Wehrpflicht

Jungs schlappe Jungs

Von Markus Bickel

Bald allein bei der Übung? Junger Rekrut in der Grundausbildung

Bald allein bei der Übung? Junger Rekrut in der Grundausbildung

08. April 2008 Fast jeder zweite junge Mann in Deutschland ist für den Dienst in der Bundeswehr untauglich. Bei der Musterung im vergangenen Jahr wurden lediglich 54,9 Prozent der Untersuchten für tauglich befunden, sagte ein Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums am Dienstag. Von insgesamt 451.300 gemusterten Wehrpflichtigen entsprachen demnach im vergangenen Jahr nur 54,9 Prozent den körperlichen und psychischen Anforderungen. 41,9 Prozent der Gemusterten waren indes ungeeignet - ein neuer Rekord.

Kritiker der Wehrpflicht halten die Zahlen jedoch für zurechtgebogen. „Damit soll die Fiktion von Wehrgerechtigkeit aufrecht erhalten werden“, sagte Winfried Nachtwei, Verteidigungspolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion im Gespräch mit FAZ.NET. Er bezeichnete es als „absurd“, dass die Zahlen der Wehruntauglichen in den vergangenen zehn Jahren um mehr als das Dreifache gestiegen seien. Dieser „galoppierende Verfall der Jugendgesundheit“ sei politisch bedingt und durch die reale Entwicklung nicht gedeckt.

„Jung klammert sich an die Wehrpflicht“

Geschönte Zahlen? Verteidigungsminister Jung

Geschönte Zahlen? Verteidigungsminister Jung

Auch die Linkspartei kritisierte die jüngsten Musterungszahlen. „Dadurch wird der Wehrdienst insgesamt infrage gestellt“, sagte der Abrüstungspolitische Sprecher der Linkspartei im Bundestag Paul Schäfer FAZ.NET. „Diskret versucht die Bundeswehr alles, um sich von den eigentlich nicht mehr benötigten Wehrpflichtigen zu trennen“, warf Schäfer Verteidigungsminister Franz-Josef Jung (CDU) vor. „Wäre es nicht so ein gravierender Eingriff in Lebensplanung und Persönlichkeitsrechte, könnte man das unbeirrte Festklammern des Verteidigungsministeriums an der Wehrpflicht für einen schlechten Aprilscherz halten.“

So seien zwölf Prozent der jungen Männer aus dem Jahrgang 1984 gar nicht erst gemustert und „rekordverdächtige 32 Prozent“ ausgemustert worden, sagte Schäfer. Von den knapp 125.000 nach Musterung und Verweigerung übriggebliebenen Wehrpflichtigen des Jahrgangs hätten nur ungefähr die Hälfte den Zwangsdienst an der Waffe antreten müssen.

Ministerium verteidigt sich

Das Verteidigungsministerium wies die Vorwürfe zurück. „Die Bundeswehr ist an Recht und Gesetz gebunden und kann demnach nicht willkürlich handeln“, sagte ein Sprecher. Allerdings sei von der rot-grünen Bundesregierung zum Oktober 2004 die Tauglichkeitsstufe T3 (mit Einschränkung wehrdienstfähig) abgeschafft worden. Das sei eine Reaktion auf die Neuausrichtung der Bundeswehr gewesen, mit der sich der Bedarf an gesundheitlich geeignetem Personal geändert habe. Allerdings waren T3-Taugliche bereits 2004 nicht mehr eingezogen worden.

Auch Peter Tobiassen, Geschäftsführer der Zentralstelle für Kriegsdienstverweigerer, hegt Zweifel an den offiziellen Zahlen: „Im europäischen Ausland liegt die Untauglichkeitsquote im Schnitt bei acht bis zwölf Prozent. Warum soll das ausgerechnet in Deutschland anders sein?“, zitierte ihn das „Handelsblatt“, das am Dienstag über die geringen Einberufungszahlen berichtet hatte.

Dass bald jeder zweite Wehrpflichtige nicht mehr für die Landesverteidigung in Frage kommen soll, sei - trotz aller Debatten über übergewichtige Bürger - alles andere als realistisch, sagte Tobiassen. Vielmehr gehe es darum, Wehrpflichtige aus der Statistik herauszurechnen, um den Anschein von Wehrgerechtigkeit zu wahren. Durch die Abschaffung der Tauglichkeitsstufe T3 ist die Zahl der Untauglichen beständig gewachsen, wie die Zeitung berichtet - von 16,9 Prozent im Jahr 2002 über 32,6 Prozent im Jahr 2004 auf 44,9 Prozent im vergangenen Jahr.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, dpa

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