03. April 2007 Hans Filbinger war, wenn man auf seine Wahlerfolge schaut, wohl einer der erfolgreichsten Ministerpräsidenten Deutschlands. 1972 führte er die Südwest-CDU erstmals zur absoluten Mehrheit, 1976 erreichte er mit 56,7 Prozent - auch aus heutiger Sicht - wohl eines der besten Ergebnisse, das ein Ministerpräsident der CDU in Deutschland je erreicht hat. Freiheit oder Sozialismus war der Wahlslogan mit dem Filbinger die Wähler mobilisierte. Er profilierte sich neben Franz-Josef Strauß als einer der schärfsten Kritiker der sozial-liberalen Koalition. Das von diesem Bündnis verunsicherte protestantische Bürgertum im Südwesten entschied sich für die CDU.
Die politische Karriere Filbingers verlief steil. Sie hätte vielleicht auch noch in höchste bundespolitische Ämter geführt, wenn ihm seine Tätigkeit als Marinerichter im Nationalsozialismus nicht zum Verhängnis geworden wäre. Im August 1978 trat er zurück. Seine Partei hatte ihm das Vertrauen aufgekündigt, auch weil sie kein Verständnis mehr für seinen unsensiblen Umgang mit seiner Rolle im Nationalsozialismus hatte. Dabei entstammte Filbinger eigentlich einem Milieu, das sich gegenüber den Versuchungen der Nationalsozialisten vielfach als resistent, wenn nicht sogar widerständig erwiesen hatte. Er gehörte der katholischen Jugend an, Girolamo Savonarola, René Descartes, Reinhold Schneider und Walter Eucken waren die Denker, auf die er sich immer wieder bezogen hat.
Ein Wortführer neben Franz Josef Strauß
Marinerichter wurde er dennoch, auch Mitglied der NSDAP. Filbingers Karriere kennt alle Ambivalenzen des vergangenen Jahrhunderts. Nach dem Studium der Volkswirtschaft und Rechtswissenschaft in Freiburg war er nach 1945 zunächst als Rechtsanwalt in Freiburg tätig. 1960 wurde er Innenminister, 1966 Vorsitzender der südbadischen CDU. Als Ministerpräsident setzte Filbinger zwei für das Land Baden-Württemberg wichtige Reformen durch: Er schaffte mit der SPD die Konfessionsschule ab und löste 28 Landkreise auf.
In der CDU stieg er Anfang der siebziger Jahre zum stellvertretenden Bundesvorsitzenden auf und entwickelte sich neben Franz Josef Strauß zu einem Wortführer der Union. Ende der siebziger Jahre versuchte er nicht nur das Kernkraftwerk Wyhl mit Macht durchzusetzen. Er musste sich auch vorwerfen lassen, an den Todesurteilen von Soldaten mitgewirkt zu haben. Als Marinestabsrichter hatte er auf Weisung eines Gerichtsherren ein Todesurteil gegen einen Deserteur beantragt. Filbinger hat immer darauf verwiesen, Soldaten auch vor dem Tod gerettet zu haben.
Die Landespolitik hat Filbinger noch bis vor wenigen Monaten beobachtend begleitet - auf CDU-Parteitagen saß er noch auf dem Podium, häufig war er noch im Land unterwegs. Mit seiner eigenen Vergangenheit und denen, die diese immer wieder kritisierten, ist Hans Filbinger nicht fertig geworden. Die geschmähte Generation heißt sein Erinnerungsband. Schon am Sonntag ist er in seinem Haus in Freiburg-Günterstal im Alter von 93 Jahren gestorben.
Text: F.A.Z.
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