Von Henrike Roßbach
05. April 2008 Es war ihr größter Coup. Als am 1. Januar 2007 das Elterngeld eingeführt wurde, hatte Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) es geschafft. Sie hatte der deutschen Familienpolitik eine neue Richtung gegeben. Plötzlich standen gut verdienende, gut ausgebildete Frauen im Mittelpunkt der Familienförderung. Frauen, die Mütter sein wollen, aber trotzdem berufstätig. Diese Frauen, so wollte es die Ministerin, sollten nicht länger auf Kinder verzichten – aus Furcht vor dem finanziellen Loch, in das sie fallen, wenn sie eine Zeitlang aus ihren guten Jobs aussteigen. Eine bessere Vereinbarung von Beruf und Familie war von der Leyens Ziel, und das Elterngeld sollte ein erster Schritt dorthin sein. Der Trick an dieser Förderung: Es gibt relativ viel Geld für eine relativ kurze Zeit. Das erhöht den Anreiz, auch als Besserverdienerin eine Babypause einzulegen – die dann aber nicht so lang ausfällt, als dass die Mutter den Anschluss im Job verpasst.
Das Elterngeld löste für alle Eltern, deren Kinder nach dem 31. Dezember 2006 geboren wurden, das Erziehungsgeld ab. Letzteres wurde in der Regel zwei Jahre lang gezahlt und betrug 300 Euro im Monat. Paare mit einem hohen Einkommen hatten allerdings keinen Anspruch darauf. Vor der Einführung des Elterngeldes folgten die meisten deshalb dem klassischen Muster: Derjenige, der weniger verdiente, meist die Frau, stieg aus dem Beruf aus, häufig für zwei bis drei Jahre. Der andere ging arbeiten. Nur wenige Väter nahmen Elternzeit. Das Elterngeld verfolgt dagegen den Ansatz, dem betreuenden Elternteil das wegfallende Einkommen zum Teil zu ersetzen. Es werden 67 Prozent des letzten Nettoeinkommens gezahlt, gedeckelt durch eine Obergrenze von 1800 Euro im Monat. Wer nicht erwerbstätig ist, bekommt den Mindestsatz von 300 Euro. Ein Teilzeitjob von bis zu 30 Stunden in der Woche ist während des Elterngeldbezugs möglich. 14 Monate lang gibt es Elterngeld, wobei ein Elternteil maximal 12 Monate beantragen kann. Die anderen zwei sind für den Partner reserviert. So sollen auch die Väter für eine familienbedingte Auszeit gewonnen werden.
Anfangs von den Konservativen verhöhnt
Als diese Idee auftauchte, verhöhnten einige Konservative sie als Wickelvolontariat“. Nach einem Jahr zeigt die Statistik aber, dass wesentlich mehr Männer volontieren wollen als zuvor. Im vergangenen Jahr wurden 571 411 Elterngeld-Anträge bewilligt, 60 012 kamen von Vätern. Das entspricht einem Anteil von 10,5 Prozent. Erziehungsgeld wurde dagegen nur zu etwa 3,3 Prozent von Vätern beantragt. Das Elterngeld bleibt ein Renner“, sagte die Familienministerin, als die Jahreszahlen veröffentlicht wurden. Sie rechne mit einem weiter steigenden Väteranteil. Schon im Verlauf des ersten Jahres war das der Fall gewesen. In den ersten drei Monaten betrug der Anteil knapp 7 Prozent, im dritten Quartal 11 und im Schlussquartal schließlich 12,4 Prozent. Väter, so die Interpretation der Statistiker, nehmen ihren Teil der Elternzeit oft nicht direkt nach der Geburt des Kindes, sondern erst später.
Thomas Rauschenbach, Direktor des Deutschen Jugendinstituts (DJI), warnt aber vor der Einschätzung, dass die Ära der aktiven Väter angebrochen sei. Dass 10 Prozent der Anträge von Männern kämen, bedeute nicht, dass es plötzlich 10 Prozent aktive Väter gebe. Rauschenbach verweist darauf, dass etwa 60 Prozent der Elterngeld-Väter genau die zwei Monate zu Hause bleiben, die notwendig sind, um den vollen Förderzeitraum von 14 Monaten auszuschöpfen, während nur 18 Prozent ihr Kind zwölf Monate lang betreuen. Bei den Frauen ist es genau andersherum: Von 511.399 Müttern, die 2007 Elterngeld bewilligt bekamen, planten 87 Prozent, ein ganzes Jahr zu Hause zu bleiben. Weniger als 1 Prozent wollte eine Auszeit von nur zwei Monaten.
