„Bündnis für Erziehung“

Gegen innere Armut und Beliebigkeit

„Bewußt Position beziehen”

„Bewußt Position beziehen”

21. April 2006 Bundesfamilienministerin von der Leyen (CDU) und Bischöfe der christlichen Kirchen haben in Berlin ein „Bündnis für Erziehung“ geschlossen. Gemeinsam mit Vertretern der evangelischen und der katholischen Kirche sollen in den nächsten Monaten „Bausteine aus der Praxis für die Praxis“ einer Erziehung erarbeitet werden, die sich an Werten orientiert.

Auf Regionalkonferenzen in Düsseldorf, Hannover, Berlin und München sollen Standards für die Erziehung von Kindern entwickelt werden. Frau von der Leyen erinnerte daran, daß die Regeln des Grundgesetzes weitgehend christlichen Werten entspringen. Deshalb seien die Kirchen auch der richtige Partner für ein solches Vorhaben der Wertevermittlung. „Wir können nicht erwarten, daß die Kinder aus dem Nichts heraus mit 14, 15 Jahren eine gefestigte Haltung haben, wenn sie zuvor in Beliebigkeit gelebt haben.“ Ziel des Bündnisses sei es auch, „bewußt Position zu beziehen“. Gerade die ersten Lebensjahre seien wichtig für die Formung von Lebenshaltungen, sagte die Ministerin bei der Vorstellung der Projekts. Aufgabe der Kindergärten und Kindertagesstätten sei es auch, „innerer Armut“ und „seelischer Armut“ entgegenzuwirken.

Kirchen als „Anbieter auf dem Markt der Werte“

Der Berliner Erzbischof Kardinal Sterzinsky sagte, die Kirchen könnten bei der Erziehung der Kinder ihr Menschenbild einbringen, „das den Menschen als Wesen mit unantastbarer Würde von Anfang an ansieht“. Die evangelische Landesbischöfin Käßmann sagte, Gottvertrauen und Nächstenliebe seien gute Grundlagen für die Erziehung. Die Kirchen wollten als „Anbieter auf dem Markt der Werte“ eine wichtige Rolle spielen. Dafür spreche auch die Tatsache, daß es einen sehr großen Andrang auf katholische und evangelische Bildungseinrichtungen gebe. Die Beziehungskompetenz werde in den ersten Jahren vermittelt, so Bischöfin Käßmann. Hier könnten die Kirchen aus der Praxis ihrer Einrichtungen Erfahrungen einbringen. Das Ziel des Bündnisses sei es zudem, „die Elternkompetenz“ zu stärken.

Kritik an dem „Bündnis für Erziehung“ übten die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, die Arbeiterwohlfahrt, die FDP und die Grünen. Deren Parlamentarische Geschäftsführerin Lemke sagte: „Nach der deutschen Leitkultur will die Union offenbar das christliche Erziehungsdogma installieren.“ Wenn Ministerin von der Leyen Erziehungsfragen auf christliche Werte verenge, „verkennt sie Anforderungen einer modernen, pluralistischen Gesellschaft“. Ministerin von der Leyen entgegnete dem, Erziehung könne nur gelingen, wenn alle diejenigen, die an dem Prozeß beteiligt seien, sich miteinander vernetzten.

Erweiterung des Bündnisses im Herbst

Das Ziel des Bündnisses sei es nicht, auszuschließen oder abzuschotten, sondern zusammenzuführen, sagte Frau von der Leyen. Das Bündnis werde im Herbst erweitert. Sie lade alle Glaubensrichtungen ein, sich dann daran zu beteiligen. Für den Herbst plane sie eine Zusammenkunft mit Wohlfahrts- und Familienverbänden, den anderen Religionsgemeinschaften und der Wirtschaft. Die Eckpunkte für eine wertegebundene Erziehung wolle sie aber mit den beiden großen Kirchen erarbeiten. Ihr Ziel sei es, gemeinsam mit den Elternhäusern ein Bündnis für Erziehung auf der Basis der christlichen Werte zu schaffen.

Die Arbeiterwohlfahrt, die nach eigenen Angaben etwa 3.000 Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe unterhält, sprach von einem „klassischen Fehlstart“. Von der Leyen düpiere mit ihrem Vorgehen zahlreiche Fachkräfte, die in Stadtteilen mit massiven sozialen Problemen engagiert seien, sagte der Bundesvorsitzende Wilhelm Schmidt. Bundestagsvizepräsident Thierse (SPD) ermahnte die Kritiker und verteidigte die Ministerin. „Ich halte das durchaus für einen richtigen Versuch“, sagte Thierse. Das Bündnis bedeute keinen Ausschluß anderer. Frau von der Leyen suche das Gespräch mit den „wichtigsten Partnern“ bei der Wertevermittlung. „Man sollte da nicht so eifersüchtig sein“, sagte Thierse.

Nach Angaben der Ministerin sind 44 Prozent aller Kindergärten in Deutschland in kirchlicher Trägerschaft. Von den Kindergärten in freier, nichtstaatlicher Trägerschaft sind es sogar 72 Prozent. Kritik übten auch Vertreter der Muslime und der Zentralrat der Juden in Deutschland.

Text: pca./FAZ vom 21.04.2006
Bildmaterial: AP

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche