Interview

„Ich empfehle eine selbstbewußte Bescheidenheit“

“Internationale Einigkeit in der Iran-Frage“: Frank-Walter Steinmeier

"Internationale Einigkeit in der Iran-Frage": Frank-Walter Steinmeier

Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) über Stil und Inhalt seiner Politik, den Atomkonflikt mit Iran, die Lage im Irak und die europäischen Perspektiven.

Herr Minister, auf Wunsch der iranischen Seite hat es ein letztes eiliges Treffen mit Ihnen und den Repräsentanten der beiden anderen „EU-3“-Verhandlungspartner in Wien gegeben; ist Teheran den Forderungen der Weltgemeinschaft jetzt entgegengekommen?

“Vom BND wurde kein Plan an die Amerikaner übergeben“

"Vom BND wurde kein Plan an die Amerikaner übergeben"

Nicht zuletzt, weil wir uns in einer kritischen Phase befinden - ab heute tagt der IAEO-Gouverneursrat -, waren wir bereit, uns erneut mit dem iranischen Unterhändler Larijani zu treffen. Trotz durchaus guter und konstruktiver Gespräche haben wir leider keine neuen und erfolgversprechenden iranischen Vorschläge gehört. Die Lage ist also ernst.

Was bedeutet das für die Beratungen des Gouverneursrates der Internationalen Atomenergiebehörde? Wird Deutschland dort die Überweisung der Angelegenheit an den Sicherheitsrat unterstützen, und mit welchem Ziel?

Bereits auf seiner letzten Sitzung hat der Gouverneursrat ja beschlossen, dem Sicherheitsrat in New York über das iranische Atomprogramm zu informieren. Das hat Generaldirektor El Baradei inzwischen getan. Die Einbeziehung des Sicherheitsrates in unsere Bemühungen bedeutet jedoch keinesfalls das Ende der Diplomatie - im Gegenteil! Unser Ziel bleibt eindeutig eine diplomatische Lösung, und wir hoffen, daß Iran erkennt, daß eine Verhandlungslösung in seinem ureigensten Interesse ist.

Wie werden sich jetzt Ihrer Ansicht nach China, Indien und Rußland verhalten?

Das wird man sehen. Alle bisherigen Entscheidungen des Gouverneursrats der IAEO in der Iran-Frage gründen jedenfalls auf sehr breite internationale Einigkeit. Unser Ziel muß es sein, diese Geschlossenheit auch in Zukunft zu erhalten. Sie ist nach meiner Überzeugung eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg unserer Bemühungen.

Bislang zogen Rußland, China, die EU-3 und quasi von außen auch Amerika an einem Strang?

Ich hatte keinen Anlaß, bisher daran zu zweifeln. Es hat einige Mühe gekostet, diese Sechser-Konstellation zustande zu bringen. Es war eine durchaus positive Erfahrung, daß man auch bei Konflikten, bei denen man mit teilweise durchaus unterschiedlichen Interessen an die Lösung herangeht, das überschneidende gemeinsame Interesse hat definieren können. Und ich gehe davon aus, daß in diesem Prozeß, wenn die Sechs beieinander bleiben, am Ende auch eine Lösung erreicht werden kann. Diese gemeinsame Haltung - da bin ich Realist genug - werden wir allerdings bekräftigen müssen, wenn es zu Beratungen im Sicherheitsrat kommt.

Herr Minister, der BND soll der amerikanischen Militärführung Informationen und Materialien übermittelt haben. Sind Sie sicher, daß Saddams Geheimplan und die Skizze der Verteidigungsanlage Bagdads nicht von einem deutschen Mittelsmann in Doha übergeben wurden?

Wir haben einen umfassenden Bericht zu den Aufgaben und der Praxis des BND in einem besonderen Einsatz verfaßt. Das ist ohne Beispiel in der Geschichte der Bundesrepublik. Der Plan, von dem behauptet wird, daß er den Amerikanern vom BND übergeben worden sei, hat sich trotz intensiver Recherchen nicht gefunden. Insofern kann und muß ich davon ausgehen, daß er auch nicht vom BND übergeben worden ist.

Ist der Plan jetzt auch bei Ihnen untersucht worden?

Das ist Aufgabe der Dienste.

Haben Sie Zweifel an der Seriosität des Dokuments?

