10. August 2007 Als hätte Deutschland nicht im vergangenen Jahr das Grundgesetz zur Stärkung des Bildungsföderalismus geändert, mehren sich nun – die zweifellos sommerlochbedingten – Forderungen nach mehr schulischem Zentralismus. Besonders überzeugen sie bei Kultusministern, die eben erst mit den Pannen zentraler Prüfungen im eigenen Land zu kämpfen hatten und die sich nun als die wahren Wettbewerbsföderalisten ausgeben. Von einem bundesweiten Zentralabitur ist Deutschland, sofern die Kultusministerkonferenz (KMK) weiterexistiert und sie viel von gesamtstaatlicher Verantwortung redet, welche sie im Zweifel aber nicht wahrnimmt, denkbar weit entfernt.
Denn es gibt noch keine Bildungsstandards für das Abitur, es gibt nicht einmal eine Zentralprüfung für die Mittlere Reife. Zwar merken die Kultusminister, dass die Hochschulen zunehmend Eignungsprüfungen in studienrelevanten Fächern fordern, weil das Abiturzeugnis kaum noch Aussagekraft besitzt, geschweige denn eine Hochschulreife im Sinne von Studierfähigkeit bescheinigt. Doch spätestens bei ihrem nächsten Zusammentreffen wird sich zeigen, dass nicht einmal ein einstimmiger Beschluss über zentrale Prüfungen in Kernfächern herbeizuführen ist.
Keine Senkung der Leistungsansprüche im Abitur
Denn es müsste zunächst vergleichbare Lehrpläne für die drei letzten Gymnasialklassen geben, dann einheitliche Bildungsstandards und erst im letzten Schritt zentrale Prüfungen mit einem festen Erwartungshorizont und entsprechender Notengebung. Landesspezifische Eigenheiten in Lehrplänen und Prüfungsordnungen wären dann ausgeschlossen.
Organisationstechnisch wäre zu klären, wie Grund- und Leistungskurse gleichzeitig mit unterschiedlichen Aufgaben zu prüfen wären und welche Konsequenzen ein Zentralabitur für die Ferienordnung hätte. Bisher unterscheiden sich die Ferientermine um sechs Wochen, das macht ein Viertel eines Schuljahrs aus. Eine Annäherung der Sommerferien wäre unausweichlich.
Vor allem aber lassen die bisherigen Abiturvereinbarungen der Kultusministerkonferenz befürchten, dass es zu einer erheblichen Senkung der Leistungsansprüche im Abitur käme. Daran kann niemandem gelegen sein. Dringlicher wäre eine Zentralprüfung für die Mittlere Reife, denn das Leistungsgefälle unter den nichtgymnasialen Schulformen ist bei weitem erschreckender.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: dpa