Horst Seehofer

Anekdoten statt Akten

Von Albert Schäffer, Straubing

Seehofer sieht seiner Wahl optimistisch entgegen

Seehofer sieht seiner Wahl optimistisch entgegen

10. September 2007 „Er war so außerordentlich natürlich, dass man nie wusste, wie seine Natur war oder was als Nächstes kam“, schrieb der amerikanische Philosoph George Santayana über einen Zeitgenossen. Spätere Biographen Horst Seehofers mögen einmal dieses Zitat verwenden, wenn sie die unterschiedlichen Bilder Horst Seehofers übereinanderzuschieben versuchen.

Seehofer gilt als politisches Naturtalent, der in widerstreitenden Rollen brilliert - als Einzelgänger, der sich kollektiver Unvernunft, sprich der Fraktionsdisziplin, entzieht; als Instinktpolitiker, dem die Osmose mit seinem Publikum scheinbar mühelos gelingt; als Taktiker, der sich dem Zugriff des Boulevards auf sein bewegtes Privatleben verweigert und ihm gleichzeitig nachgibt. Die Konturen seiner politischen Persönlichkeit treten oft messerscharf hervor und verschwimmen im gleichen Augenblick: eine Momentaufnahme aus Straubing, einer seiner vielen Stationen zum CSU-Parteitag, auf dem er Ende September an die Spitze seiner Partei gewählt werden will.

Begegnung mit „D'Blechteifeln“

Einzelgänger, Instinktpolitiker und Taktiker in einem

Einzelgänger, Instinktpolitiker und Taktiker in einem

Es ist ein verregneter Abend, als Seehofer in der niederbayerischen Herzogstadt eintrifft - und wieder einmal blitzschnell die Situation erfasst, als er im Hof eines Weinlokals im Ortsteil Alburg aus dem Auto steigt. Nach dem Begrüßungsständchen geht er auf die Musiker der Kapelle „D'Blechteifeln“ zu und fragt, wie sie denn ohne Dirigent zurechtkämen. „Des wissen mir schon“, lautet die selbstbewusste Antwort, die Seehofer mit einem Lachen quittiert.

Für die Journalisten und Kameraleute hat sich damit das Warten auf Seehofer schon gelohnt; schließlich wird er als Schutzpatron der Individualisten in der CSU betrachtet.

Freundlicher Empfang im Huberland

Straubing ist nicht der erste Auftritt Seehofers in Niederbayern, die medial als Vorstöße ins Feindesland, ins Huberland, gerühmt werden; Erwin Huber, Seehofers großer Konkurrent, ist Vorsitzender des niederbayerischen CSU-Bezirks. Doch so schön militärische Metaphern für die Beschreibungen politischer Winkelzüge sind - einen Panzer für seine politische Seele braucht Seehofer auch an diesem Abend nicht, an dem das sechzigjährige Bestehen des CSU-Ortsverbands Alburg gefeiert wird.

Alburg ist ein einstiges Bauerndorf, das 1972 nach Straubing eingemeindet wurde. Bei der Begrüßung lässt der Bundestagsabgeordnete Ernst Hinsken wissen, dass es ihn freuen werde, wenn Seehofers Mitbewerber Huber zum Parteivorsitzenden gewählt werde. Der Empfang für Seehofer fällt dennoch freundlich aus; auch die niederbayerischen CSU-Politiker wissen, dass ihre Partei nicht allzu viele Begabungen wie den 58 Jahre alten Mann aus Ingolstadt hat.

Auf du und du mit den Landwirten

Auch an diesem Abend findet Seehofer sofort seinen Einsatz, ohne eines Dirigenten zu bedürfen - zunächst im Gespräch mit Landwirten. Der Versuchung, ihren vielfältigen Erwartungen - bei der Besteuerung von Biodiesel, bei der Reform der Erbschaftsteuer, bei der berufsgenossenschaftlichen Absicherung - ein pauschales „Dafür werde ich sorgen!“ entgegenzusetzen, erliegt Seehofer nicht - dafür ist er zu lange im Geschäft.

Erwin Huber wird sogar vom Kontrahenten zum Favoriten erklärt

Erwin Huber wird sogar vom Kontrahenten zum Favoriten erklärt

Seine Antworten enthalten jene feinen Nuancen, die sich im Notfall als Fluchttür erweisen können. Die Pose des Politikgewaltigen, der den Straubingern erklärt, wie die Welt funktioniert - „Sie können in Europa nur etwas erreichen, wenn Sie Verbündete haben“ -, strapaziert er nicht über Gebühr. Würde nach dem Gespräch abgestimmt, wer der nächste CSU-Vorsitzende werden soll, wäre es nicht ausgeschlossen, dass eine Mehrheit der Anwesenden einfach vergäße, dass mit Huber ein Niederbayer antritt.

Mit Glück zum Parteivorsitz

Doch gewählt wird auf dem Parteitag - und zur Grundausrüstung vieler CSU-Parteifunktionäre für die Beantwortung lästiger Journalistenfragen gehört seit Wochen, dass der Ausgang der Entscheidung sich eindeutig abzeichne, mit einer Mehrheit für Huber. Nicht nur Seehofers ungeschicktes Agieren in seinen privaten Turbulenzen - „Ich bin gut informiert. Ich weiß viel. Ich habe viel Material“ - wird ins Feld geführt; auch Hubers Vernetzung mit kleinen und großen Parteifürsten wird Gewicht beigemessen.

Seehofer hat auf diese Einschätzung, die sich in der medialen Darstellung verfestigt hat, gewohnt professionell reagiert - und Huber zum Favoriten erklärt. Wenn er bei der Vorsitzendenwahl Glück habe, bleibe er Bundeslandwirtschaftsminister, sagt er in Straubing; wenn er kein Glück habe, bleibe er es auch. Es gebe Schlimmeres, als sich einer Wahl zu stellen.

Zwischen Brezn und Weinkrügen

Es gibt auch Schlimmeres, als beim Einzug in eine Parteiveranstaltung mit dem Bayerischen Defiliermarsch begrüßt zu werden, den „D'Blechteifeln“ anstimmen, als Seehofer den Alburger Weinstadel, eine große Halle, betritt, wo rund dreihundert Zuhörer auf ihn warten. Ein Abend, an dem sich das Publikum zwischen einem Eishockeyspiel und der Parteiveranstaltung hatte entscheiden müssen, mit gut gefüllten Weinkrügen und großen reschen Brezn - ein Politiker mit situativer Intelligenz wie Seehofer braucht da nicht den sanften Anstoß eines Aktenvermerks, dass ein Grundsatzreferat zur Geschichte der deutschen Volksparteien unter besonderer Berücksichtigung der CSU großräumig zu umfahren ist.

Sondern dass es ruhig die eine oder andere Anekdote mehr sein darf: etwa wie er beim Eintritt in die CSU 1971 gefragt worden sei, ob er denn ein Haus besäße - als ob in einer Volkspartei nicht jeder seinen Platz habe, vom Chefarzt bis zum Fernfahrer. Und weil vielleicht nicht jeder im Weinstadel die Botschaft verstanden hat, schiebt Seehofer gleich eine zweite Begebenheit aus seinen politischen Anfangsjahren nach, nämlich wie ein älterer Parteifreund in Ingolstadt jovial bedeutet habe, er müsse nicht immer mit „Herr Amtsgerichtsdirektor Doktor . . .“ angesprochen werden, ein einfaches „Herr Doktor . . .“ genüge.

„Soviel hättst auch net sagen müssen“

Nicht, dass Seehofer sich im Geschichtenerzählen erschöpft; selbstverständlich können die Zuhörer auch abstrahierende Schlussfolgerungen mit nach Hause nehmen - etwa dass die CSU mehr als eine Partei sei, nämlich eine Volksbewegung, die auch gut beraten sei, sich nicht einseitig auf einen sozial- oder wirtschaftspolitischen Kurs zu beschränken. Doch Seehofer achtet darauf, dass niemand den Heimweg mit allzu schwerem Gepäck antreten muss.

Lieber erläutert er die Frage der Spannungen zwischen den Generationen in einer Partei mit einer seiner liebsten Anekdoten: der Schilderung, wie der CSU-Vorsitzende Waigel ihn einmal in eine Koalitionsrunde mitgenommen habe. Auf dem Weg ins Bonner Kanzleramt habe ihn Waigel ermuntert: „Darfst ruhig auch was sagen“. Auf dem Rückweg habe der ihm dann bedeutet: „Soviel hättst auch net sagen müssen.“

In der Tradition von Strauß und Stoiber

Auch nach dem zweiten oder dritten Schoppen Wein kann niemand überhören, in welcher Kontinuität sich Seehofer sieht: Strauß, „ein genialer Politiker“, Waigel, der erfolgreiche Finanzpolitiker, und Stoiber, der das Erbe Straußens gemehrt und Bayern noch mehr Prosperität verschafft habe. Es sind Klänge, die Seehofer auf dem Parteitag zu einem Marsch verbinden dürfte, hoffend, dass viele „Stoiberianer“, die über den erzwungenen Abgang ihres Idols noch immer verstimmt sind, ihn wählen.

Seehofer muss darauf setzen, dass die Delegierten, gebannt durch seine rhetorische Stärke, bei der geheimen Wahl die Absprachen zur Seite schieben. Und er muss darauf setzen, dass in Bayern, was persönliche Schwächen anbelangt, selten Puritaner den Ton angeben. Als er in Straubing schildert, dass ihm im Jahre 1993, am Ende der Regierungszeit des glücklosen Ministerpräsidenten Streibl, angst um die CSU gewesen sei, sagt er zunächst Amiga-Affäre, verbessert sich dann in Amigo-Affäre. Selbst strenge Mienen an den Tischen verziehen sich in diesem Moment; auch bei Versprechern gibt es kleinere und größere Begabungen, wie ein anderer CSU-Grande leidvoll erfahren musste - der stand allerdings auch nie im Verdacht der außerordentlichen Natürlichkeit.

Text: F.A.Z., 10.09.2007, Nr. 210 / Seite 3
Bildmaterial: AP, ddp, dpa

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