Zurück in der Heimat

Hier bin ich Beck

Von Thomas Holl, Mainz

In Mainz weihnachtet es sehr

In Mainz weihnachtet es sehr

20. Dezember 2008 Für Kurt Beck hält das Jahr 2008 ein vorläufiges politisches Happy End bereit. Trotz Wirtschaftskrise und miserabler Umfragewerte für die SPD in Hessen und im Bund ist dieser Tage in Rheinland-Pfalz ein Sozialdemokrat unterwegs, dem der Rücktritt aus einem Spitzenamt gutgetan hat. Ein „aufregendes“ Jahr gehe für ihn zu Ende, in dem „ich auf einige Erlebnisse gerne verzichtet hätte“, sagte der Ministerpräsident bei einem vorweihnachtlichen „Gesprächsessen“ mit Journalisten in Mainz.

Was vor drei Monaten, in den Tagen kurz nach seinem empörten Abgang als SPD-Chef, noch beleidigt und verbittert geklungen hätte, trägt Beck nun mit abgeklärter Gelassenheit und Ironie vor. Zwar sagen frühere enge Weggefährten, dass diese Berliner Erlebnisse mit den eigenen Genossen und dem robusten Pressecorps der Hauptstadt den eigentlich dünnhäutigen und harmoniebedürftigen Beck tiefer verletzt hätten, als auf den ersten und zweiten Blick sichtbar ist. Und auch Beck selbst sagt dazu, dass für ihn immer auf der politischen Soll-Seite bleiben werde, dass er an der Spitze der SPD seine Aufgabe nicht zu Ende gebracht habe.

Therapie mit heimatlichem Sauerstoff

Doch das Wiedereintauchen in sein Biotop Rheinland-Pfalz ist für den Südpfälzer kurz vor seinem 60. Geburtstag am 5. Februar wie eine Therapie mit heimatlichem Sauerstoff. „Ich fühle mich zu Hause!“ Fast befreit schmetterte Beck diesen Satz Anfang November in einem Interview mit dem „Trierischen Volksfreund“ heraus. Hier bin ich Beck, hier darf ich’s sein: Der SPD-Mann fühlt seit dem 6. September eine Tonnenlast von seinen Schultern genommen. Auf dem Landesparteitag der rheinland-pfälzischen SPD holte sich Beck am 13. September eine Extraportion Solidarität, Respekt, Zuneigung, fast Liebe ab, die er bei Parteifreunden in Berlin und einer Journalistenschar, unter denen ihn einige als „Pfälzer Problembär“ verspotteten, so schmerzlich vermisst hatte.

Aber auch draußen im Land holt Beck bei seinen vielen Terminen pro Tag das nach, was er als SPD-Bundesvorsitzender in endlosen Gremiensitzungen und nächtlichen Koalitionsrunden im Kanzleramt verpasst hat: den Schwatz mit dem Volk auf Marktplätzen, in Vereinen und bei Weinfesten. Es ist ein Kurt Beck in Fleisch und Blut übergegangenes Erfolgsrezept, das seiner SPD 2006 im früheren Stammland Helmut Kohls sogar die absolute Mehrheit beschert hat. „Rheinland-Pfalz ist ein konservativ geprägtes Land mit einem ausgeprägten Wohlfühlbedürfnis der Menschen. Diesem Bedürfnis nach Identität und Beschaulichkeit kommt Beck in einer bemerkenswerten Weise entgegen.“ Der dies schon 2004 gesagt hat, ist kein Beck ergebener Sozialdemokrat, sondern der langjährige rheinland-pfälzische Minister und CDU-Abgeordnete Georg Gölter aus Kaiserslautern.

Es war wohl das größte Missverständnis Becks, dass er diesen in Rheinland-Pfalz so erfolgreich gepflegten paternalistischen Stil als SPD-Vorsitzender und bis zum März auch als möglicher Kanzlerkandidat fast eins zu eins auf Berlin und den Bund übertragen wollte. Trotz der Warnungen enger Mitarbeiter vor Intrigen und Illoyalitäten führender Genossen und deren Büchsenspannern konnte sich Beck fast bis zum Schluss kaum vorstellen, dass es in Berlin so ganz anders zugehen könnte als in Mainz, wo er von einer Tafelrunde ihm treu ergebener Mitarbeiter, Kronprinzen und einer Kronprinzessin geschützt wird.

