Unterrichtsausfall

Den Schulen gehen die Lehrer aus

Von Cornelia von Wrangel

In jeder Woche fallen in Deutschland 1,2 Millionen Schulstunden aus

In jeder Woche fallen in Deutschland 1,2 Millionen Schulstunden aus

18. Oktober 2008 Wenige Tage vor dem Bildungsgipfel von Bund und Ländern in Dresden hat der Deutsche Philologenverband vor den Auswirkungen des Lehrermangels in Deutschland gewarnt. Nach seiner Einschätzung ist die Zahl der Unterrichtsstunden, die pro Woche ausfallen oder nicht lehrplanmäßig gegeben werden, mittlerweile auf 1,1 bis 1,2 Millionen gestiegen. Vor zwei Jahren hatte der Verband noch von einer Million Stunden gesprochen.

Der Verbandsvorsitzende Heinz-Peter Meidinger macht dafür den „dramatischen Lehrermangel“ vor allem in den westdeutschen Bundesländern in den sogenannten „Mint“-Fächern verantwortlich, also in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Dieser Mangel sei seit zehn Jahren bekannt, sagte Meidinger dieser Zeitung, „jetzt macht er sich aber dramatisch bemerkbar“.

„Wir finden keine Köpfe für die Stellen“

Zwanzig Prozent dieses Unterrichts würden mittlerweile von Lehrkräften erteilt, die entweder fachlich oder pädagogisch nicht dafür ausgebildet seien. Das werde Deutschland „hundertprozentig“ in der Pisa-Studie 2009 zu spüren bekommen, sagte Meidinger und: „Ich schließe nicht mehr aus, dass wir einige Schulen haben, in denen kein einziger Lehrer den normalen Weg der Lehrerausbildung gegangen ist.“

Die Bundesländer hätten durchaus mehr Planstellen geschaffen und nicht alle Stellen gestrichen, die sie wegen des Schülerrückgangs hätten einsparen können, sagte Meidinger. „Wir finden aber nicht die Köpfe für diese Stellen.“ Das sei das Problem. Die Schulen suchten sich inzwischen ihre Lehrer selbst, weil die Ministerien ihnen keine geeigneten Lehrkräfte bieten könnten. Das führe dazu, dass niemand abgelehnt werde und dass sich die Schulen auf dem Arbeitsmarkt gegenseitig die Leute wegschnappten: „Da ist ein Riesenwildwuchs entstanden.“

Mangel und Überhang gleichzeitig

Nach Rechnung des Philologenverbandes fehlen derzeit 20.000 Lehrer in Deutschland, davon 15.000 in den „Mint“-Fächern. Diese Zahl werde sich in den nächsten fünf Jahren wohl verdoppeln, glaubt Meidinger. In anderen Fächern, etwa bei den Sprachen und Sozialwissenschaften, werde es hingegen in vier Jahren einen Lehrerüberhang geben. Am meisten zuspitzen wird sich die Lage laut Verband in den bevölkerungsreichen Bundesländern Nordrhein-Westfalen, Hessen, Baden-Württemberg und in Bayern. Im Osten Deutschlands wiederum werde die Pensionierungswelle in drei bis vier Jahren „voll auflaufen“. Dann gebe es auch dort ein „verschärftes Problem“.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat unterdessen den Bildungsgipfel in Dresden als ein wichtiges Signal dafür gewertet, dass Bildung eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sei. Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) erwartet von dem Treffen eine verbindliche Vereinbarung zwischen Bund und Ländern über eine Kooperation auf dem Bildungssektor. „Es wird ein Papier geben, das zeigt, wie sich Bund und Länder in die Pflicht nehmen lassen“, sagte sie dem Radiosender Deutschlandfunk. Die Kommunen warnten dagegen vor zusätzlichen finanziellen Belastungen. „Wenn Bund und Länder neue Ausgaben für Bildung vereinbaren sollten, müssen sie diese auch finanzieren“, sagte der Präsident des Deutschen Städtetages, Christian Ude, der Zeitung „Neue Presse“.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.

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