Von Dr. Stefan Luft
14. Februar 2008 Assimilation, Integration, Identität - das sind drei Schlüsselbegriffe in der aktuellen Debatte. Konsens herrscht zumindest so weit, dass die Integration von Einwanderern als im allgemeinen gesellschaftlichen Interesse liegend betrachtet wird. Assimilation hingegen wird meist mit dem negativen Vorzeichen des Zwangs versehen und abgelehnt. Auch die Frage, welche Rolle Identität im Migrations- und Integrationsprozess spielt, ist umstritten.
Im Aufenthaltsgesetz heißt es, Integrationskurse sollten die Ausländer an die Sprache, die Rechtsordnung, die Kultur und die Geschichte in Deutschland heranführen. Ausländer sollen dadurch mit den Lebensverhältnissen im Bundesgebiet so weit vertraut werden, dass sie ohne die Hilfe oder Vermittlung Dritter in allen Angelegenheiten des täglichen Lebens selbständig handeln können (Paragraph 43 Abssatz 2).
Teilhabe für alle
Das Ziel von Integrationspolitik muss darin bestehen, allen dauerhaft und rechtmäßig in Deutschland lebenden Personen - unabhängig von Herkunft und Religion - gleiche Teilhabechancen zu ermöglichen. Einerseits muss also der aufnehmende Staat Integrationsbedingungen bieten, andererseits muss sich der Einwanderer um Eingliederung aktiv bemühen.
Integration in die Aufnahmegesellschaft ist die Voraussetzung selbstbestimmten Handelns. Das gilt nicht nur für den Alltag, der ohne fremde Hilfe bewältigt werden soll. Es gilt darüber hinaus für die Entscheidungsfreiheit, sich den mitgebrachten kulturellen Zusammenhängen gegenüber zu verhalten: mehr oder weniger bewahrend, mehr oder weniger distanzierend.
Bedingung einer erfolgreichen Integration ist ein gewisses Maß an Assimilation (Angleichung von lateinisch similis - ähnlich). Zu Unrecht wird sie in der politischen Integrationsdebatte nahezu automatisch mit negativem Vorzeichen versehen oder mit Zwang oder Zwangsgermanisierung gleichgesetzt. Dabei bleibt außer Acht, dass eine Angleichung von Einwanderern unumgänglich ist für eine erfolgreiche Integration. Dazu gehört in erster Linie die Sprache, aber auch eine Reihe von über die Bildungseinrichtungen vermittelten Fertigkeiten.
Assimilation bedeutet Anpassung
In diesem Sinne bedeutet Assimilation tatsächlich in gewissem Maße Anpassung an die Aufnahmegesellschaft. Der Soziologe Hartmut Esser unterscheidet zwischen kultureller Assimilation (Wissen, Fertigkeiten, Sprache); struktureller Assimilation (Besetzung von Positionen in Funktionsbereichen wie dem Bildungssystem oder dem Arbeitsmarkt), sozialer Assimilation (Angleichung in den Beziehungsmustern, wie im Heiratsverhalten) und die emotionale Assimilation (die gefühlsmäßige Identifikation mit der Aufnahmegesellschaft).
Die Formel Integration ist keine Einbahnstraße, mit der ein Sich-aufeinander-Zubewegen der Aufnahmegesellschaft und der Einwanderergruppen im Integrationsprozess ausgedrückt werden soll, verdeckt diese grundlegende Notwendigkeit der Anpassung. Dies bedeutet nicht, dass Zuwanderer jede herkunftsbedingte Identität aufgeben müssten. Die Zugehörigkeit zu ethnischen Gruppen soll allerdings auf mittlere Sicht ihre Bedeutung verlieren, da ein dauerhaftes Bestehen ethnischer Gruppen erfahrungsgemäß mit sozialen Schichtungen in der Aufnahmegesellschaft einhergeht.
Was kann von einem Zuwanderer, der sich in Deutschland einbürgern lassen will, außer Rechtstreue verlangt werden? Auf welche gesellschaftlichen Werte können sich beispielsweise progressive Linksliberale und konservative Katholiken, sich entblößende Teilnehmer der love-parade in Berlin und fromme Lieder singende Teilnehmer der Fronleichnamsprozession in München noch verständigen?
Das fängt beim Schutz des ungeborenen Lebens an und hört bei der Homosexuellen-Ehe nicht auf. Hier bestehen jeweils fundamentale Differenzen über gesellschaftliche Leitbilder und grundlegende Rechtsgüter. Einigkeit muss nur darin bestehen, dass die jeweiligen Gesetze in ihrer Eigenschaft als Gesetz zu respektieren sind, auch wenn sie inhaltlich kritisiert und bei vorhandenen Mehrheiten wieder geändert werden können.
