eigenen Geschichte durch Denkmäler. Es wäre unhistorisch und unwahrhaftig, wenn im Zentrum der deutschen Hauptstadt zwar fast auf Schritt und Tritt an die Ungeheuerlichkeiten der deutschen Vergangenheit erinnert würde, nicht aber an die friedliche Überwindung einer dieser Schreckensherrschaften aus eigener Kraft.

Ein Berliner Monopol auf Mahn- und Denkmäler gibt es gleichwohl nicht. Die Bürger von Leipzig haben es selbst in der Hand, etwas auffallender auf ihren Anteil am Sturz des SED-Regimes hinzuweisen als mit jener bescheidenen Säule auf dem Kirchhof von Sankt Nikolai. Die Linkspartei ließ schon wissen, sie befürworte das. Auch daran kann man sehen, dass ein Denkmal, das daran erinnert, um was es damals ging, kein Luxus ist.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, F.A.Z.-Greser&Lenz

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