Johannes Kahrs

Deutlich und unverblümt

Von Günter Bannas

11. März 2008 Wer immer ein deutliches Wort zur rechten Zeit über die Zustände in der SPD benötigt, ist bei Johannes Kahrs an der richtigen Stelle. Der SPD-Politiker, der nun in der dritten Wahlperiode Mitglied des Bundestages ist, pflegt zielgerichtet seinen Ruf, keine Angst vor Herrscherthronen zu haben – nicht vor Kanzlern und Präsidenten und auch nicht vor Partei- und Fraktionsvorsitzenden.

Wenn es brennt in der Politik, steht er meistens für offene Worte, manchmal auch für unziemliche Vergleiche zur Verfügung, was ihm vor Jahr und Tag die hämische Bemerkung eingetragen hat, bei ihm handele es sich – im politisch-übertragenen Sinne – um eine „unguided missile“. Um eine Rakete also, die nicht zu steuern und nicht zu bremsen ist. Unkalkulierbar ist er in Wirklichkeit nicht. Er drückt nur unverblümt aus, was in seinem Spektrum der SPD gedacht wird.

„Fehler machen wir alle“

Immerhin gilt Kahrs bei manchen mittlerweile als „der“ Sprecher des – gern als konservativ-pragmatisch beschriebenen – „Seeheimer Kreises“. Eigentlich stimmt das nicht. Kahrs ist einer von drei Sprechern. Doch hinterlässt er medial die kräftigsten Spuren, obwohl die beiden anderen Sprecher in der Fraktion ranghöher angesiedelt sind: Petra Ernstberger gehört zu den Parlamentarischen Geschäftsführern, und Klaas Hübner ist stellvertretender Fraktionsvorsitzender. Kahrs gehört nicht einmal dem erweiterten Fraktionsvorstand an. Beliebt ist er in der Fraktion und auch in der Hamburger SPD nicht, was mit früheren innerparteilichen Auseinandersetzungen dort zu tun hat.

In der aktuellen Debatte der SPD über ihrer Haltung zur Linkspartei hat sich Kahrs häufig besonders deftig zu Wort gemeldet, was daran liegen mag, dass die Hamburger SPD sich wegen des Kurses Kurt Becks und der hessischen SPD-Landesvorsitzenden Ypsilanti um den eigenen Wahlerfolg gebracht sieht. Also wirft Kahrs dem SPD-Vorsitzenden „Fehler“ vor, was er nur scheinbar mit der Beifügung „Fehler machen wir alle“ relativierte.

„Ypsilanti kann es nicht“

Frau Ypsilantis Vorgehen in Hessen bezeichnete er schlicht als „dumm“ – nicht etwa in vertraulichen Hintergrundgesprächen, wie es viele tun, sondern in Radio- und Fernsehinterviews, wie es nur ganz wenige tun. „Andrea Ypsilanti hat in den letzten Tagen und Wochen gezeigt, dass sie es nicht kann“, hat Kahrs jetzt gescholten. „Sie hat einen hervorragenden Wahlkampf geführt, aber was sich danach abgespielt hat, ist unbeschreiblich.“

Doch ist Kahrs nicht unbeweglich, was bedeutet, dass er sich an Mehrheitsbeschlüsse hält. Koalitionsabsichten der Landesverbände müssten vor einer Wahl erklärt werden, hat er nun gesagt. Verlorenes Vertrauen müsse zurückgewonnen werden. Beck habe jetzt den Anfang gemacht. „Es gibt in meiner Partei viele, die können sich vorstellen, mit der Linkspartei irgendetwas zu machen. Und es gibt welche wie mich, die sagen, ich kann nicht, ich will nicht, ich mag nicht. Das muss man jetzt miteinander diskutieren.“ Ende Mai wird eine SPD-Funktionärskonferenz abgehalten. Womöglich hat sich Kahrs dann zu fügen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance / dpa

 
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