„Islamisches Wort“

Kulturkampf um fünf Megabyte

Von Rüdiger Soldt

“Muslime durch Integration gewinnen“: SWR-Intendant Peter Voß

"Muslime durch Integration gewinnen": SWR-Intendant Peter Voß

13. März 2007 Fünf Megabyte: so viel Speicherplatz braucht man, um das „Islamische Wort“ aufzunehmen. Vom 20. April an will der SWR einmal im Monat einen Muslim bitten, über Themen wie „Gnade“ oder „Barmherzigkeit“ in der islamischen Religion zu sprechen, und den Beitrag als Datei auf eine Internetseite stellen. Weil der SWR, immerhin die zweitgrößte ARD-Anstalt, der erste öffentlich-rechtliche Sender ist, der gläubigen Muslimen ein deutschsprachiges Angebot in dieser Form macht, ist zwischen dem baden-württembergischen CDU-Fraktionsvorsitzenden Stefan Mappus und dem SWR-Intendanten Peter Voß ein Streit entbrannt.

Voß ist zwar CDU-Mitglied, doch das hielt Mappus nicht davon ab, ihn und die geplanten SWR-Audiodateien anzugreifen: Ein solches Angebot sei „keine Aufgabe der Grundversorgung“ der öffentlich-rechtlichen Sender. Außerdem stünden der verfassungsrechtlich geschützte Grundversorgungsauftrag und die christlich-abendländische Werteordnung des Grundgesetzes im Widerspruch zu islamischen Religionssendungen.

„Muslime nicht Fanatikern überlassen“

“Christlich-abendländische Werteordnung“: CDU-Fraktionschef Stefan Mappus

"Christlich-abendländische Werteordnung": CDU-Fraktionschef Stefan Mappus

Mappus stellte sogar die Existenz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Frage: „Wenn das öffentlich-rechtliche Sendewesen sich zunehmend Aufgaben nimmt, die nicht zu seinem Auftrag gehören, und uns wird gesagt, es brauche mehr Geld, dann müssen wir die Frage stellen: Wie wird finanziert? Weiterhin über eine Rundfunkgebühr oder zum Beispiel in Zukunft über pay per view.“ Auch das ZDF will mit dem „Forum am Freitag“ künftig Internetbeiträge zu muslimischen Glaubensfragen veröffentlichen.

Mappus hat mit Voß noch nicht gesprochen. Verstimmt reagierte der Ende April aus dem Amt scheidende Voß auf die Kritik des Landespolitikers: „Herrn Mappus geht es wohl auch weniger um die Sache und mehr darum, die Ressentiments einer bestimmten CDU-Klientel zu bedienen. Ich verstehe das zwar halbwegs, weil - manchmal auch zu meinem Bedauern - das konservative Profil der CDU etwas undeutlich geworden ist“, sagte Voß dieser Zeitung. Gerade als Konservativer sehe er aber die Notwendigkeit, die Muslime, „die wir nun einmal in großer Zahl bei uns aufgenommen haben, möglichst nicht irgendwelchen Fanatikern zu überlassen, sondern mit allen Kräften für ebenjene demokratische Ordnung zu gewinnen, die wir selbst ja auch erst spät und leidvoll errungen“ hätten, so Voß.

Auch Muslime zahlen Rundfunkgebühren

Zwei weitere Argumente des CDU-Fraktionsvorsitzenden lässt Voß ebenfalls nicht gelten: Sehr wohl gehöre es zur Grundversorgung, Angebote zu machen, „in denen sich die Vielfalt unserer Gesellschaft“ abbilde. Und: Die Werteordnung sei zwar abendländisch, aber nicht ausschließlich christlich geprägt. „Neben der jüdisch-christlichen Religiosität in allen ihren Ausprägungen war es bekanntlich die griechische und römische Antike, die philosophische und politische Fundamente gelegt und in der Neuzeit die Aufklärung und damit auch Toleranz und Pluralität ermöglicht hat. Das ist unsere Tradition“, sagte Voß. Diejenigen, die diese Tradition bedrohten, müsse man im Notfall ausgrenzen, in der Regel aber durch Integration gewinnen.

Mappus, seit 2005 Fraktionsvorsitzender, sucht unentwegt Themen, die herzhaft sind und nach „CDU pur“ riechen: Schon im August vergangenen Jahres mischte er sich sogar aus dem Urlaub in die Debatte über das in der ARD diskutierte Einwanderer-Fernsehen ein. Etwa 500.000 Muslime leben im Sendegebiet des SWR in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Die meisten haben einen Fernseher in der Wohnung und zahlen Gebühren. Auch deshalb bleibt der SWR dabei: Am 20. April werden der Dialogbeauftragte des islamischen Dachverbandes Ditib, Bekir Alboga, oder der Generalsekretär des Zentralrates der Muslime, Aiman Mazyek, fünf Megabyte auf dem Server des SWR bekommen.

Text: F.A.Z., 14.03.2007, Nr. 62 / Seite 3
Bildmaterial: dpa, dpa/dpaweb

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