Auch den Ratschlag wohlmeinender Parteifreunde, sich doch professionelle Medienberater zu engagieren, schlug Beck, der zu Hause eine eher zahme Presse gewohnt ist, trotzig in den Wind. Denn für sein Selbstbild ist vor allem eines auch im Rückblick immer noch entscheidend: „Ich habe mich nicht verbiegen lassen.“ Während diese sehr persönliche Sicht der Dinge bei Genossen in Berlin immer noch Kopfschütteln auslöst, bringt ihm dies beim bodenständigen Wahlvolk zwischen Neuwied und Speyer viel Sympathie.

Beck will in der ersten Liga weiterspielen

Für die oppositionelle CDU unter dem Anwalt Christian Baldauf ist die Rückkehr des Ministerpräsidenten indes ein schwerer Schlag. Nicht genug, dass sich Baldauf seit Monaten mit einer Finanz- und Rotlichtaffäre herumschlagen muss, in deren Zentrum der einstige Fraktionsgeschäftsführer seines Vorgängers Christoph Böhr steht.

Auch der von Baldauf initiierte parlamentarische Untersuchungsausschuss zu den Merkwürdigkeiten rund um das mehr als 40 Millionen teure, im September 2007 eröffnete Museum in Remagen mit Werken des Dada-Mitbegründers Hans Arp erweist sich als stumpfes Schwert der CDU im Kampf gegen den beliebten Landesvater. Zu kompliziert und zu weit in die auch von CDU-Landesregierungen gestaltete Vergangenheit reichen die Vorgänge um rechtlich strittige Vereinbarungen mit dem Arp-Verein und dessen womöglich ungewöhnlichen Umgang mit Dauerleihgaben. Aus Becks Auftritt als Zeuge in der vorletzten Sitzung des Ausschusses konnte die CDU denn auch keinen Honig saugen. Mit der Geste eines klug wirtschaftenden Landesvaters, der für seine Bürger das Bestmögliche gegenüber dem Bund herausholt, konnte Beck darauf verweisen, dass der Prestigebau am Rhein das Land nur 9,3 Millionen Euro gekostet habe. Dagegen sei der Löwenanteil des von Richard Meier entworfenen architektonischen Kleinods aus dem Bonn-Berlin-Ausgleichstopf geflossen.

Die wieder volle Präsenz Becks auf allen pfälzischen Kanälen hat die SPD in jüngsten Umfragen auf Werte gebracht, von denen Franz Müntefering, Frank-Walter Steinmeier und Thorsten Schäfer-Gümbel nur träumen können. Während die CDU sich mit 34 Prozent wieder ihrem desaströsen Wahlergebnis von 2006 nähert, kletterte die SPD auf 41 Prozent. Bei solchen Zahlen fällt es Beck leicht, auch 2011 als SPD-Spitzenkandidat anzutreten, mit dem Ziel, mindestens bis 2016 zu regieren. „Beck ist in dem Alter, in dem Horst Seehofer in Bayern als Ministerpräsident beginnt. Er macht das so lange, wie es geht“, heißt es in Mainz selbstbewusst.

Dass Beck auch weiter von dort aus in der ersten Liga der Politik spielen will, daran lässt er keinen Zweifel. Neben seiner Stellung als Koordinator der SPD-regierten Länder im Bundesrat will Beck von Oktober 2009 an auch als Vorsitzender der Ministerpräsidentenkonferenz vorne mitmischen. Wie seine Lieblingsvereine Mainz 05 und 1. FC Kaiserslautern, die zur Halbzeit der Saison Aufstiegsplätze erobert haben.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Sie möchten Zuschuss zur Ihrer neuen Brille? Vergleichen Sie jetzt online einfach und bequem verschiedene Krankenzusatzversicherungen und sparen Sie bares Geld!

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche