Bundeswehr

Aus dem Traum gerissen

Von Berthold Kohler

Die Armee im Spiegel der Presse

Die Armee im Spiegel der Presse

Wer hätte das erwartet: Die deutsche Politik ist fähig zur Präemption, sogar in der Konfrontation mit anderen Kulturen. Aus der Empörung über die Bundeswehrsoldaten, die vor Jahren in Afghanistan mit Schädeln posierten, spricht nicht nur menschliche Erschütterung, für die Politiker schon von Berufs wegen anfällig sind. Die Bekundungen des Entsetzens wurden auch von der Sorge angetrieben, die Veröffentlichung der Fotos könnte zu viel furchtbareren Vorgängen führen als jene, die sie dokumentieren. Deswegen sollten die Bilder in Afghanistan und in der übrigen islamischen Welt nicht eintreffen ohne die am besten schon vorauseilende Botschaft, wie schrecklich und inakzeptabel man auch in Deutschland die Sache finde.

Ob das Empörungsritual in Berlin dem befürchteten Empörungsritual der Islamisten den Wind aus den Segeln nehmen kann, muß sich noch weisen. Doch zeigt die deutsche Reaktion auf die Fotos schon, wie sehr die westliche Welt sich im Kampf mit dem islamistischen Terrorismus auf Regeln eingelassen hat, die den ihren widersprechen. Auch im Westen gilt - wenn auch nicht mehr durchgehend - der obszöne Umgang mit menschlichen Gebeinen als Untat, die gegebenenfalls strafrechtlich verfolgt wird. Hierzulande leitet man aus einem solchen Vorfall jedoch gewöhnlich nicht das Recht ab, mit Brandsätzen und Bomben Vergeltung für ein solches Vorkommnis zu üben.

Eigenartiges Verhältnis

Ein Licht wirft dieser Vorgang aber auch auf das nach wie vor eigenartige Verhältnis der Deutschen zu ihrer Armee, der Bundeswehr. Nach zwei verlorenen Weltkriegen war das Volk nicht für die Wiederbewaffnung gewesen. Mit der Bundeswehr konnten sich die Deutschen in den Jahrzehnten danach aber anfreunden, weil Wehrpflicht und das Konzept des „Staatsbürgers in Uniform“ verhinderten, daß die Streitkräfte zu einem Fremdkörper im Staatswesen wurden.

Im Katastropheneinsatz, ob in Hamburg oder im Oderbruch, erwarb die Bundeswehr sich große Anerkennung. Das Militärische an ihr trat außerhalb der Kasernenmauern in den Hintergrund. Das Echo der Bestrebungen, die Truppe aus dem zivilen Leben fernzuhalten, war noch in den jüngsten Diskussionen über die Terrorismusabwehr im Inneren zu vernehmen. Vor allem aber konnte sich die große Mehrheit der Gesellschaft mit der Bundeswehr arrangieren, weil deren ganze Existenz auf einen Ernstfall ausgerichtet war, von dem alle hofften, daß er nie eintreten werde. Zum militärischen Einsatz sollte die Bundeswehr idealerweise nicht kommen.

Das änderte sich grundlegend mit der Neuordnung der Welt nach dem Ende des Ost-West-Konflikts und dem Heraufziehen der Bedrohung durch den transnationalen Terrorismus. Im Zuge der Neudefinition der außen- und sicherheitspolitischen Interessen Deutschlands wurde die Bundeswehr konsequent von einer Abschreckungsarmee zu einer Interventionsarmee umgebaut. Die deutsche Öffentlichkeit verfolgte diese schleichende Revolution nicht gerade mit Begeisterung; auf die Barrikaden, wie etwa wegen Hartz IV, ging sie deswegen aber nicht.

Die Regierungen Kohl und Schröder wollten diese ruhende Front nicht durch alarmierende Ankündigungen aufschrecken; sie hatten schon genug damit zu tun, ihre eigenen Reihen von der Notwendigkeit der neuen Einsätze in aller Welt zu überzeugen.

Am liebsten in der Samariterrolle

Auch die Bundeswehr präsentierte sich in ihren Auslandsmissionen am liebsten in der Samariterrolle, die ihr schon im Inland den meisten Beifall eingebracht hatte. Fotos und Filme von Soldaten, die Schulen, Brücken, Wasserwerke bauen, und denen dafür freundlich zugelächelt wird, gibt es zuhauf. Bilder, die Soldaten im Kampf zeigen, bekommt man so gut wie nie zu sehen.

Das alles hat die Illusion ermöglicht, die Bundeswehr werde auch in ihrer neuen Verwendung eine ausgesprochen zivile und unkriegerische Armee bleiben (können) wie zu Zeiten des nuklearen Friedens. Auch daß es der Bundeswehr durch unermüdliche Arbeit an sich selbst und gründliche Vorbereitung auf ihre Einsätze gelang, in diesen Missionen die Verluste an Soldaten gering zu halten, begünstigte die Fortschreibung dieser Wunschvorstellung.

Offenbar haben erst die Fotos aus Afghanistan so manchen Politiker aus diesem Traum gerissen. Im Krieg fallen viele der Grenzen, die im Frieden als unverletzlich gelten, die aber auch im zivilen Leben immer wieder überschritten werden. Soll die Armee jetzt doch wieder zur Schule der Nation werden?

Keine saubere Angelegenheit

Es stimmt, daß deutsche Soldaten im Ausland als Repräsentanten ihres Staates eine besondere Verantwortung tragen. Doch herrschen an den Fronten des Kampfes gegen den Terrorismus bei jenen, die täglich ihren Kopf riskieren, um einen politischen Auftrag zu erfüllen, andere Sitten als an den grünen Tischen ihrer Auftraggeber. Bei allem Bemühen läßt sich die vergleichsweise heile Welt des deutschen Kasernenhofs nicht eins zu eins auf die Schlachtfelder des 21. Jahrhunderts übertragen. Und Schlachtfelder sind es, auch wenn dort nicht mehr Panzerdivisionen gegeneinander anrennen.

Die deutsche Politik hat mit dem Widerspruch zu kämpfen, daß für sie der Krieg kein Mittel der Politik mehr ist, sie aber Soldaten aus politischen Motiven heraus in Kriege schickt. An dem Versuch, den Krieg dann wenigstens so zu zähmen und zu zivilisieren, daß seine Entgrenzungen erträglich werden, sind vor den Deutschen aber auch schon andere Nationen gescheitert. Angesichts des nach wie vor gebrochenen Verhältnisses zum Militärischen ist es gleichwohl verwunderlich, wie sehr man hierzulande an der Vorstellung festhalten will, ein Krieg könne, so nur die Soldaten tadellos ausgebildet würden, eine saubere Angelegenheit sein.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: dpa

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