Zentrum über Flucht und Vertreibung

„Sichtbares Zeichen“ in Berlin

1945: Flüchtlingszug mit vertriebenen Sudentendeutschen im Durchgangslager Wiesau

1945: Flüchtlingszug mit vertriebenen Sudentendeutschen im Durchgangslager Wiesau

19. März 2008 Nach jahrelangem Streit hat die Bundesregierung den Weg für den Aufbau eines Dokumentationszentrums über Flucht und
Vertreibung in Berlin freigemacht. Die Ministerrunde beschloss am Mittwoch ein Konzept von Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) zur Errichtung des „sichtbaren Zeichens“ in Berlin, „um an das Unrecht von Vertreibungen zu erinnern und Vertreibung für immer zu ächten“.

Neumann bezeichnete den Beschluss als „herausragenden Schritt im Hinblick auf die Aufarbeitung eines schmerzlichen Teils“ der deutschen und europäischen Geschichte. Damit sei es gelungen, das bisher strittigste und empfindlichste Thema zwischen Deutschland und Polen in eine bessere Verständigung und Versöhnung zwischen beiden Ländern einzubetten, sagte Neumann. Aufgabe des „Sichtbaren Zeichen“ sei es, die Erinnerung an „das Jahrhundert der Vertreibungen“ und des mit ihm verbundenen menschlichen Leids wachzuhalten. Mehr als 60 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg sei es nun an der Zeit, an die Schicksale der Vertriebenen, darunter 12 bis 14 Millionen Deutsche, zu erinnern sowie Ursachen und Folgen aufzuarbeiten.

„Ort des Dialogs“

Bernd Neumann, Autor des Konzepts für ein Vertriebenenzentrum

Bernd Neumann, Autor des Konzepts für ein Vertriebenenzentrum

Als Standort des Vertriebenenzentrums sind zwei Etagen im Deutschlandhaus am Anhalter Bahnhof unweit des Potsdamer Platzes vorgesehen. Sie sollen in den nächsten Jahren für etwa 29 Millionen Euro umgebaut und eingerichtet werden. Die jährlichen Kosten werden bisher auf 2,4 Millionen Euro veranschlagt. Rechtsträger wird das Deutsche Historische Museum sein.

Im Mittelpunkt steht eine Dauerausstellung auf etwa 1.200 Quadratmetern zur historischen Dokumentation der Themen Flucht, Vertreibung und Integration vom Zweiten Weltkrieg bis zur Gegenwart in Deutschland und Europa. Die Ausstellung wird auf der Schau „Flucht, Vertreibung und Integration“ des Bonner Hauses der Geschichte beruhen. Ein Schwerpunkt soll auf die Darstellung von Einzelschicksalen gelegt werden, welche die Geschichte verlebendigen und eine Identifikation mit den Opfern ermöglichen.

Flucht und Vertreibung der Deutschen werden einen Hauptakzent bilden. Außerdem sind begleitende Veranstaltungen, Publikationen und Wechselausstellungen geplant. Beispielhaft wird die jahrhundertelange Geschichte deutscher Siedlungsgebiete im Osten, ihre Entwicklung und Kultur genannt. Auch ist ein Dokumentations- und Informationszentrum für wissenschaftliche Arbeiten vorgesehen. Schließlich soll das Zentrum als „Ort des Dialogs“ der Pflege internationaler Partnerschaften und generell der Verständigungspolitik der Bundesregierung dienen. Als nächster Schritt ist eine wissenschaftliche Konferenz über Flucht und Vertreibung mit internationaler Beteiligung vorgesehen.

Auch polnische Historiker beteiligt

Im Stiftungsrat der neuen Dokumentationsstätte sollen unter anderem Vertreter des Bundestages und der Bundesregierung arbeiten. Ferner ist eine „angemessene Gremienbeteiligung der deutschen Vertriebenen“ und anderer gesellschaftlicher Gruppen geplant. In einem wissenschaftlichen Beirat sollen auch ausländische Experten, insbesondere der europäischen Nachbarländer, mitwirken.