Gewaltmonopol des Staates anerkennen
Rechtstreue bedeutet, das Gewaltmonopol des Staates anzuerkennen und ist damit eine Absage an jede Form der Selbstjustiz. Die darf es im modernen Rechtsstaat nicht geben. Das gilt auch dann, wenn eine Handlung nach religiösem Verständnis als Verbrechen betrachtet wird (wie die Satanischen Verse von Salman Rushdie oder der Film Submission von van Gogh). Ohne die Bereitschaft, Rechtsnormen des Aufnahmelandes zu befolgen, können moderne Gesellschaften keinen Bestand haben.
In jeder Kultur gibt es sich im Laufe der Zeit verändernde Rechtsnormen, die von den Bewohnern verinnerlicht wurden und im Konflikt stehen können mit der Rechtskultur des Aufnahmelandes. Das gilt beispielsweise bei den Kurden für die Einbindung in Stammes- und Verwandtschaftsbeziehungen oder feudale Strukturen. Daraus ergeben sich Rechtsvorstellungen, die mit den gegenwärtigen in westeuropäischen Ländern wenig gemein haben (Familien- und Eherecht, Blutrache, Sippenhaft und Ehrvorstellungen). Hier muss von Zuwanderern zwingend ein erhebliches Maß an Anpassungsbereitschaft erwartet werden. Ziel von Integrationspolitik muss es sein, dass Einwanderer trotz anderer Sozialisation die deutschen Rechtsnormen befolgen.
Das Pochen auf die Bewahrung kultureller, religiöser, ethnischer oder nationaler Identität dient meistens der Durchsetzung politischer Interessen. Das gilt auch für die türkischen und vor allem muslimischen Wortführer in Deutschland, die sich immer wieder wie Identitätswächter (Johannes Kandel) verhalten, Feindbilder pflegen und damit die Abgrenzung ihrer Klientel als Gruppe verfestigen. Verhielten sie sich als Integrationslotsen, liefen sie Gefahr, sich damit auf Dauer überflüssig zu machen.
Bewahrung der Herkunftsidentität
In den siebziger und achtziger Jahren beherrschte in der Bundesrepublik der Topos der Bewahrung der Herkunftsidentität der Ausländer die öffentliche Debatte. Die einen - eher konservativen Kräfte, wie Repräsentanten der bayerischen CSU - forderten dies, weil sie die Rückkehrfähigkeit und Rückkehrwilligkeit der ausländischen Arbeitnehmer und ihrer Nachkommen erhalten wissen wollten und deshalb Integrationsforderungen wie dem Erwerb der deutschen Sprache bei Kindern zurückhaltend gegenüberstanden.
Die anderen - eher progressiven Kräfte - denunzierten Integrationsforderungen als Versuch der Germanisierung. In der multikulturellen Gesellschaft sollten gleichberechtigte Kulturen in einem gesellschaftlichen Nebeneinander existieren, Anpassungserwartungen hatten hier keinen Platz.
In der Vorstellung von einer multikulturellen Stadt werden noch heute fremde Identitäten romantisierend verklärt. Unberücksichtigt bleibt dabei, dass sich Identitäten, besonders im Rahmen von Wanderungsprozessen, zwangsläufig mit der Zeit wandeln - so wie sich deutsche Identität innerhalb der vergangenen 100 Jahre grundlegend verändert hat.
In der sozialen Wirklichkeit vieler Großstädte besteht allerdings für viele Jugendliche in den ethnischen Kolonien nicht das Problem darin, dass sie ihre kulturelle Identität nicht ausreichend entwickeln könnten, sondern dass sie sich nicht in Bildungssystem und Arbeitsmarkt der Aufnahmegesellschaft integrieren (können).
Perspektivlosigkeit ist das Problem
Diese dauerhafte Perspektivlosigkeit ist das Problem. Wer sich erfolgreich in eine moderne Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft integrieren will, muss erhebliche Anpassungsleistungen erbringen und kommt nicht darum herum, seine Herkunftsidentität in wesentlichen Teilen abzulegen: Dazu gehören unverzichtbar das Erlernen der Sprache des Aufnahmelandes, die Akzeptanz der Rechtskultur des Aufnahmelandes, des staatlichen Gewaltmonopols, der Rechtsnormen, auch wenn sie den Ehrvorstellungen der Herkunftsregion widersprechen. Daran wurde zu lange vorbeigeredet.
Dr. Stefan Luft lehrt Politikwissenschaft an der Universität Bremen
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa