Von Richard Münch
13. November 2008 Durch die globale Verbreitung der wissenschaftlich-technischen Zivilisation werden die lokalen Lebenswelten aus ihrem historisch gewachsenen Zusammenhang gerissen. Sie verlieren ihre Legitimität und müssen sich im Lichte des herrschenden wissenschaftlichen Wissens in ihrer Geltung behaupten und als nützliche Quelle zur Gewinnung von ökonomischem, politischem oder sozialem Kapital beweisen.
Ein aktuelles Beispiel ist die verbindliche Definition von Bildungsstandards im Kontext des Pisa-Testverfahrens der OECD. Die Ausrichtung auf die Produktion von Humankapital durch die Vermittlung von Grundkompetenzen steht im Widerspruch zur traditionellen Idee der ständisch und fachlich differenzierten Bildung. Der Versuch, diesen Widerspruch in den traditionellen Bahnen zu bewältigen, führt zu systematischer Überforderung von Schülern, Lehrern und Eltern. Er führt dazu, dass Grundkompetenzen gegen Fachwissen ausgespielt werden.
Anglo-amerikanisches Modell
Die deutschen Pisa-Forscher lassen in ihrer 2001 veröffentlichten Auswertung des Pisa-Tests 2000 gar keinen Zweifel aufkommen, dass die Pisa-Aufgabenstellung in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften dem anglo-amerikanischen Modell allgemein verwertbarer Grundkompetenzen entspricht, von dem sich insbesondere das deutsche Modell der fachlich differenzierten Bildung deutlich unterscheidet. Typischerweise haben die deutschen Schüler beim Pisa-Test 2000 genau bei jener Mathematikaufgabe besser als der OECD-Durchschnitt abgeschnitten, die eine fachliche Nähe zu einem Teilgebiet der Mathematik, nämlich zur Euklidischen Geometrie, aufwies.
Die deutschen Schüler zeigen im Allgemeinen ihre besten Leistungen bei technischen Aufgaben, bei denen sie ihr Wissen aus dem kalkülorientierten deutschen Mathematikunterricht abrufen können. Die amerikanischen Schüler aber, die insgesamt etwa dasselbe Leistungsniveau wie die deutschen erreichen, haben ihre Stärken bei den Aufgaben bewiesen, die verallgemeinerte kognitive Kompetenzen testen. Diese Aufgaben stehen im Zentrum des Pisa-Konzepts, das sich an der Realistic Mathematics Education orientiert, die insbesondere in Großbritannien und den Vereinigten Staaten als Leitbild dient.
Im Pisa-Test: Gebrauchsanweisungen statt Literatur
Auch die Konzeption des Pisa-Lesetests 2000 ist weit von den Lehrplänen des Deutschunterrichts entfernt. Während an den deutschen Schulen ein breites Spektrum literarischer Texte behandelt wird, dominieren im Pisa-Test Sachtexte, wie Gebrauchsanweisungen, technische Beschreibungen und Zeitungsberichte.
Diskontinuierliche Texte, wie etwa Tabellen, Diagramme oder Formulare, spielen zwar kaum eine Rolle im Deutschunterricht, machten aber im Pisa-Test 38 Prozent der Aufgaben aus. Die Pisa-Forscher haben gar keine Zweifel, dass die Ausrichtung des Tests auf die Interpretation von Sachtexten einschließlich diskontinuierlicher Texte besser zu den Anforderungen des Berufslebens passt als der traditionelle, auf ein breites Spektrum literarischer Texte fokussierte Deutschunterricht.
Falsche Legitimationsgrundlage
Weder die Beschäftigungsquote junger Erwachsener noch die Innovationsrate der Industrie noch die wissenschaftliche Produktivität der an Pisa teilnehmenden Länder können diese weit über den Test hinausreichende These bestätigen. Trotzdem dient sie als Legitimationsgrundlage für eine weitreichende Umstrukturierung des Deutschunterrichts von literarischen Kenntnissen auf Grundkompetenzen des Verstehens von Sachtexten.
Wir dürfen allerdings auch als eine Schattenseite dieses literarischen Deutschunterrichts betrachten, dass die 15 Jahre alten deutschen Schüler im internationalen Vergleich zu der Gruppe gehören, die 2000 zum höchsten Prozentsatz, nämlich 42 Prozent, angaben, dass sie nicht zum Vergnügen lesen. Die Ursache dafür könnte die große Kluft sein, die sich zwischen der Lebenswelt der breiten Masse an Schülern in der Sekundarstufe und der literarischen Welt der traditionellen Schule aufgetan hat.
Fachspezifisches Wissen erst im Universitätsstudium?
Auch der naturwissenschaftliche Pisa-Test hat sich 2000 grundlegend vom Unterricht an den deutschen Schulen unterschieden. Der Test konzentrierte sich fächerübergreifend auf Grundkompetenzen des Erfassens naturwissenschaftlicher Konzepte, Prozesse und exemplarischer Anwendungsbereiche. Dagegen ist der naturwissenschaftliche Unterricht in Deutschland nach Maßgabe der Fachlehrer in die einzelnen Fächer Physik, Chemie und Biologie ausdifferenziert.
Die fächerübergreifenden Grundkompetenzen können nur implizit im Fachunterricht erworben werden. Sie werden jedoch nicht eigens gelehrt. Dagegen hat die amerikanische Bewegung der Scientific Literacy oder der Science for All dazu geführt, fächerübergreifend methodisches Vorgehen für die breite Masse der Schüler in den Vordergrund zu stellen, während man die differenzierte Aneignung von fachspezifischem Wissen dem Universitätsstudium überlassen hat.
Einschränkende Wirkung der globalen Pisa-Welt
Nachdem im Pisa-Test 2006 der naturwissenschaftliche Teil breiter ausdifferenziert worden war und auch Umweltfragen enthalten hatte, haben die deutschen Schüler auch prompt überdurchschnittlich gut abgeschnitten. Test und Lehrplan passten offensichtlich besser zueinander.
Die Vielfalt einschränkende Wirkung der globalen Pisa-Welt sollte jedoch nicht aus dem Blickfeld drängen, dass sich im unterdurchschnittlichen Abschneiden der deutschen Schüler eine Unterwerfung der deutschen Kultur des Fachwissens unter die anglo-amerikanische Fokussierung auf allgemeine Kompetenzen äußert.
Es zeigt sich auch eine Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit im deutschen Bildungssystem. Sie liegt darin, dass es das auf Differenzierung von Schulformen, Unterricht, Selektion und Fachwissen ausgerichtete Bildungssystem offensichtlich nicht leistet, dem Pisa-Maßstab genügende generelle Fertigkeiten und Fähigkeiten zu vermitteln. Außerdem bringt es ein hohes Maß der Leistungsungleichheit nach Schichtzugehörigkeit sowie zwischen Migranten und Einheimischen mit sich. Die Kultur des Förderns ist der deutschen Schule bis heute fremd geblieben.
Die ausschließliche Konzentration auf die Vermittlung von Fachwissen im Unterricht hat eine außergewöhnlich hohe Quote von zurückgestellten Kindern bei der Einschulung und von Klassenwiederholern zur Folge. Dazu kommt noch die relativ späte Einschulung nach Vollendung des sechsten Lebensjahres zum Stichtag am 30. Juni.
Falsche Vergleiche
Insgesamt haben nur 23,5 Prozent der getesteten Schüler in Deutschland schon die zehnte Klasse, nur 0,1 Prozent schon die elfte oder eine höhere Klasse besucht, während der Durchschnitt aller Länder bei 48,9 und 8,4 Prozent lag. Allein dadurch lässt sich ein größerer Teil des unterdurchschnittlichen Abschneidens der deutschen Schüler erklären.
Eine damit einhergehende Besonderheit ist das hohe Maß, in dem deutsche Schüler Förderung oder Nachhilfe außerhalb des regulären Unterrichts benötigen. Beim Pisa-Test 2000 gaben dies 36,2 Prozent an, bei einem OECD-Durchschnitt von 32,3 Prozent und Werten von nur 7,8, 9,1 und 10,7 Prozent in den im Test erfolgreicheren Ländern Schweden, Finnland und Norwegen. Die Nachhilfe durch die Eltern ist dabei nicht mitgerechnet.
Einerseits bringt Pisa eine andere Lernkultur zur globalen Vorherrschaft, als es der deutschen Tradition von klassischer Bildung und Vermittlung von Fachwissen entspricht, ohne dass man ohne weiteres die generelle Überlegenheit der neuen Lernkultur über die alte deutsche Fachbildungstradition behaupten könnte.
Andererseits sind daran die Konsequenzen einer Modernisierung zu beobachten, die den Weg der Bildungsexpansion beschritten hat, ohne etwas an dem traditionell ständischen Modell der klassischen Fachbildung zu ändern. Die Folge dieser Art der Modernisierung ist die große Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit, die Pisa offenbart.
Richard Münch lehrt Soziologie an der Universität Bamberg. Der Beitrag fußt auf einer im Februar 2009 erscheinenden Studie des Autors: Globale Eliten, lokale Autoritäten: Bildung und Wissenschaft unter dem Regime von PISA, McKinsey & Co. Frankfurt (Edition Suhrkamp, 2009).
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, F.A.Z.