Der eine oder andere Beobachter hat darauf hingewiesen, daß der sogenannte „Schneckenplan“ in der Tat etwas „unterkomplex“ ist. Ich bin kein Militär, aber man darf doch zweifeln, was diese Skizze einer hochtechnisierten Kriegsführung im Einsatz wert ist. Sei es, wie es ist: In meiner gegenwärtigen Funktion möchte ich mich nicht an Spekulationen beteiligen.

Das heißt, Sie wollen auch keine Hypothese wagen, wie dieses Rätsel aufzuklären sein könnte?

Sie meinen, ob da jemand in den USA mit den Veröffentlichungen Regie führt? Ich bin für Verschwörungstheorien überhaupt nicht anfällig; im übrigen glaube ich auch nicht an eine große Regie im Hintergrund.

Es wäre auch kein plausibles Ziel zu erkennen?

Die amerikanische Regierung kann kein Interesse daran haben, daß die notwendige Zusammenarbeit der Sicherheitsdienste erschwert oder gar unmöglich gemacht wird.

Umgekehrt hat die deutsche Seite kein Interesse daran, daß jetzt ein neuer Schatten auf die atlantischen Beziehungen fällt oder etwas unmöglich macht?

Nein, im Gegenteil! Wenn wir den Zustand der Welt betrachten, so haben wir doch in der Tat eine beunruhigende Zahl von Krisen und Konfliktlagen vom Irak, Iran, Afghanistan bis in den Südkaukasus. Hier bedarf es engster internationaler Kooperationen, die belastbarer transatlantischer Beziehungen zwischen Deutschland und den USA bedürfen.

Nach den jüngsten Anschlägen im Irak wächst die Furcht, daß dort ein Bürgerkrieg ausbrechen könnte. Sieht die neue Bundesregierung die Politik der alten bestätigt? Oder müssen Sie neu an diesen Sachverhalt herangehen?

In der Tat war die Sorge um den Erhalt der territorialen Integrität des Irak ein tragender Grund unserer damaligen Entscheidung. Aber es geht nicht darum, wer am Ende recht behalten hat. Niemand in der Region kann ein Interesse an einer völligen Auflösung der Machtbalancen im Mittleren Osten haben. Jetzt steht aber zunächst die Regierungsbildung im Irak im Vordergrund.

Nur einer möglichst inklusiven Regierung, deren Legitimität über die Bevölkerungsgruppen hinweg akzeptiert wird, kann es letztlich gelingen, die Lage dauerhaft zu beruhigen und den Wiederaufbau voranzubringen. Katastrophal wäre eine weiter wachsende Entfremdung der Bevölkerungsgruppen mit einer Infragestellung der territorialen Integrität des Landes. Deshalb wird auch die Bundesregierung das Nötige und Machbare tun, damit die künftige irakische Regierung internationale Anerkennung gewinnt. Dazu stehen wir.

Wie sähen denn äußere Einwirkungsmöglichkeiten aus?

Die Einwirkungsmöglichkeiten Europas und insbesondere Deutschlands auf diesen Prozeß sind naturgemäß beschränkt. Das Hauptgewicht liegt bei den Verantwortlichen in Bagdad und denen, die im Irak gegenwärtig auch militärisch vertreten sind.

Was macht Ihnen mehr Sorgen: die kurdische Autonomie, mit der sich mehr Drang zur Eigenständigkeit verbinden könnte, oder die Bildung einer schiitischen Großprovinz im Süden?

Wir haben den Eindruck, daß die territoriale Integrität von der kurdischen Seite nicht in Frage gestellt wird. Die Kurden scheinen nicht nur an der Bildung einer gemeinsamen Regierung interessiert, sondern sie beteiligen sich aktiv daran. Das Verhältnis zwischen dem schiitischen und dem sunnitischen Bevölkerungsteil hingegen ist natürlich durch die Wahrnehmung der gewaltsamen Auseinandersetzung geprägt nach dem Anschlag auf das schiitische Heiligtum und den nachfolgenden Gewalttaten und Demonstrationen.

Es scheint aber auch - und das ist der gute Teil der Nachricht - unter den verantwortlichen Politikern im Irak viele zu geben, die die Gefahr eines Abrutschens in einen Bürgerkrieg sehen und die daraus den Schluß ziehen, die Auseinandersetzungen zwischen Schiiten und Sunniten nicht zu verschärfen und weiter an der Bildung einer Regierung zu arbeiten.

Müssen Sie die internationale Anerkennung einer dann gebildeten Regierung nicht durch eine Reise nach Bagdad unterstützen?

