Von Stephan Löwenstein
14. November 2007 Sehr schön, sehr schön haben Sie das alles gemacht, sagt die Dame, die ihren Mantel anbehalten hat, zu dem Ausstellungsführer. Ihr Mann nickt zustimmend. Beide sind Zivilisten wie auch die Gruppe älterer Herrschaften im Raum nebenan. Das ist insofern bemerkenswert, als sich der Ausstellungsraum auf Militärgelände befindet - in der Graf-Stauffenberg-Kaserne in Sigmaringen. Gegenstand der Ausstellung ist der Namensgeber der Kaserne, Anlass sein hundertster Geburtstag, den der Hitler-Attentäter, der am Abend des 20. Juli 1944 im Bendlerblock hingerichtet wurde, am Donnerstag begehen würde.
Für uns als 10. Panzerdivision ist es klar, dass wir ein enges Verhältnis zur Tradition haben, sagt Generalmajor Markus Bentler, der Kommandeur des Verbandes, der von der Stauffenberg-Kaserne aus geführt wird. Tradition ist eine Auswahl aus der Geschichte, ein Wertegebäude, auf das wir uns besinnen, gerade im Einsatz.
Geboren am 15. November 1907 in Jettingen
Die 10. Panzerdivision, ihr Wappen zeigt einen aufgerichteten Löwen, hat eine Bundeswehrtradition, die bis 1959 zurückreicht. Doch ihre Gestalt hat sich immer wieder von Grund auf verändert. Brigaden wurden im Laufe der Jahre hierhin und dorthin umgruppiert, die deutsch-französische Brigade wurde unter ihr Dach gestellt, dann wieder ausgegliedert. Inzwischen ist eigentlich nur noch der Kopf der Division in der Hohenzollernstadt an der Donau angesiedelt, die Einheiten stehen weit verstreut von der Pfalz bis in die Oberpfalz.
Vielleicht ist es dieser Wechsel, die seit mehr als zehn Jahren andauernde ständige Transformation, die das Bedürfnis nach Tradition besonders ausgeprägt hat. Stauffenberg bietet sich dafür an, wenn schon die Kaserne so heißt. Als zentraler Verschwörer des 20. Juli ist er politisch unproblematisch. Stauffenberg ist in Gewissensnotständen tapfer dem eigenen Gewissen gefolgt, sagt General Bentler. Wir sind stolz darauf, dass wir eine solche Persönlichkeit haben, auf die wir uns berufen können. Geboren wurde der Graf am 15. November 1907 in Jettingen im bayerischen Schwaben. Aufgewachsen ist er in Stuttgart und im dreißig Kilometer nordwestlich von Sigmaringen gelegenen Lautlingen, das immer noch Familiensitz ist.
Die Familie Stauffenberg ist eng in die Ausstellung einbezogen. Berthold Schenk Graf von Stauffenberg, der Sohn des damaligen Attentäters, hat ein Geleitwort zur Ausstellungsbroschüre verfasst, und die Familie hat wichtige Exponate beigesteuert, Fotos, Urkunden. Vor allem Stauffenbergs Ehrensäbel, das Prunkstück unserer Ausstellung, wie Thomas Krause sagt. Der Oberstleutnant ist im vergangenen Jahr außer Dienst getreten, seither kann er seinem Interessengebiet, der Geschichte, durch ein spätes Studium an der Universität München nachgehen. Als letzte Amtshandlung hat er gleichsam in Sigmaringen die Stauffenberg-Ausstellung organisiert, die er jetzt als Kurator betreut.
Man braucht Realien
Es sei die erste Ausstellung über Stauffenberg, die nicht nur den 20. Juli oder den Widerstand gegen Hitler zum Gegenstand hat, sondern das ganze Leben des südwestdeutschen Adeligen. In emsiger Kleinarbeit hat Krause mit seinen Mitarbeitern Anschauungsmaterial zusammengetragen, das nötig ist, um, wie der Kurator sagt, einen Menschen plastisch werden zu lassen. Man braucht Realien, nicht nur Flachware. Bis nach Ostpreußen ist Krause gefahren und hat Fotos mitgebracht, Brocken vom Tarnverputz des gesprengten Führerbunkers oder verbogene Träger von Tarnnetzen, die damals die Wege zwischen den Gebäuden überdachten. Der Raum, der die Wolfsschanze zum Gegenstand hat, ist denn auch mit einem Tarnnetz (einem heutigen allerdings) ausgekleidet.
Reserviert mögen manche polnischen Amtspersonen und Historiker reagiert haben, als dieser deutsche Oberstleutnant da ankam. Auf der militärischen Schiene, über das deutsch-polnische Korps in Stettin, klappte die Unterstützung hingegen bestens; man spreche eben, obgleich in zwei Sprachen, unter Soldaten eine Sprache. Umgekehrt verhielt es sich allerdings in Deutschland. Da hätten die zivilen Museen und Archive aufs zuvorkommendste das Projekt unterstützt; zögerlich sei zunächst das Militärgeschichtliche Forschungsamt gewesen. Ob da wohl Revierdenken zum Vorschein kam, darüber mag der Kurator der Stauffenberg-Ausstellung nicht spekulieren. Später haben nach allerdings auch die Potsdamer Bundeswehrhistoriker durch Gegenlesen der Ausstellungstexte geholfen.
