Vor 20 Jahren

„Als Deutscher unter Deutschen“

Von Rainer Blasius

Vor zwanzig Jahren empfängt Helmut Kohl Erich Honecker in Bonn

Vor zwanzig Jahren empfängt Helmut Kohl Erich Honecker in Bonn

07. September 2007 Die „Spalterfahne“ war gehisst, die „Spalterhymne“ erklang - zu Ehren Erich Honeckers, des DDR-Staatsratsvorsitzenden und SED-Parteichefs, der sich vom 7. September 1987 an für fünf Tage „zu einem offiziellen Besuch“ in der Bundesrepublik aufhielt. Was in der Adenauer-Ära als Verrat am Alleinvertretungsanspruch und am Ziel der Wiedervereinigung gegolten hätte, dann trotz einschneidender Veränderungen wie dem Grundlagenvertrag von 1972 und der Aufnahme beider deutscher Staaten in die Vereinten Nationen seltsam verdeckt geblieben war, stand vor dem augenfälligen Praxistest. Der zog immerhin 2400 Journalisten an den Rhein.

Im Mercedes 600 war der Generalsekretär des Zentralkomitees der SED und Vorsitzende des Staatsrates der DDR vom Kölner Flughafen abgeholt worden. Um halb elf traf der Fahrzeugkonvoi am Bundeskanzleramt ein. Bundeskanzler Helmut Kohl trat auf den trotz erhöhter Schuhabsätze noch einen Kopf kleineren Honecker zu und reichte ihm die Hand. Danach ertönte zum ersten Male vor dem Kanzleramt das Lied „Auferstanden aus Ruinen“, die Hymne der DDR, anschließend „Einigkeit und Recht und Freiheit“, die Hymne der Gastgeber - ohne Gesang. „Ist das Protokoll nicht gnädig, dass es die Deutschen, die hier versammelt sind, der Verpflichtung enthebt, bei dieser Demonstration ihrer Teilung auch noch ein Lippenbekenntnis zur Einheit abzulegen und die Bitternis der Selbstverhöhnung zu ertragen?“ Dies fragte ein F.A.Z.-Korrespondent.

„Ideologische Differenzen“

Erich Honecker im Saarland: „Fühle Se sich wie dehemm“

Erich Honecker im Saarland: „Fühle Se sich wie dehemm"

Nach dem ersten Gespräch der Delegationen begab sich Honecker in die Villa Hammerschmidt, den Dienstsitz des Bundespräsidenten. Darauf hatte die DDR bestanden, obwohl es sich bei der Visite gerade nicht um einen Staats-, sondern nur um einen Arbeitsbesuch handelte - ein Unterschied für protokollarisch Geschulte. So war zum Beispiel Honeckers Limousine nur von sieben beziehungsweise neun statt der üblichen vierzehn Polizisten auf Motorrädern eskortiert worden. Und der Bundespräsident verzichtete auf militärisches Gepränge, das Staatsgästen zusteht.

Laut Ost-Berliner Niederschrift über das „Gespräch unter vier Augen“ begrüßte Richard von Weizsäcker nun Honecker „als Deutschen unter Deutschen im Sinne einer Geschichte, unter der E. Honecker als Deutscher gelitten habe. Bei seinem Besuch des Gropius-Baus in Berlin (West) habe er in einer dortigen Ausstellung“ über den Widerstand gegen das NS-Regime „Bilder aus E. Honeckers grausamster Lehrzeit gesehen“.

Der Staatsratsvorsitzende lobte die „Politik des Dialogs“ seit dem Grundlagenvertrag: „Auch verwies er auf die Handhabung des Grenzregimes. Er sprach sich für offizielle Beziehungen zwischen der Volkskammer der DDR und dem Bundestag der BRD aus, wozu R. v. Weizsäcker bemerkte, hier seien ideologische Differenzen über die Wahl der Volksvertreter ins Parlament weniger das Problem als ideologische Differenzen in der jeweiligen Exekutive.“

„Einzigartige Entgleisung“

Die Formulierung vom „Deutschen unter Deutschen“ fand sich in der Ansprache Weizsäckers beim Mittagessen wieder. Im Rückblick stellte er 1997 zu dieser Begegnung fest: „Keiner von uns“ habe für die überschaubare Zukunft eine Chance zur staatlichen Wiedervereinigung gesehen; selbst der Kanzler von 1969 bis 1974 und jahrzehntelange SPD-Vorsitzende Willy Brandt „hatte sie als ,Lebenslüge' bezeichnet, Kohl stellte später fest, dass sie noch nicht auf der Tagesordnung der allgemeinen Ost-West-Politik stehe“.

