Familienatlas 2005

Wirklich familienfreundlich ist es anderswo

20. Januar 2005 Alle Regionen Deutschlands müssen deutlich familienfreundlicher werden. Dies ist die Haupterkenntnis aus dem „Familienatlas 2005“, den Bundesministerin Renate Schmidt am Donnerstag in Berlin vorlegte. „Gut ist keine Region, es gibt überall Defizite“, sagte die SPD-Politikerin. Die Probleme sind jedoch unterschiedlich groß: Die Südhälfte Deutschlands wird als relativ familienfreundlich eingestuft, dem Großteil des Ostens werden hingegen „fehlende Perspektiven“ für Familien bescheinigt.

Der vom Forschungsinstitut Prognos erarbeitete Atlas untersucht alle 439 Kreise und kreisfreien Städte nach 16 Indikatoren der Familienfreundlichkeit auf. Allerdings versteht er sich nicht als „Ranking“, wie Autor Mathias Bucksteeg betonte. Letztlich soll er nach Schmidts Worten Lokalpolitikern aufzeigen, woran es in ihrer Region hapert und was sie verbessern können. Denn bald werde Familienfreundlichkeit ein wichtiger Standortfaktor sein, wenn es zum Beispiel darum gehe, benötigte Fachkräfte an eine Region zu binden, meinte die Ministerin.

Gute Bedingungen im Süden

Untersucht wurden unter anderem die derzeitige Geburtenrate, die Betreuungsinfrastruktur, der regionale Bildungs- und Arbeitsmarkt, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie Sicherheit und Wohlstand. In der Gesamtschau wurden große Teile von Hessen, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Bayern als Regionen qualifiziert, „wo es sich mit Familien gut wohnen und leben läßt“. Auch diese Zonen seien aber keine Idylle, betonte Bucksteeg. Denn als gemeinsames Manko weisen sie spärliche Betreuungsangebote auf, so daß Frauen weniger Chancen für Berufstätigkeit haben.

Fast ganz Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein landen im Mittelfeld: Die Regionen fallen die die Prognos-Kategorien „die Unauffälligen“ oder „Regionen mit verdeckten Problemen“. Sie haben großteils vergleichsweise hohe Geburtenraten, aber keine herausragenden Plus- oder Minuspunkte, wie Bucksteeg sagte. In Thüringen und Sachsen sowie im südlichen Brandenburg machen die Autoren der Studie zumindest noch „Refugien für Familien“ aus.

Fehlende Perspektiven im Osten

Fast ganz Nordostdeutschland - Nordbrandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Berlin - wird hingegen in die Gruppe „Fehlende Perspektiven für Familien“ eingestuft. Ausschlaggebend dafür sei hauptsächlich die hohe Arbeitslosigkeit, sagte Schmidt. „Wenn Menschen keine Aussicht auf Arbeit haben, dann werden sie wegziehen oder sich nicht für Kinder entscheiden.“ Das sei ein Problem, das Familienpolitik alleine nicht lösen könne.

Ansonsten machte die Ministerin den Regionen aber Mut, ihre ganz speziellen Defizite anzugehen und zu beheben. „Jede Region hat die Möglichkeit, sich zu einer familienfreundlichen und damit wachstumsorientierten Region zu entwickeln“, betonte sie. Ziel sei es Deutschland zum „familienfreundlichsten Land Europas“ zu machen. Wo die Bundesrepublik aus ihrer Sicht jetzt steht, wollte die Ministerin nicht genau benennen. „Wir sind nicht Schlußlicht, aber
wir sind auch nicht da, wo wir sein wollen“, sagte sie.

Text: FAZ.NET mit Material von AP, AFP
Bildmaterial: Bundesfamilienministerium/Prognos

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