Bush-Besuch

Der Präsident mag nichts bereuen, die Kanzlerin mag nichts bewerten

Von Wulf Schmiese, Meseberg

Video in voller Größe

11. Juni 2008 „George Bush bedauert, dass wir das alles ertragen haben mit ihm. Ja, er hat sich dafür sogar entschuldigt.“ Alois Demut kneift die Augen zusammen gegen die grelle Morgensonne, als er das erzählt. Eben sprach er mit Amerikas Präsidenten. Sie hatten ihn gebeten, kurz zu Bush und Bundeskanzlerin Angela Merkel um die Ecke zu kommen, die paar Schritte auf die Terrasse von Schloss Meseberg. Denn Demut ist der Bürgermeister der 158 Seelen Mesebergs, des Dorfs in Brandenburg, wo das barocke Gästehaus der Bundesregierung steht. Bush meinte nicht seine Amtszeit. Er bat für die Umstände seines Besuchs um Entschuldigung, die vielen Hubschrauber und Absperrungen. Bürgermeister Demut glaubt, den Präsidenten beruhigt zu haben: „Für so einen hohen Besuch, habe ich ihm gesagt, können wir das gern ertragen.“

Bush ist das wohl letzte Mal als angeblich mächtigster Mann der Welt nach Deutschland gekommen, wo keiner seiner Vorgänger so unbeliebt gewesen sein soll wie er. Auf Schloss Meseberg hatte die Kanzlerin und ihr Mann mit dem Ehepaar Bush den Abend verbracht. Man betrachtete gemeinsam den Sonnenuntergang. Am morgen nach dem gemeinsamen Frühstück und dem „Hello“ für den Bürgermeister gehen Angela Merkel und George Bush 200 abgesperrte Meter durch den Park, schlendern um eine Linde und eine Eiche, hinter denen Sicherheitsmänner lauern. Die Kanzlerin und der Präsident verschwinden am Horizont, zu weit für die Fotografen. „Hier lang“, ruft ihnen ein nervöser Mitarbeiter zu und weist den Weg über den Kies zurück zum Schlösschen.

Frau Merkel mag keine Bewertung der letzten acht Jahre abgeben

Ein letztes Bild mit Bush? Die Kanzlerin und der Präsident im Schlosspark Meseberg

Ein letztes Bild mit Bush? Die Kanzlerin und der Präsident im Schlosspark Meseberg

Fernab der Welt zwischen Buchsbaumhecken und Zypressen soll Gemeinsamkeit demonstriert werden. Sonst wird gar nicht mehr demonstriert, weder für noch gegen Bush. Im Nachbardorf belagern Bauern mit ihren Treckern eine Wiese und schwenken Transparente – gegen die Landwirtschaftspolitik, nicht gegen Bush. Bush sagt, man könne auch sehr gut Radfahren hier. Damit vertrieb er den frühen Morgen.

Ob sie George W. Bush vermissen wird? Bundeskanzlerin Angela Merkel tut so, als sei das nicht die Frage. Und der amerikanische Präsident selbst zieht bloß den rechten Mundwinkel zu einem abfälligen Schmunzeln und zuckt die Schultern, als er hört, wie sie jetzt zum Ende sogar in der CDU über ihn reden: „Ich werde George W. Buch nicht vermissen“, hatte ein Parteifreund von Frau Merkel im Radio gesagt, der Außenpolitiker und stete Amerikafreund Eckart von Klaeden. Bushs Botschafter in Berlin war darüber empört. Enttäuschend sei es, wenn auch noch die letzten Getreuen die Seite wechseln, wenn die Ära fast vorbei ist.

Frau Merkel mag nicht sagen, wie sie die acht Jahre währende Ära Bush bewertet. Der Präsident habe ja selbst gesagt, er werde „bis zum letzten Amtstag arbeiten“, weicht die Kanzlerin bei der gemeinsamen Pressekonferenz mit Bush unter dem freien Himmel Mesebergs aus. Die Beziehung zu ihm nennt sie „freundschaftlich, direkt und sehr konstruktiv“. Für Deutschlands wichtigsten Verbündeten ist das keine Auszeichnung. „Das, was Spaß macht in der Kooperation mit dem Präsidenten, ist“, schiebt die Kanzlerin nach, „dass man nicht um den heißen Brei herumreden muss.“ So redet sich die Bundeskanzlerin um den heißen Brei herum.