Kohl erwähnte den kleinen Seitenhieb Weizsäckers auf die Kanzler-Rede vom 7. September 1987 in seinen 2005 erschienenen „Erinnerungen“ nicht. Stattdessen hielt er auf Grund der Aufzeichnungen „von der DDR-Seite“ dem früheren Präsidenten vor, „keine Frage zum Verhältnis zwischen Staat und Kirche oder zum Schießbefehl der Grenztruppen“ gestellt zu haben. Dessen Bemerkungen zum „Bonner Verzicht auf Beziehungen zwischen Bundestag und Volkskammer“ wertete Kohl als ein „klares Zugeständnis an Forderungen der SED“ und weiter Teile der westdeutschen SPD. Damit sei Weizsäcker „unserer Politik geradezu in den Rücken“ gefallen, ja, es habe sich um „eine einzigartige Entgleisung“ gehandelt.

Ostblockübliche Floskeln

Wie verhielt sich Kohl, der spätere „Kanzler der Einheit“, gegenüber dem „Antifaschisten“ Honecker, der im „Dritten Reich“ als KPD-Funktionär zehn Jahre im Zuchthaus verbracht hatte? Kohls große Stunde schlug am Abend des 7. September 1987 in der Godesberger „Redoute“. Seine Rede und Honeckers Antwort wurden auf Kohls Verlangen hin „live“ im Fernsehen in beiden Teilen Deutschlands übertragen. Vor Millionen Zuschauern holte der Kanzler inhaltlich zurück, was er am Vormittag protokollarisch auf dem deutschlandpolitischen Terrain nachgegeben hatte: „Wir achten die bestehenden Grenzen, doch die Teilung wollen wir überwinden: auf dem Weg friedlicher Verständigung und in Freiheit. Die deutsche Frage bleibt offen, doch ihre Lösung steht derzeit nicht auf der Tagesordnung der Weltgeschichte, und wir werden dazu auch das Einverständnis unserer Nachbarn brauchen . . . Die Menschen in Deutschland leiden unter der Trennung. Sie leiden an einer Mauer, die ihnen buchstäblich im Wege steht und die sie abstößt.“

Unmissverständlich forderte er, es müssten an der innerdeutschen Grenze „Waffen auf Dauer zum Schweigen gebracht werden. Gerade Gewalt, die den Wehrlosen trifft, schädigt den Frieden.“ Honecker hörte mit versteinerter Miene zu. In seiner Antwort drosch er die ostblocküblichen Friedens-, Abrüstungs- und Kooperationsfloskeln, denen er wohl aus dem Stegreif hinzufügte, dass sich Sozialismus und Kapitalismus ebensowenig vereinigen ließen „wie Feuer und Wasser“.

Ein lapsus linguae?

Noch spontaner äußerte sich der SED-Chef im Saarland, wo ihn SPD-Ministerpräsident Lafontaine einstimmte: „Fühle Se sich wie dehemm.“ Darauf echote der Gast: „Wie dehemm.“ In seinem Geburtsort Neunkirchen meinte der sichtlich gerührte Honecker, allen sei doch bekannt, dass die zwei deutschen Staaten in zwei Blöcke eingebunden seien und „dass die Grenzen nicht so sind, wie sie sein sollten, ist nur allzu verständlich“.

Wenn man die friedliche Zusammenarbeit fortsetze, werde indes „der Tag kommen, an dem Grenzen uns nicht trennen, sondern Grenzen uns vereinen, so wie uns die Grenze zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und der Volksrepublik Polen vereint“. Dass er das Verb „vereinen“ brauchte, wurde als Sensation gewertet, obwohl - wie der Historiker Andreas Wirsching formulierte - „unklar blieb, wie Honecker was genau gemeint hatte oder ob es sich möglicherweise um einen lapsus linguae handelte“.

„Ausreiseerlaubnis für Honecker“

Honeckers Besuch war der vierte und letzte deutsch-deutsche Gipfel vor dem Fall der Mauer. 1970 hatten sich Brandt und DDR-Ministerpräsident Willi Stoph in Erfurt und in Kassel getroffen, Brandt-Nachfolger Helmut Schmidt (SPD) war Ende 1981 mit Honecker in der Schorfheide zusammengekommen und hatte ihn zum Gegenbesuch eingeladen. Daran fühlte sich der CDU-Politiker Kohl nach dem Regierungswechsel 1982 gebunden, wenn auch das verschärfte Ost-West-Klima einem Termin zunächst im Wege stand.

Als Mitte Juli 1987 die Ankündigung erfolgte - die „taz“ titelte : „Ausreiseerlaubnis für Honecker“ -, bezeichnete der ehemalige Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski (SPD) den Besuch als „eine gewisse Form der Anerkennung“. Tatsächlich wurde der Empfang im Land des „Klassenfeindes“ wenn auch nicht als völkerrechtliche, so doch als politische Anerkennung der DDR durch die Bundesrepublik angesehen.

Die Besiegelung der Zweistaatlichkeit, so trösteten sich Kritiker des „Honecker-Triumphes“, ließe sich durch den zähen Willen zur Einheit der Nation wieder brechen. Dieser war beim eingemauerten und unterjochten Teil der Deutschen viel stärker vorhanden, als es sich der freie Teil überhaupt vorstellen konnte und wollte.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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