Unterschiedliche Arten der Unterstützung sind denkbar. Sie kann sich ausdrücken in einer Einladung an ein Mitglied der irakischen Regierung. Sie kann sich irgendwann auch ausdrücken in der Reise des deutschen Außenministers nach Bagdad.

Hat die jüngste politische Profilierung Irans etwas mit der Schwäche des Irak zu tun?

Sicher spielt das regionale Umfeld eine Rolle. Doch sehe ich ihre eigentliche Ursache eher in der inneriranischen Entwicklung. Denken Sie an die in den jüngsten Wahlen zum Ausdruck kommende Ernüchterung über die Reformpolitik des früheren Präsidenten Chatami und deren innenpolitischen Konsequenzen. Die Reformer konnten nicht mehr mit einer parlamentarischen Mehrheit rechnen.

Gibt es heute überhaupt noch eine Reformerfraktion in Teheran?

Wer möchte diese Frage noch zuverlässig beantworten? Daß sich das innenpolitische Spektrum in Iran verschoben hat, sehen Sie daran, daß wir bei der letzten Präsidentschaftswahl schon den früheren Präsidenten Rafsandschani zu den Reformern gezählt haben. Im Vordergrund steht aber etwas anderes. In Iran gibt es mindestens zwei Prozesse, die sich möglicherweise gegenseitig verstärken:

Es gibt den innenpolitischen Druck auf Veränderung, und es gibt auch die sensible Wahrnehmung der Veränderungen im Umfeld, in der Nachbarschaft Irans, die Präsenz der „Coalition of the Willing“ im Irak und der Staatengemeinschaft in Afghanistan. Natürlich hat in Iran in dieser Wahrnehmung eine Rolle gespielt, daß der erwünschte Erfolg der militärischen Intervention im Irak nicht in der Geschwindigkeit eingetreten ist, wie zu Beginn erwartet worden ist, und zu wachsender Ablehnung in der arabischen Welt geführt hat.

Das nächste Problem ist Israel. Die Europäer haben sich zusammen mit den Amerikanern auf die oft wiederholten drei Forderungen gegenüber der extremistischen Hamas nach ihrem Wahlsieg in Palästina geeinigt. Stehen die Beschlüsse der Weiterfinanzierung, die die EU jetzt getroffen hat, nicht in einem Widerspruch zu den Forderungen nach Gewaltverzicht, Anerkennung des Existenzrechts Israels und der erreichten Etappen im Friedensprozeß?

Nein, wir handeln hier auf Grundlage und im Rahmen der Beschlüsse des Nahost-Quartetts. Wir haben gesagt, erstens, die drei von Ihnen erwähnten Voraussetzungen müssen erfüllt sein; zweitens haben wir bis zur Regierungsbildung in den palästinensischen Gebieten ein Interesse daran, daß gerade die Autonomiebehörde und Präsident Abbas nicht geschwächt werden. Auf dieser Linie befinden sich die jüngsten Entscheidungen der EU.

Es sind gerade keine Beschlüsse, die über den Zeitpunkt der Regierungsbildung und über den Zeitpunkt der Bekanntgabe des Regierungsprogramms hinausreichen, sondern solche, die diese Übergangszeiten begleiten sollen. Daß wir uns ganz aus humanitärer Hilfe zurückziehen, daran wird und kann auch die israelische Regierung kein Interesse haben.

Teilen Sie die Hoffnung, eine von Hamas geführte Regierung werde am Ende einen mäßigenden und demokratischen Kurs des Ausgleichs mit Israel finden?

Ich habe bisher keine wirkliche Grundlage für die Hoffnung. Aus meinem Gespräch mit Präsident Abbas habe ich mitgenommen, daß nach seinem Verständnis die Richtungsentscheidung für Hamas ganz am Anfang stehen muß, ob man sich in einen politischen Prozeß begibt oder sich als Widerstandsbewegung versteht. Deshalb ist es auch von Abbas nicht als störend empfunden worden, daß wir die drei Bedingungen, unter denen wir zur Kooperation bereit sind, so klar, so deutlich genannt haben.

Wie stark oder wie schwach ist Abbas?

Es gab mancherorts Befürchtungen, daß sich Präsident Abbas nach einem Wahlsieg der Hamas in den palästinensischen Gebieten relativ frühzeitig zum Rückzug entschließen würde. Ich habe mir im Gespräch mit ihm selbst einen Eindruck davon verschaffen können, daß das Gegenteil der Fall ist. Er ist so kampfesmutig, wie man ihn vorher nicht erlebt hat, und willens und hoffentlich auch in der Lage, die Regierung auf einen Kurs zu bringen, der den Grundsätzen entspricht, die wir uns vorstellen. Wir wollen ihn dabei nach Kräften unterstützen.

Im Nahen Osten soll durch gemeinsames Bemühen auch das transatlantische Verhältnis wieder gefestigt werden. Zeigen nicht die unterschiedlichen Reaktionen in Amerika und Europa im sogenannten Karikaturenstreit, daß es Auffassungsunterschiede im Westen gibt?

Fundamentale wohl nicht. Nach meinem Eindruck ist jenseits des Atlantiks durchaus ähnliches gesagt worden wie hier. Auch die amerikanischen Partner haben signalisiert, daß Meinungsfreiheit und Pressefreiheit nicht nur ihren Platz in der westlichen Demokratie haben, sondern konstituierend sind für unsere verfaßte Ordnung. Es gab auch, wie bei uns, den Hinweis, daß zu den Grundfreiheiten die Religionsfreiheit und damit eben auch die Religionsfreiheit anderer gehört, die es zu respektieren gilt.

Es wäre naiv zu glauben, man könne nun beim Dialog der Kulturen und Religionen einfach wieder zur Tagesordnung zurückkehren. Dennoch habe ich nach vielen Gesprächen mit Kollegen in der arabischen Welt den Eindruck, daß es nicht nur bei uns, sondern gerade auch dort interessierte Partner gibt, die zu einer Beruhigung der Situation beitragen wollen und gerade jetzt Interesse an einer Intensivierung des Dialogs haben.

Aber eine Differenz zwischen den Amerikanern und uns scheint es doch zu geben: Washington ist bereit, die Demokratisierung des Mittleren Ostens mit äußeren Anstößen oder mit Druck voranzutreiben. Die amerikanische Außenministerin Rice hat in Kairo gesagt, Amerika habe in dieser Region zu lange auf Stabilität und zuwenig auf Freiheit gesetzt. Ist die europäische Position nicht eher die, daß Bewegung in den arabischen Staaten von innen kommen muß?

Einen Gegensatz nach dem Motto: Die Amerikaner wollen Demokratie und die Europäer wollen Stabilität, würde ich so nicht stehenlassen. Wir müssen den arabischen Ländern natürlich Selbstbestimmung über ihren Weg zur Demokratie lassen. Westlicher Paternalismus führt eher zum Gegenteil des Erwünschten. Das heißt aber nicht, daß wir deshalb zur Passivität verurteilt wären. Es geht darum, wie wir in einem Prozeß der gegenseitigen Öffnung unseren Beitrag dazu leisten können, unsere Demokratiemodelle, unsere offenen Gesellschaften in den Ländern der arabischen Welt kenntlich zu machen.

Auch wollen wir dazu beitragen, daß sich innerhalb der arabischen und muslimischen Gesellschaften selbst ein Prozeß offenen Dialogs verstärkt. Wenn man dort untereinander beginnt, etwa über das Verhältnis von Meinungsfreiheit und Religion zu debattieren, bringt es unter Umständen mehr als Diskussionen nach dem Muster Islam - Westen. Das ist zwar nicht ganz dasselbe wie das amerikanische Konzept, aber es ist nicht die völlige Gegenüberstellung einer amerikanischen und einer europäischen Position.

Muß man es denn akzeptieren, daß im Zuge freier Wahlen auch islamistische Strömungen an die Macht kommen können und sich dort mindestens eine Weile, vielleicht sogar länger halten?

Das Risiko ist nie ausgeschlossen, insofern kann man es nicht der einen oder anderen Herangehensweise zuordnen. Wichtig ist nur, daß wir neben der Orientierung auf demokratische Wahlen ebenso großes Gewicht auf den Aufbau und die Konsolidierung rechtsstaatlicher Strukturen und Institutionen legen. Dabei können wir Europäer sicher noch mehr tun!

Noch einmal zu den Karikaturen: Sie haben das Stichwort „Dialog der Kulturen“ gegeben. Hat sich da ganz unabhängig von einer von interessierter Seite betriebenen Radikalisierung und Instrumentalisierung des Protests nicht doch vor allem ein Zusammenprall der Kulturen gezeigt?