Er verlor ein Auge, die rechte Hand und zwei Finger
In sieben Räumen wird der Besucher also durch die Stationen geführt, von Familie und Kindheit bis zur Verwundung in Afrika und dem 20. Juli. Da sind zunächst von der Familie überlassene Ölschinken von Ahnen zu sehen, unter ihnen (mütterlicherseits) der preußische Heeresreformer Gneisenau, eine stauffenbergische Kaminplatte, die St. Georg zeigt, den Drachentöter, oder die Geburtsurkunde mit dem Eintrag Klaus mit K. Während die Ausstellungsstücke zur Jugendzeit eher allgemein bleiben, wird es - naturgemäß - mit Stauffenbergs Eintritt in die Reichswehr und dann der Kriegszeit konkreter. Da ist dann neben einem Tropenhelm eine Telefondrahtrolle ausgestellt, wie sie auf einem Foto aus Stauffenbergs Zeit beim Afrikakorps zu sehen ist. Seine schwere Verwundung dort, er verlor ein Auge, die rechte Hand und zwei Finger der Linken, ist etwa durch einen Feldchirurgenkasten mit unbehaglich anzusehenden Instrumenten dargestellt.
Mit dem Säbel, den der junge Offizier des 17. Bayerischen Reiter-Regiments wegen seiner ausgezeichneten Ergebnisse erhielt, hat es seine besondere Bewandtnis Er galt als verschollen wie die übrigen Orden und Ehrenzeichen des gescheiterten Attentäters, die von den Nationalsozialisten vernichtet wurden. Doch muss er wohl in der Asservatenkammer des Volksgerichtshofs eingelagert gewesen und 1945 von einem Rotarmisten sichergestellt worden sein. Jedenfalls sollen sowjetische Offiziere den Säbel - eindeutig zuzuordnen durch die eingeätzte Widmungsschrift Oberfähnrich Schenk Graf von Stauffenberg R.R.17 - Für hervorragende Leistungen an der Waffenschule 1928-29 - an Max Reimann übergeben haben, den damaligen Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Deutschlands.
1999, das Sowjetreich war unwiederbringlich untergegangen, kam Reimanns Nachfolger an der Spitze des deutschen West-Kommunismus, Herbert Mies, mit dieser Geschichte und sozusagen dem Säbel in der Hand beim nagelneuen Haus der Deutschen Geschichte in Bonn an. Dort wurde der Ehrensäbel kurze Zeit ausgestellt und ging dann als eines der wenigen verbliebenen persönlichen Andenken an die Witwe des Attentäters über: an Nina Gräfin von Stauffenberg, die im vergangenen Jahr verstorben ist.
Weder Demokrat noch Republikaner
Mehr als 4000 Besucher haben sich die Ausstellung schon angesehen, die am 20. Juli eröffnet wurde und nun bis zum Jahresende verlängert wird: Ein Drittel sind Leute aus der Umgebung oder Touristen, ein knappes Drittel Schüler und ein gutes Drittel Soldaten. Nicht nur in Sigmaringen, sondern überhaupt in der Bundeswehr ist Stauffenberg der Dreh- und Angelpunkt der Traditionspflege. Er und die übrigen militärischen Verschwörer verbinden die Stränge der preußischen Heeresreformer und der Gründungsgeneration der Bundeswehr, an die die heutigen Streitkräfte ihre Überlieferung knüpfen.
Seit Jahren gehört das feierliche Gelöbnis von Rekruten am 20. Juli zum festen Bestandteil des Terminkalenders des Verteidigungsministers. Zum hundertsten Geburtstag wird der jetzige Amtsinhaber, Franz Josef Jung, den Hitler-Attentäter in einer zentralen Festveranstaltung in der St.-Matthäi-Kirche in Berlin würdigen und einen Kranz an der Gedenkstätte Deutscher Widerstand im Innenhof des Bendlerblocks niederlegen. Am Vorabend wird in Jettingen ein Großer Zapfenstreich begangen, wo sich auch der neue bayerische Ministerpräsident Günter Beckstein die Ehre geben wird.
Daran gibt es nichts zu deuteln: Stauffenberg war weder Demokrat noch Republikaner, weiß Ausstellungskurator Krause. Doch dass das Attentat gewagt wurde - gleich ob erfolgreich oder nicht -, das war wichtig für die Legitimation eines deutschen Staates nach 1945 - und zentral für die der Bundeswehr. Coûte que coûte sagte Henning von Tresckow, der Kopf des militärischen Widerstands war.
Der unscheinbarste, aber keineswegs unwichtigste Teil der Ausstellung in Sigmaringen sind die im Gang präsentierten Fotos von Gedenkstätten und Erinnerungsplaketten von Berlin bis Bamberg, von Stuttgart bis Strausberg, von Rangsdorf bis Rastenburg. In diesem Punkt aber hat den Veranstaltern der kleinen, wacker zusammengetragenen Schau in Sigmaringen vielleicht doch der letzte Mut zur Konsequenz gefehlt. Auch wenn die Ausstellungsmacher davon freimütig erzählen, bleibt die dargestellte Rezeptionsgeschichte bruchstückhaft. Denn wahr ist auch, dass es zwei oder drei Soldatengenerationen gebraucht hat, bis Stauffenberg als Vorbild in der Bundeswehr allgemein anerkannt war. 1961 wurde die Kaserne in Sigmaringen nach ihm benannt. Vielen Soldaten galt er da noch als Verräter.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP
