01. April 2006 Es ist kein Zufall, daß die Länder mit der geringsten Jugendarbeitslosigkeit, Bayern und Baden-Württemberg, die stärkste Hauptschule haben. In Bayern gehen noch immer 38 Prozent auf die Hauptschule, in Baden-Württemberg sind es kaum weniger. Viele bayerische Hauptschüler machen einen qualifizierten Hauptschulabschluß, in Baden-Württemberg entschließen sich die starken Hauptschüler in jedem Fall für die mittlere Reife.
Beide Länder haben dafür gesorgt, daß die Zusammenarbeit mit Industrie- und Handwerkskammern gestärkt wird, die Schüler schon während ihrer Schulzeit Betriebspraktika besuchen können und auf diese Weise ihre eigenen Neigungen erkunden, auch mögliche Kontakte zu späteren Lehrbetrieben aufbauen können. Auch in den beiden süddeutschen Ländern gibt es Hauptschulen mit ähnlich hohen Ausländeranteilen wie in Berlin - im Norden Münchens etwa, in Stuttgart oder in Mannheim. Aber im Unterschied zu Berlin ist es in Bayern und Baden-Württemberg kein Stigma, eine Hauptschule besucht zu haben. In Berlin besuchen nur 11,2 Prozent der Schüler Hauptschulen.
Ausländeranteil und Gewaltbereitschaft
Seit 1997 kämpft etwa die Initiative Hauptschule e.V., der 28 Organisationen (darunter Verbände der Eltern, der Lehrer und der Wirtschaft) angehören, gegen das ruinöse Image von der Restschule. Es gibt den Hauptschulpreis, den die Gemeinnützige Hertie-Stiftung finanziert. Sie hat gerade angekündigt, sich noch mehr für die Stärkung dieser Schulform einzusetzen. Prämiert werden seit Jahren Hauptschulen, die selbst Modelle zur Konfliktlösung, zur Gewaltbeherrschung, zum sozialen Zusammenleben entwickelt haben. Verwunderlich ist es nicht, daß die Hauptpreisträger nahezu immer aus dem Süden Deutschlands kommen.
In den nördlichen Bundesländern ist die Hauptschule in der Tat die Schulform mit der Schülerklientel, die am wenigsten homogen ist, den größten Ausländeranteil und die größte Gewaltbereitschaft aufweist. Auch in Hamburg fürchten Lehrer selbst kleine Repressalien wie einen Klassenbucheintrag, weil sie sonst mit Bedrohung durch ihre Schüler rechnen müssen. Es ist eine Spirale der Angst und des Schweigens. Kein Lehrer gibt im Lehrerzimmer zu, daß er seine Schüler nicht disziplinieren kann - das gilt in Deutschland immer noch als Inbegriff des Versagens -, er würde auch keinen Kollegen mit in die Klasse bitten. Weil im Klassenbuch nichts dokumentiert ist, erfährt auch die Schulleitung nichts, geschweige denn übergeordnete Schulbehörden.
Hauptschule kein zukunftsträchtiges Modell
Seit Jahren sorgen die internationalen Vergleichsstudien der Schulleistungen dafür, daß die Lernergebnisse der nördlichen und nordrhein-westfälischen sowie hessischen Hauptschulen nicht mehr schöngeredet werden können. Erwiesen ist aber auch, daß bayerische Hauptschüler leicht nordrhein-westfälischen Gesamtschulabsolventen das Wasser reichen können.
Gerade hat die Desi-Studie über die Deutsch- und Englisch-Leistungen aufs neue gezeigt, daß bayerische Hauptschüler ein enormes Niveau aufweisen, daß Gesamtschüler aber kaum fähig sind, Texte zu verfassen, die einen Sinn ergeben. Daher rührt die Erfahrung der Lehrbetriebe mit fehlergespickten Bewerbungsschreiben und mangelhaften Sprach- und Rechenkenntnissen. Selbst die Schulvergleichsstudien, die das klare Leistungsgefälle von Süd nach Nord bei den Hauptschulen spiegeln, konnten die Auffassung nicht ins Wanken bringen, die in der Hauptschule kein zukunftsträchtiges Modell mehr sehen (darunter war auch die frühere Bundesbildungsministerin Bulmahn, SPD).
Duales System als echter Exportschlager
Gewonnen haben die Länder allerdings nichts, die sich für eine Schließung der Hauptschule ausgesprochen haben. Dazu gehören etwa das Saarland, auch Brandenburg, das außer Gymnasien nur noch Sekundarschulen unterhält, aber auch Hamburg mit seinen Tendenzen zur Zweigliedrigkeit sowie andere ostdeutsche Länder. Die Hauptschule als solche gibt es ohnehin nicht. In ländlichen Gebieten ist sie nach wie vor für nahezu die Hälfte eines Jahrgangs die bevorzugte Schule. Es gibt sie als mehr oder weniger eigenständigen Bildungsgang innerhalb einer Mittelschule (Sachsen), Regelschule (Thüringen), Sekundarschule (Sachsen-Anhalt), erweiterte Realschule (Saarland) oder Regionalschule (Rheinland-Pfalz).
Durch den ständigen Ruf nach mehr Abiturienten und Akademikern wird die Hauptschule auch durch die OECD systematisch geschwächt. Denn bei Schülern und Eltern setzt sich der Eindruck fest, als seien praktische Tätigkeiten und Handwerksberufe grundsätzlich weniger angesehen als akademische. Erfolgreiche Handwerker können im günstigen Fall wesentlich besser verdienen als jene Akademiker, die sogenannte brotlose Künste, also einige sozial- oder geisteswissenschaftliche Fächer studiert haben und am Ende vielleicht doch Taxi fahren. Doch gehört es zu den Eigenarten deutscher Bildungsdebatten, eigene Errungenschaften wie das duale System und die Dreigliedrigkeit der Schulen über Bord zu werfen, wenn internationale Fachleute Erfolgsmodelle aus dem Ausland vor Augen führen. Die Hauptschulen haben einen entscheidenden Anteil daran, daß das duale System zu den echten Exportschlagern zählt.
Text: F.A.Z., 01.04.2006, Nr. 78 / Seite 4
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