Wenn ich häufiger gesagt habe: Ich hoffe nicht, daß wir mit dem Karikaturenstreit und der Reaktion in der arabischen Welt schon in einem Kampf der Kulturen sind, dann steckt darin ja auch die Befürchtung, daß wir da hineingeraten könnten, wenn sich nicht auf beiden Seiten verantwortungsvolle Politik findet, um das zu verhindern. Da ich aber in den Gesprächen mit meinen europäischen und mit den arabischen Kollegen den Eindruck hatte, es gebe genügend Menschen, die an einer Deeskalation mitwirken wollen, hoffe ich, daß wir einen sich selbst verstärkenden Prozeß verhindern können.

Sie waren jetzt gerade in der Ukraine. Sie haben dort hervorgehoben, daß es ganz in der Verantwortung der Ukraine liege, wie ihre Annäherung an die EU vorankomme. Wie weit kann die Ukraine kommen: bis zur EU-Mitgliedschaft?

Ich habe in der Ukraine gesagt, daß wir uns gegenseitig nicht unter den Zugzwang von Terminen setzen sollten. Ich habe empfohlen, zu würdigen, daß die EU die Ukraine in die Mechanismen der Nachbarschaftspolitik aufgenommen hat. Das ist nicht wenig, und das ist auf jeden Fall ein notwendiger Prozeß im Blick auf die Wünsche, die in der Ukraine bezüglich einer EU-Mitgliedschaft bestehen. Ohne eine Entwicklung, die neben wirtschaftlichem Aufschwung auch rechtsstaatliche Reformen umgreift, ist der Frage der Mitgliedschaft oder schon eines Kandidatenstatus nicht näher zu kommen. Tempo und Geschwindigkeit der Annäherung an die EU werden in der Ukraine selbst bestimmt. Dieser Satz gilt gleichermaßen für die Annäherung an die Nato.

In einer vergleichbaren Situation sind die Balkan-Staaten. Der französische Innenminister Sarkozy hat in Berlin kürzlich gesagt, vor einem Beitritt dieser Staaten, schon Kroatien eingeschlossen, seien Volksabstimmungen in Frankreich unerläßlich. Bauen wir nicht Luftschlösser, wenn wir den Balkan-Staaten eine Beitrittsperspektive in Aussicht stellen?

Wir haben das Thema auf dem Dezember-Gipfel der EU besprochen. Da war die Frage, ob wir Mazedonien den Beitrittskandidatenstatus zuerkennen. Frankreich hat das mitgetragen. Frankreich und andere haben darauf hingewiesen, daß eine Beitrittsperspektive für die Staaten des Balkans einhergehen muß mit einer Diskussion über die Grenzen und die Identität Europas.

Diese Diskussion werden wir miteinander zu führen haben, und sie wird auch Beiträge von Frankreich erfordern. Fest steht jedoch, daß alle Mitglieder der Kontaktgruppe zum Kosovo, an der Frankreich ja beteiligt ist, darin übereinstimmen, daß die Klärung des künftigen Status des Kosovos sehr schwer oder gar unmöglich wird, wenn den Staaten des westlichen Balkans die europäische Perspektive gekappt wird.

Sarkozy hat in Berlin ganz allgemein behauptet, Europa müsse sich seiner Grenzen gewiß werden, wenn es eine neue Dynamik gewinnen wolle. Würden Sie dem zustimmen?

Europa war seiner Grenzen in den letzten 1000 Jahren nie gewiß - Grenzziehungen nach religiösen, ethischen und politischen Kriterien sind über die Jahrhunderte immer diskutiert, aber selten längere Zeit akzeptiert worden. Aber selbstverständlich kann man über die Grenzen einer supranationalen Organisation wie der EU nachdenken und fragen: Wie groß kann Europa sein, um von seinen institutionellen Voraussetzungen her noch entscheidungs-, gestaltungs- und handlungsfähig zu bleiben?

Vor diesem Hintergrund ist eine Debatte sinnvoll. Klar muß aber sein: Die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei werden nicht der Markstein sein können, an dem wir die ganze Debatte über Identität und Grenzen Europas orientieren. Da die EU die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit der Türkei schon beschlossen hat, wird man nämlich in der langfristigen Perspektive eine Mitgliedschaft der Türkei als möglichen Teil des Erweiterungsprozesses berücksichtigen müssen.

Es zeigt sich ein merkwürdiges Paradox: Für außenstehende Staaten ist die Attraktivität der Europäischen Union ungebrochen, während im Inneren, nach den zwei gescheiterten Verfassungsreferenden in Frankreich und in den Niederlanden, Krisen- und Abschottungssymptome zu bemerken sind.