Bush mag den Krieg eigentlich nicht

Denn die Amerikafreundin Merkel will nicht als Bush-Fan gelten. Als sie Bush in ihren Wahlkreis zum Grillen einlud, das war vor zwei Jahren in Trinwillershagen bei Stralsund, da ließ sie sich von ihm umschwärmen, erwiderte Bushs Lob aber mit keiner Silbe. Auch jetzt ist das die Rollenverteilung: Er preist ihre „great leadership“ und dankt für den deutschen Einsatz in der Welt unter dieser also großartigen Führung. Sie bleibt nüchtern.

Einen „intensiven Dialog“ hätten sie auch diesmal geführt, sagt sie. Die Themen waren nahezu dieselben wie bei jedem der vier früheren Deutschlandbesuche Bushs seit 2002: Doha-Runde zum Welthandel, G-8-Treffen und Klimaschutz, transatlantische Wirtschaftsbeziehungen, Nahost-Krisen, Afghanistan, Irak, Iran. Neues ergab sich nicht. Im Gegenteil: Bush stellte klar, dass er den Irak-Feldzug nach wie vor für richtig hält. Vor einer Woche hatte er in einem Interview mit der britischen Zeitung „The Times“ mit Selbstkritik überrascht. Sein Ton während des Irak-Kriegs sei falsch gewesen. Seine Rhetorik habe ihm das Image von einem „Typ, der ungeduldig ist, in den Krieg zu ziehen“, verliehen. In Meseberg sagt er, dass aber seine Entscheidung für den Krieg richtig gewesen sei, auch wenn er Krieg eigentlich nicht möge: „Ich bedauere das überhaupt nicht. Saddam Hussein ist nicht mehr an der Macht, die Welt ist sicherer“, sagt Bush. Frau Merkel nickt seicht.

Merkel bezeichnete ihr Verhältnis zu Bush als “freundschaftlich“ und “sehr konstruktiv“

Merkel bezeichnete ihr Verhältnis zu Bush als "freundschaftlich" und "sehr konstruktiv"

Washington und Bagdad würden sich nun auf ein strategisches Abkommen einigen. Die Errichtung ständiger Militärstützpunkte im Irak plane Amerika aber nicht. Die Truppen blieben „mit Erlaubnis der souveränen irakischen Regierung“ im Irak, um Sicherheit für eine stabile Demokratie herzustellen. Deutschland dankt Bush für den Afghanistan-Einsatz. „Es ist harte Arbeit, jungen Demokratien beim Wachsen zu helfen“, sagt er. Für den Nahen Osten wiederholt er sein Ziel, dass bis zum Ende seiner Amtszeit eine Einigung über die Grundzüge eines eigenständigen Palästinenserstaates zustande kommen solle. Im Januar wird sein Nachfolger vereidigt.

„Alle Optionen liegen auf dem Tisch“

Frau Merkel sagt, auch Deutschland und Europa hätten „elementares Interesse“ an einem stabilem Irak. Deutschland helfe dem Land daher gerne beim wirtschaftlichen und zivilen Aufbau. Sie habe den irakischen Ministerpräsidenten Nuri al Maliki eingeladen, der voraussichtlich in den kommenden Wochen Deutschland besuchen werde.

Große transatlantische Koalition: Die Bushs und die Merkels

Große transatlantische Koalition: Die Bushs und die Merkels

Auch in der Iran-Politik nichts neues: Frau Merkel wirbt dafür, die Krise um das Atomprogramm in Verhandlungen zu lösen. „Ich setze eindeutig auf diplomatische Bemühungen“, sagt sie. Es gebe bereits Fortschritte und die bestehenden Sanktionen müssten wirklich ausgeschöpft werden. Reichte das nicht, müsse der UN-Sicherheitsrat neue Maßnahmen überlegen. Bush dagegen schließt Krieg – auch noch während seiner Amtszeit – nicht aus. „Alle Optionen liegen auf dem Tisch“, sagt er. Aber ja, stimmt er Frau Merkel zu, „die Diplomatie soll ihre Chance bekommen und Iran soll sie nutzen“.

Dann geht es zurück auf die Schlossterrasse. Dort glüht bereits die Kohle für ein letztes gemeinsames Grillen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp, reuters

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Sie möchten Zuschuss zur Ihrer neuen Brille? Vergleichen Sie jetzt online einfach und bequem verschiedene Krankenzusatzversicherungen und sparen Sie bares Geld!

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche