Bildungspolitik

Professurenabbau in Deutschland

Von Heike Schmoll

Immer wieder Anlass für Proteste: Demo gegen Bildungsabbau in Bremen

Immer wieder Anlass für Proteste: Demo gegen Bildungsabbau in Bremen

21. August 2007 Die geisteswissenschaftlichen Fakultäten haben in den vergangenen zehn Jahren 663 Professuren verloren. Das geht aus einer Auswertung des Deutschen Hochschulverbandes hervor. „Angesichts dieser Zahlen brauchen wir im Jahr der Geisteswissenschaften 2007 nicht darüber zu streiten, ob es eine wirkliche oder eine gefühlte Krise der Sprach- und Kulturwissenschaften in Deutschland gibt“, sagte der Präsident des Hochschulverbandes, Kempen. Er warnte davor, die von den Hochschulen geforderte Profilbildung weiter zu Lasten der Geisteswissenschaften zu betreiben.

Die angestrebte Kartierung „Kleiner Fächer“ in den Geisteswissenschaften – eine Bestandsaufnahme der Angebote in Deutschland –, die von der Hochschulrektorenkonferenz vorgeschlagen worden war, sei als „Frühwarnsystem“ sinnvoll, als Mittel gegen weitere Stellenstreichungen aber nur begrenzt wirksam. Insgesamt haben die Geisteswissenschaften in allen 16 Bundesländern im Zeitraum von 1995 bis 2005 in den Sprach- und Kulturwissenschaften 11,6 Prozent der Professorenstellen nicht wieder besetzt und damit eingespart. Das geht aus der Erhebung des Statistischen Bundesamtes hervor.

Pädagogik und Theologie am stärksten betroffen

Insgesamt haben die Universitäten in den vergangenen zehn Jahren 1451 Professorenstellen verloren, während sich die Anzahl der Studierenden im selben Zeitraum um 0,5 Prozent erhöht hat. Vom Professurenabau besonders betroffen ist die Klassische Philologie, die 35 Prozent ihrer Professuren verloren hat. Allein an der Heidelberger Fakultät für Klassische Philologie gingen seit den neunziger Jahren 40 Prozent der Professuren und die Hälfte der Mitarbeiterstellen verloren, die Griechisch-Professur ist seit sechs Jahren vakant.

Überproportional von Kürzungen betroffen sind außerdem die Erziehungswissenschaften mit einem Verlust von 34,8 Prozent, aber auch die Evangelische Theologie mit 18,9 Prozent und die Katholische Theologie mit 20,7 Prozent. Die Ingenieurwissenschaften haben 13,3 Prozent ihrer Professuren eingebüßt, die Agrar-, Forst- und Ernährungswissenschaften 16,9 Prozent. Selbst Mathematik und Naturwissenschaften verloren 4,3 Prozent ihrer Professoren und die Humanmedizin 2,7 Prozent. Zuwächse bei den Professuren gibt es nur in den Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften mit 5,6 Prozent mehr Professuren und in der Kunstwissenschaft mit 9,4 Prozent.

Mit Studiengebühren neue Professuren finanzieren

Der deutsche Hochschulverband forderte, den Universitäten die gestrichenen Professorenstellen zurückzugeben. Eine Qualitätsverbesserung des Hochschulsystems und der Studienbedingungen ist ohne spürbare Veränderung des international nicht konkurrenzfähigen Zahlenverhältnisses von 60 Studierenden pro Hochschullehrer nicht möglich.

Die Exzellenzinitiative sei gut und nützlich, aber das Gesamtsystem könne mit weniger Professoren nicht besser werden. Deshalb sollten die Länder, die Studiengebühren erheben, mit diesen Gebühren auch zusätzliche neue Professuren finanzieren, forderte der Hochschulverband.

Fünf Prozent mehr Studienabschlüsse

Unterdessen ist die Anzahl der Abschlüsse in den Naturwissenschaften um neun Prozent gestiegen - damit auch die Gesamtzahl der Naturwissenschaftler. Das geht aus der neusten Erhebung des Statistischen Bundesamtes für das Prüfungsjahr 2006 hervor. Die größten Zuwächse finden sich in Mathematik (14 Prozent) und in Informatik (13 Prozent). In beiden Fächern wurden neue Höchststände erreicht. In der Mathematik lag auch der Frauenanteil mit 54 Prozent deutlich höher als in den Naturwissenschaften (39 Prozent).

In den Ingenieurwissenschaften stieg die Zahl der Studienabschlüsse um vier Prozent, im Maschinenbau um acht Prozent und in der Elektrotechnik um vier Prozent. Einen Rückgang um acht Prozent bei den erfolgreich abgelegten Prüfungen gibt es dagegen im Bauingenieurwesen. Insgesamt stieg die Anzahl aller bestandenen Hochschulprüfungen um fünf Prozent, wobei zehn Prozent der Abschlüsse auf Bachelor-Master-Studiengänge entfielen.

Ersatzbedarf kann gerade noch gedeckt werden

Aus einer vom Wirtschaftsministerium in Auftrag gegebenen Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft geht hervor, dass in den kommenden Jahren ein erheblicher Fachkräftemangel im Maschinenbau, der Metall- und Elektroindustrie, in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Ingenieurwissenschaften und Technik bestehen wird. Schon 2014 könnten je nach Konjunktur bis zu 95.000 Ingenieure und bis zu 135.000 Naturwissenschaftler fehlen.

Bis 2013 würden allein in der Wirtschaft 330.000 Akademiker in den Ruhestand gehen - fast die Hälfte davon Naturwissenschaftler und Ingenieure. Nach der Prognose reicht in den kommenden sieben Jahren die Zahl der Hochschulabsolventen gerade aus, um den Ersatzbedarf zu befriedigen. Für weiteres Wachstum wird zu wenig Spielraum gesehen. Durch den Fachkräftemangel könnten Kosten in Höhe von 20 Milliarden Euro entstehen.

Mehr Betreuung und mehr Bafög geplant

Bundesbildungsministerin Schavan (CDU) will deshalb mehr junge Leute für ein Studium gewinnen - das Ziel liegt bei 40 Prozent eines Altersjahrgangs - und die Zahl der Abbrecher deutlich reduzieren. Fachhochschulen und Universitäten sollten sich stärker öffnen für qualifizierte Berufstätige auch ohne klassisches Ab-itur. Mit den Ländern will Frau Schavan beraten, wie die Hindernisse für die Aufnahme eines Studiums abgebaut werden können. Die bisherigen Zulassungsbeschränkungen sollen reduziert und durch eine wirkungsvolle Studienvermittlung ersetzt werden, um die Hochschulkapazitäten in vollem Umfang zu nutzen.

Durch die Bachelor- und Master-Abschlüsse, mehr Betreuung und auch mehr Bafög solle sich die Studiensituation deutlich verbessern, heißt es in einer Vorlage des Bundesbildungsministeriums für die Kabinettsklausur in Meseberg. Bisher liegt die Abbrecherquote in Mathematik und in den Naturwissenschaften bei 39 Prozent. Sie soll durch besser strukturierte Studiengänge gesenkt werden.

Durch ein „Wissenschaftsfreiheitsgesetz“ sollen deutsche Forscher und Spitzenkräfte aus dem Ausland zur Rückkehr bewegt werden. Versprochen werden forschungsfreundliche rechtliche Rahmenbedingungen in Deutschland - und auch für die jeweiligen Lebenspartner attraktive Job- und Karriereangebote. Durch gezielte Vereinbarungen mit internationalen Forschungseinrichtungen für die Personalentwicklung will die Bundesregierung Spitzenkräften die Rückkehr erleichtern. Gemeinsam mit den Ländern und der Deutschen Forschungsgemeinschaft will Berlin Wege öffnen, wie erstklassige Professoren auch nach Erreichen der Altersgrenze ihre Forschungstätigkeit in Deutschland fortsetzen können.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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