Es fällt uns mit Blick auf Europa leicht, die Entwicklung der EU als eine Aneinanderreihung von kleinen und größeren Krisen zu beschreiben. Und daraus entsteht dann in regelmäßigen Abständen immer wieder das hektische gemeinsame Suchen nach dem „großen europäischen Projekt“. Die Suche ist nicht falsch. Ich sage nur: Was Europa am dringendsten braucht, sind Erfolge. Deswegen haben wir uns auf dem Dezember-Gipfel mit so viel Energie und am Ende mit gutem Ergebnis darum bemüht, eine Verständigung über die finanzielle Vorausschau der EU zu erreichen. Das ist ein Erfolg für Europa.

Jetzt ist die Verfassungsfrage noch offen. Die Lösung für das Problem nach den beiden ablehnenden Volksabstimmungen ist noch nicht klar. Aber auch mein französischer und mein niederländischer Kollege wissen, daß sich gerade auch vor den nächsten Erweiterungen mit Rumänien und Bulgarien die Frage der europäischen Verfassung mit neuer Dringlichkeit stellen wird. Jetzt wird es unter der österreichischen, dann unter der finnischen Präsidentschaft darum gehen, sensibel die Interessen, Wünsche und Vorschläge der Mitgliedsstaaten aufzunehmen und - ohne die große Bühne zu suchen - zu diskutieren. Und ich rate dazu, keine vorzeitigen Vorschläge zu machen. Ich plädiere sehr dafür, daß wir uns die einjährige Phase des Nachdenkens einräumen, an dem Projekt festhalten, es entgegen mancher Unkenrufe nicht für tot erklären, sondern es im nächsten Jahr unter deutscher Ratspräsidentschaft in einem neuen Vorschlag zum Verfahren noch einmal aufnehmen.

Sie haben jetzt die Welt bereist...

Nein, bei weitem nicht...

...aber einen großen Teil. Sie haben die Orte besucht, die für deutsche Außenpolitik relevant sind. Die Bundeskanzlerin hat es auch getan: Gibt es eine neue deutsche Außenpolitik?

Daß eine neue Regierung, die von anderen Parteien und Personen getragen wird als die Vorgängerregierung, neue Akzente setzt, ist völlig klar. Entscheidend für mich ist - und darauf hat sich mein Satz von der „Kontinuität der deutschen Außenpolitik“ bezogen -, daß die langen Linien der deutschen Außenpolitik erhalten bleiben.

Würden Sie denn sagen, daß es nicht nur um neue Akzente geht, sondern auch um einen anderen Stil?

Konkretisieren Sie das...

In der Vorgängerregierung wurde Außenpolitik mit vergleichsweise großem rhetorischen Aufwand vorgetragen. Nun scheint eher eine gewisse pragmatische, lösungsorientierte Nüchternheit bestimmend zu sein.

Die Präsentation von Politik - und das betrifft auch die Außenpolitik - muß zu denjenigen passen, die sie verantworten und in der Öffentlichkeit darstellen. Insofern versuche ich, für die Art und Weise, in der ich Außenpolitik mitgestalte, die mir gemäße Form zu finden. Das hat auch etwas zu tun mit der Art und Weise, wie Deutschland in der Welt Außenpolitik machen kann und aus meiner Sicht auch machen sollte. Man muß das hohe Maß an Anerkennung, das wir genießen, ins Verhältnis setzen mit den Möglichkeiten, die wir haben.

Daraus folgt etwas, was ich eine selbstbewußte Bescheidenheit nenne. In diesem Bewußtsein sollten wir uns an den Prozessen in der Welt beteiligen, und das muß kein geringes Maß sein. Ich glaube, das zeigt sich gegenwärtig in einer Situation, wo die Pflicht deutlich vor der Kür steht, wo wir eine Reihe von Krisen zu bewältigen haben, die von Nahost über Iran bis hin zu den eingefrorenen Konflikten im südlichen Kaukasus reicht. Das ist in der Tat keine Lage, in der man luftige Entwürfe über die Neuordnung der Welt an den Mann bringen könnte.

Das Gespräch führten Günther Nonnenmacher, Klaus-Dieter Frankenberger und Johannes Leithäuser.



Text: F.A.Z., 06.03.2006, Nr. 55 / Seite 6
Bildmaterial: Christian Thiel

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