Niedrigschwelliger Mitnahmeeffekt
Wenn es so wäre, dass Väter sich mit diesen zwei Monaten freikaufen, wäre das ein fatales Signal“, sagt Rauschenbach. Die Gruppe mit einem wirklichen Vatermotiv sei klein. Dass Väter sich verstärkt in das Familienleben einbringen, sei kein historischer Selbstläufer“, so der Erziehungswissenschaftler, der bei den Vätermonaten von einem niedrigschwelligen Mitnahmeeffekt spricht. Abschließend lassen sich die Zahlen noch nicht beurteilen, weil viele Väter, deren Kinder im vergangenen Jahr auf die Welt kamen, auch jetzt noch Elterngeld beantragen können. Eines aber zeichnet sich bereits ab: Je höher die Verdienste der Männer, desto geringer die Zahl der Monate, die sie zu Hause bleiben. Knapp 30 Prozent der Männer, die nur den Mindestbetrag von 300 Euro bekommen, bleiben volle 12 Monate daheim. In der Gruppe der Gutverdiener, die den Höchstbetrag erhalten, tun das dagegen nur knapp 13 Prozent. Bei den Frauen ist die Tendenz ähnlich, wenn auch weniger stark ausgeprägt.
Rauschenbach ist auch skeptisch, ob die Gruppe, auf die das Elterngeld vor allem abzielt – die erfolgreichen Akademikerinnen –, nun mehr Lust auf Kinder hat. Weniger als 2 Prozent der Elterngeld-Empfängerinnen bekommen den Höchstbetrag, ein Drittel dagegen den Mindestbetrag für nicht erwerbstätige Eltern. Fast 90 Prozent der Frauen erhalten weniger als 1000 Euro Elterngeld, bei den Männern sind es etwas mehr als die Hälfte. Danach, dass die Elite nun bereitwillig Chefetage gegen Kinderzimmer tauscht, sieht das noch nicht aus. Insgesamt hält Rauschenbach das Elterngeld aber für einen richtigen Schritt. Für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie sei nun aber noch der Ausbau von Betreuungsmöglichkeiten für unter Dreijährige nötig. Es kann sein, dass wir die positive demographische Wirkung erst sehen, wenn die Betreuungskette geschlossen ist“, sagt er.
Veränderung, die Männer als Väter erfasst
Etwas optimistischer, zumindest was die Entwicklung bei den Vätern angeht, ist der Väterforscher Wassilios Fthenakis aus München. Die neuen Väter möchten unbedingt Familie und Beruf vereinbaren“, sagt er. Zwei Drittel der Männer wollten heute eine engagierte, soziale Vaterschaft, sagt Fthenakis und verweist auf entsprechende Untersuchungen. Dieses Phänomen gebe es sowohl unter noch kinderlosen Männern und werdenden Vätern als auch unter Vätern von kleinen Kindern oder Teenagern. Es ist eine gesellschaftliche Veränderung, die Männer als Väter erfasst“, sagt Fthenakis. Zu beobachten sei diese Entwicklung seit Ende der neunziger Jahre. Das Elterngeld habe nun die Rahmenbedingungen verändert, und diese veränderten Bedingungen kämen den neuen Vätern“ entgegen, glaubt der in Griechenland geborene Pädagoge und Psychologe.
Dass nach wie vor wesentlich weniger Männer als Frauen eine längere berufliche Auszeit nehmen, liege daran, dass Familien rational ökonomisch entschieden. Noch immer gehe eben der Besserverdienende arbeiten. Noch wichtiger als das Geld sei aber die Arbeitswelt der Männer, die Einstellung des Chefs und der Stress, dem Väter in ihrem Beruf ausgesetzt sind. Männer, die im Büro sehr unter Druck stünden, beteiligten sich weniger aktiv am Familienleben. Die gesamte Gesellschaft muss Väter genauso wichtig nehmen wie Mütter.“ Trotz Elterngeld werde sich an der Rolle der Väter erst dann wirklich etwas ändern, wenn sich die Arbeitsbedingungen wandeln.
Für Axel Plünnecke, Bildungsökonom am Kölner Institut der deutschen Wirtschaft, ist das Elterngeld Ausdruck einer modernen Familienpolitik. Es ist ein Schritt in die richtige Richtung im Sinne einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie“, sagt er. Erstmals werde die Einkommensdelle nach der Geburt eines Kindes berücksichtigt und nicht nur die gestiegenen Lebenshaltungskosten. In Kombination mit einer besseren Kleinkindbetreuung ziele das Elterngeld darauf ab, dass Mütter nach einem Jahr Erwerbsunterbrechung an ihren Arbeitsplatz zurückkehren. Dieses Modell verbessere die Einkommensperspektiven der Frauen, so der Ökonom. Denn die Lohndifferenz zwischen Männern und Frauen hänge sehr stark davon ab, wie lange eine Frau nach der Geburt zu Hause bleibe: Wenn Frauen ihre Erwerbstätigkeit nur ein Jahr unterbrechen, ist die Lohnlücke zu den Männern 7 Prozent kleiner.“ Nach Meinung Plünneckes haben Frauen durch das Elterngeld-Modell auch einen stärkeren Anreiz, in gut bezahlte Branchen einzusteigen, in denen eine lange Auszeit kaum denkbar wäre. Vor dem Hintergrund des wachsenden Fachkräftemangels sei es zudem im Interesse der Wirtschaft, wenn die mindestens genauso gut ausgebildeten Frauen“ dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, sagt Plünnecke. Und: Erwerbstätigkeit der Eltern sei der Schlüssel gegen Kinderarmut.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Cyprian Koscielniak