Polen hatte sich lange gegen ein solches Zentrum in Berlin gewendet, weil man den Versuch einer Relativierung der deutschen Schuld am Zweiten Weltkrieg befürchtet hatte. Mittlerweile hat Polen eingelenkt: Zwar wird weiter eine direkte Beteiligung abgelehnt, das Land will aber einer Einbindung polnischer Historiker nicht im Wege stehen. Die Warschauer Zeitung „Rzeczpospolita“ hat am Mittwoch die Beschlussvorlage Neumanns nebst Anlagen im vollen Wortlaut auf polnisch veröffentlicht.

„Was lange währt, wird endlich gut“

Vertriebenen-Präsidentin Steinbach: „Es ist ein schöner Tag und ein schönes Gefühl - was lange währt wird endlich gut”

Vertriebenen-Präsidentin Steinbach: „Es ist ein schöner Tag und ein schönes Gefühl - was lange währt wird endlich gut”

Der Bund der Vertriebenen (BdV) hat den Beschluss der Bundesregierung zur Einrichtung eines Dokumentationszentrums über Flucht und Vertreibung in Berlin als „wichtigen und längst überfälligen Schritt“ begrüßt. Ein bislang weißer Fleck in der
Gedenkstättenlandschaft der Hauptstadt werde nun endlich bearbeitet. „Es ist ein schöner Tag und ein schönes Gefühl - was lange währt wird endlich gut“, sagte BdV-Präsidentin Erika Steinbach in Berlin.

Steinbach dankte besonders Bundeskanzlerin Angela Merkel und Kulturstaatsminister Neumann für deren Unterstützung. Neumann habe in den vergangenen Monaten „einen Stein nach dem anderen aus dem Weg geräumt, um den gemeinsamen Willen der Koalitionsregierung in die Tat umzusetzen“. Die vom BdV im Jahr 2000 gegründete Stiftung „Zentrum gegen Vertreibungen“, ohne die es die jetzige Entscheidung der Bundesregierung nach Ansicht Steinbachs nicht gegeben hätte, werde ihre Arbeit fortsetzen.

„Viele absurde Tabus“ gefallen

Auch die Sudetendeutschen begrüßten die Entscheidung. „Das ist ein wichtiger Durchbruch in der Vertriebenenpolitik“, erklärte der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, der EU-Parlamentarier Bernd Posselt (CSU), in München. Vom früheren Kanzler Gerhard Schröder (SPD) seien sie als Randgruppe abqualifiziert worden. Nun erhielten die Vertriebenen und ihre Nachkommen eine Dokumentationsstätte ihres Schicksals mitten in der Hauptstadt. „Nun müssen wir darauf achten, dass diese Initiative nicht verfälscht oder zweckentfremdet wird“, forderte Posselt.

Die Koalitionsparteien Union und SPD werteten den Kabinettsbeschluss jeweils als ihren Erfolg. CSU-Landesgruppengeschäftsführer Hartmut Koschyk sagte, „viele absurde Tabus“ seien gefallen. Das Interesse der Deutschen am Schicksal der Vertriebenen sei gestiegen. Der Vertriebenen- und Aussiedler-Experte Jochen-Konrad Fromme (CDU) erklärte, durch eine Einrichtung in staatlicher Trägerschaft werde eine Aufarbeitung der Geschichte im Sinne der Verständigung
gewährleistet.

Kritische Stimmen

Die SPD erklärte, das Deutsche Historische Museum als Träger der künftigen Erinnerungsstätte garantiere dafür, dass es keine tendenziösen oder einseitigen Darstellungen geben werde. Im Vordergrund stehe der Versöhnungsgedanke, so die kulturpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Monika Griefahn. Es sei gelungen, an Flucht und Vertreibung so zu erinnern, dass die Beziehungen zu den Nachbarländern nicht belastet würden.

Die Grünen kritisierten, noch immer seien wesentliche Fragen zu dem Projekt nicht beantwortet, etwa welche Rolle der Bund der Vertriebenen spielen werde. Die Linkspartei verurteilte das Projekt als Geschichtsmanipulation. Deutsche würden als Opfer dargestellt. Die für das „Sichtbare Zeichen“ eingeplanten Gelder sollten in die Entschädigung der Opfer des Dritten Reiches gesteckt werden.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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