13. Juni 2008 Mädchen und junge Frauen erweisen sich im deutschen Bildungssystem als immer erfolgreicher, während Jungen, vor allem Söhne aus Einwandererfamilien, zurückfallen. Das ist eines der Ergebnisse des zweiten Bildungsberichtes für Bund und Länder, der am Donnerstag in Berlin veröffentlicht wurde. Von der Grundschule bis zum Hochschulstudium erweisen sich Mädchen und Frauen inzwischen als die im Bildungsverhalten erfolgreichere Gruppe, heißt es darin: Mädchen würden im Durchschnitt früher eingeschult, hätten bessere Leistungen in der Schlüsselkompetenz Lesen, wiederholten seltener eine Klasse, blieben seltener ohne Schulabschluss, bewältigten erfolgreicher und schneller den Übergang von der Schule in die Berufsausbildung, absolvierten eine Ausbildung eher im oberen, anspruchsvolleren Segment der Berufsgruppen, erwürben weitaus öfter die Hochschulreife, hätten eine etwas höhere Studienanfängerquote, brächen ein Studium seltener ab, stellten die Mehrheit der Hochschulabsolventen, seien als junge Erwachsene seltener arbeitslos und nutzten als junge Berufstätige die Angebote der Weiterbildung intensiver.
Besonders auffällig ist die Differenz bei der Hochschulreife, die von gut 36 Prozent der Mädchen erreicht wird, aber nur von 28 Prozent der Jungen. Allerdings verzeichnet der Bildungsbericht auch einen teilweisen Abbruch dieser klaren Erfolgsgeschichte von Mädchen und Frauen innerhalb des Bildungssystems. Frauen mit Hochschulabschluss sind fünf Jahre nach dem Ende des Studiums seltener erwerbstätig als gleich ausgebildete Männer, und während es weitaus mehr Studentinnen als Studenten gibt, liegt der Frauenanteil bei den erfolgreichen Promotionen insgesamt deutlich unter 50 Prozent. Im übrigen lenkt der überdurchschnittliche Bildungserfolg von Mädchen den Blick auch darauf, dass junge Männer im Bildungssystem offenbar zunehmend scheitern, vor allem solche aus Einwandererfamilien.
Zur 'Generation Praktikum' gehören offenbar nur wenige Absolventen
Ein weiterer Schwerpunkt der Studie liegt beim Übergang zwischen einzelnen Bildungsabschnitten und in den Arbeitsmarkt. Dabei bestätigt sich, dass vor allem die Hauptschulabsolventen und die Abgänger ohne Schulabschluss hohe Hürden haben. Nur jeder Dritte von ihnen erreicht im Laufe von anderthalb Jahren eine voll qualifizierende Ausbildung. Zweieinhalb Jahre nach Schulende ist es immerhin jeder Zweite. Überdurchschnittlich gut sind nach wie vor die Aussichten für Hochschulabsolventen. Ein Jahr nach Studienabschluss haben vier von fünf eine Erwerbstätigkeit aufgenommen. 15 Prozent arbeiten an einer Promotion oder dergleichen, nur fünf Prozent sind arbeitslos. Die Autoren des Berichts resümieren: Zu der vielfach diskutierten ,Generation Praktikum' gehören offenbar nur wenige Absolventen.
Politiker reagierten auf den Bildungsbericht, indem sie ihre eigenen Vorstellungen dadurch bestätigt sahen. Die bildungspolitische Sprecherin der Grünen, Hinz, kritisierte das duale System: Es sei nicht mehr in der Lage, Jugendliche mit geringem Bildungsniveau zu integrieren. Die Fachsprecherin der Linkspartei, Hirsch, befand, die Hauptschule sei für den überwiegenden Teil der Jugendlichen eine Sackgasse, die ihnen die Zukunft verbaut. Der SPD-Bildungspolitiker Tauss rügte eine zu hohe soziale Selektivität in der Schule und forderte angesichts sinkender Bedeutung von Hauptschulen eine Strukturdebatte. Die Unions-Bildungspolitikerin Aigner (CSU) machte sich dafür stark, mehr junge Menschen für den Lehrerberuf zu gewinnen und daher die Rahmenbedingungen für Lehrer zu verbessern. Bundeskanzlerin Merkel (CDU) rief Bildung zur zentralen Aufgabe des nächsten Jahrzehnts aus und kündigte einstweilen einen nationalen Bildungsgipfel im Oktober an. Wohlstand für alle heißt heute Bildung für alle, sagte Frau Merkel auf einer Festveranstaltung zum Gedenken an Ludwig Erhard.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ZB