FAZ.NET-Spezial

Die Kanzlerin

Von Berthold Kohler

Angekommen: Angela Merkel

Angekommen: Angela Merkel

23. November 2005 Sie hat nirgends gerüttelt, sie mußte nicht erst zu sich selbst laufen, und sie sagte nie, ein anderer könne das nicht machen. Trotzdem hat Angela Merkel das Ziel erreicht, von dem so viele Politiker träumen und dem so wenige nahe kommen. Dazu braucht man auch ein Quentchen Glück, hie und da eine günstige Wendung des Schicksals.

Doch Kanzler oder Kanzlerin, wie man von nun an sagen muß, wird man nicht durch Zufall. Der Weg ins Kanzleramt ist steinig; er ist übersät mit Möglichkeiten des Scheiterns. Angela Merkel hat die Prüfungen, die den Kandidaten auch schon lange vor der formellen Kandidatur abverlangt werden, gemeistert - als erste Frau, und gegen mächtige Konkurrenten.

Die „Neunundachtziger“

Mit ihr tritt nach dem Abgang der sogenannten Achtundsechziger eine neue Politikergeneration auf die Bühne, die „Neunundachtziger“: Politiker, die in der DDR aufgewachsen sind und nach deren Untergang Verantwortung im wiedervereinigten Deutschland übernommen haben. Allein dieser Gründe halber wird die Kanzlerin schärfer beobachtet und beurteilt werden als mancher ihrer Vorgänger.

Doch ist die Observation durch die offene Gesellschaft für Frau Merkel nichts Neues mehr, wie auch der schnelle Wechsel von Lob und Tadel in der Berliner Medienrepublik nicht. Sechzehn Jahre dauert nun schon der Marathon Angela Merkels durch die deutsche Politik, in dem es für sie kaum Pausen gab. „Kohls Mädchen“ mußte im Laufen lernen, wie das System Bundesrepublik mit seinen Subsystemen funktioniert. Leute, die ihr darin Lektionen erteilen wollten, fanden sich viele, nicht zuletzt in ihrer eigenen Partei.

Energie, Ausdauer und Leidensfähigkeit

Doch die Alteingesessenen haben immer wieder die Energie, die Ausdauer und die Leidensfähigkeit Frau Merkels unterschätzt, vielleicht sogar ihr Entdecker. An den Kreuzwegen ihres Aufstiegs an die Spitze der CDU und dann zur Kanzlerschaft überraschte sie Freund und Feind mit dem Mut zur Initiative.

Ihr Wille zur Führung zeigte sich in der Loslösung von Kohl und Schäuble, ihre Beweglichkeit in der vorübergehenden Abgabe der Kanzlerkandidatur an Stoiber, ihre politische Agenda auf dem Parteitag in Leipzig. Konkurrenten und Gegner hatten mehrfach Gelegenheit, Frau Merkel ins Straucheln zu bringen. Für sie aber stand an jedem dieser Abschnitte ihr politisches Überleben auf dem Spiel. Mit dem Rücken zur Wand kämpfend, siegte sie, wenn auch nur knapp, am Ende auch über ihren gefährlichsten Gegner, Schröder, der das - darin ganz Achtundsechziger - zunächst einfach nicht wahrhaben wollte.

Ein anderer Lebensweg

Es ist eine Ironie der Geschichte, daß Schröder und Fischer, die als Repräsentanten eines Projekts zur Gesellschaftsveränderung antraten, einer Frau aus dem bürgerlichen Lager weichen mußten, das angeblich so rückwärtsgewandt sein soll. Schlicht ein Witz ist die Behauptung der Grünen, ohne ihre Frauenpolitik „wäre eine Bundeskanzlerin immer noch undenkbar“. Was Grüne und SPD in dieser Zeit selbst hervorbrachten, waren zwei Alphatiere, die nicht vorhatten, ihren politischen Egotrip wegen einer Frau aus dem Osten abzubrechen.

Die hat einen ganz anderen Lebensweg hinter sich als die Karrierelinken des Westens, aber auch als die Mehrheit ihrer gleichaltrigen Mitstreiter in der CDU. Frau Merkel mag einige Feste der Jungen Union verpaßt haben - in ihrer Jugend erlebte sie die Diktatur des SED-Staates und das Versagen der sozialistischen Planwirtschaft. In dieser Erfahrung liegen ihr Eintreten für liberale Ordnungspolitik und ihr Mißtrauen gegenüber einem allzu aufdringlichen Staat begründet. Frau Merkel verfügt über ein viel schärferes Freiheitsverständnis als mancher andere christliche Demokrat, der in Freiheit, aber auch in einem Wohlfahrtsstaatsgespinst aufgewachsen ist.

Nüchterne Analyse

Die wachsenden Probleme, die das vereinigte Deutschland aus der alten Bundesrepublik übernahm, konnte die Physikerin Merkel sine ira et studio betrachten; sie hat das, was sie vorfand, wie ein Wissenschaftler analysiert und dann ihre Handlungsempfehlung vorgelegt. Ihr nüchterner Stil kommt manchem zu kühl vor. Doch ist er der Lage des Landes angemessen. Vom „I did it my way“-Pathos gab es genug.

Als Bundeskanzlerin kann Frau Merkel aber nicht nur Wirtschaftsingenieurin sein. Sie muß, wenn ihre Kanzlerschaft nicht zur Episode werden und die deutsche Krise kein Dauerzustand bleiben soll, das Volk für ihre Ziele und Absichten gewinnen - in sehr viel größerem Maße, als ihr das am jüngsten Wahltag gelang. An der Aufgabe, die Zustimmung der Bürger zur notwendigen Reformpolitik zu gewinnen, hatten sich aber schon Marketingtalente wie Schröder und Fischer die Zähne schartig gebissen - bis sie im Wahlkampf beidrehten, um zuzuhören, wie die Kieferknochen der Union knackten.

Abhängig von der SPD

Frau Merkel muß daher vor allem ein Interesse daran haben, den Reformflügel der SPD in die staatspolitische Verantwortung und damit auf ihre Seite zu ziehen. Gelänge es der Kanzlerin, die Sozialdemokratie für ein Reformbündnis zur Erneuerung Deutschlands zu gewinnen, das diesen Namen auch verdiente, dann könnte diese Koalition wirklich eine große werden. Sie hätte die nötigen Mehrheiten in Bundestag und Bundesrat zum „Durchreformieren“. Doch ist die Abhängigkeit von der künftigen Linie der SPD auch die größte Schwäche der neuen Kanzlerin. Der Koalitionspartner ließ sie schon bei ihrer Wahl spüren, daß er nicht an bedingungslose Gefolgschaft denkt.

Als erster Kanzlerin Deutschlands ist Frau Merkel ein Platz in den Geschichtsbüchern sicher. Doch gab sie auch schon als erste Generalsekretärin und erste Vorsitzende der CDU zu verstehen, daß sie nicht nur der Gleichberechtigung der Frau voranhelfen will. Deutschland wolle sie dienen, sagte die Kandidatin Merkel vor der Bundestagswahl; es klang wie ein Dankeschön für eine Befreiung vor sechzehn Jahren. Nun hat sie es auch geschworen. So wahr ihr Gott helfe.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung; 23.11.2005
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb, REUTERS

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Die perfekte Wohnung oder das ideale Haus zum Kaufen oder Mieten: Jetzt über 960.000 Angebote bei Immowelt.de und FAZ.NET!

GlücksmomentVor einem Jahr: Köhler ernennt MerkelBlumen für die KanzlerinMerkel, Röttgen: Da freuen sich zwei Unions-PolitikerSelbst Schröder wollte Merkel seine Stimme gebenKoalitionsverhandlungen: Merkel mit Schröder und Müntefering im Konrad-Adenauer HausBriefmarkenhändlerin Mathilde Ranneberg zeigt Sondermarken anläßlich Merkels Wahl zur Bundeskanzlerin. Ranneberg verkauft seit 1948 am Tag der Kanzlerwahl jeweils Sonderpostkarten und -Marken in der jeweiligen Heimatstadt des RegierungschefsGroße Koalition: Von schierer Finanznot erzwungener KurswechselFür ihren Förderer Helmut Kohl war Angela Merkel das “Mädchen“. Später kam es zum BruchZeichen der Versöhnung: Merkel mit dem Altkanzler im April 2005 beim Berliner Symposium zum Leben Helmut KohlsBeim Politischen Aschermittwoch im Februar 2002Zwei ostdeutsche Politiker, deren Karrieren ganz unterschiedlich verliefen: Merkel und Günther Krause im Januar 1991Neben Theo Waigel auf dem CSU-Parteitag 1995 in MünchenTriste Aussichten: Auf Sommerreise 2004 in Magdeburg1995: Merkel fischt Haushaltsabfälle aus dem Fennpfuhl in Berlin-LichtenbergBeim Besuch einer Eisfabrik in Ribnitz-DamgartenFrischer Wind in der Union: Merkel und Stoiber im April 2005 in RomMärz 2000: Die Generalsekretärin soll den Parteichef Schäuble ersetzenErfolgsfrauen: Merkel und Hillary Clinton im Februar 2005Kanzlerkandidaten der Union: Adenauer, Erhard, Kiesinger, Barzel (oben, v.l.), Strauß, Kohl, Stoiber, Merkel (unten, v.l.) Merkel: “So wahr mir Gott helfe“22. November 2005: Schröder gratuliert Merkel zur KanzlerschaftBlumige Gratulation von Volker KauderIhr Stimmzettel, ihre ZukunftSchröder verläßt die WahlkabineHerlind Kasner, die Mutter von Angela Merkel, verfolgt die Wahl  ihrer Tochter zur KanzlerinNovember 2005: Auf der Besuchertribüne verfolgen Isa Gräfin von Hardenberg., Gesellschaftsreporterin Inga Griese, Fernsehmoderatorin Sabine Christiansen und Verlegerin Friede Springer die KanzlerwahlStruck begrüßt Merkel: Die designierte Kanzlerin bei der SPD-FraktionAuf dem Weg an die Spitze: Merkel Ende Mai 2005März 2001: Für Friedrich Merz hat Merkel keinen Platz mehr an ihrer SeiteSkeptischer Blick auf ein Kunstwerk: Merkel, wie HA Schult sie siehtIm Europa-Wahlkampf im Juni 2004CDU-Landesparteitag in Hannover im Mai 2000: Merkel bekommt ein Eis von Hape KerkelingMit Ehemann Joachim Sauer bei der Eröffnung der Bayreuther Festspiele 2003Zu Gast beim “privilegierten Partner“? Im Februar 2004 vor der Hagia Sophia in IstanbulDie CDU-Generalsekretärin im August 1998 März 1995: Bundesumweltministerin Merkel in GorlebenSchwieriges Verhältnis: Merkel mit Wolfgang Schäuble, ihrem Vorgänger als Parteichef, im April 2000Beliebter Quell der Heiterkeit: Angela Merkels Frisur