Integration

Pausensprache ist Deutsch

Von Mechthild Küpper, Berlin

Herbert Hover Realschule in Berlin-Wedding: “Frage der Höflichkeit“

Herbert Hover Realschule in Berlin-Wedding: "Frage der Höflichkeit"

25. Januar 2006 Die Aufregung um die Herbert-Hoover-Realschule in Berlin-Wedding ist ein schönes Beispiel dafür, daß Geschichten „besser“ werden, wenn man erst gar nicht mit den Beteiligten, sondern ausschließlich über sie spricht und Urteile über sie fällt. Ein Bericht der türkischen Zeitung „Hürriyet“ über angebliche Diskriminierung auf dem Schulhof hat kürzlich eine Übereinkunft von Schülern, Lehrern und Eltern der Herbert-Hoover-Schule derartig skandalisiert, daß deren Leiterin Jutta Steinkamp nun inständig darum bittet, von weiteren Interviews mit Schülern auf dem Pausenhof doch bitte abzusehen.

Für mehr als 90 Prozent der 370 Schüler der Realschule an der Pankstraße ist Deutsch nicht Muttersprache. In jeder Klasse, sagt Jutta Steinkamp, würden zwischen acht und zehn Sprachen gesprochen. Weil man sich einig sei, daß nur gute Deutschkenntnisse den Absolventen Aussicht auf einen Arbeitsplatz verschaffen, hätten sich Eltern, Schüler und Lehrer vor über einem Jahr in der - paritätisch besetzten - Schulkonferenz darauf geeinigt, Deutsch offiziell zur gemeinsamen Verkehrssprache der Herbert-Hoover-Schule zu erklären.

„Hilflose Geste“?

Der türkischstämmige Berliner Grünen-Abgeordnete Mutlu sprach von Verfassungsbruch. Der migrationspolitische Sprecher der Linkspartei Sayan nannte das „Verbot“ von Fremdsprachen auf dem Weddinger Schulhof eine „hilflose Geste“. Die Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fand, in einer multikulturellen Gesellschaft sei eine Pflicht zum Deutschsprechen „völlig absurd“. Die Türkische Gemeinde nannte das „Recht auf Muttersprache“ ein Grundrecht. Die Föderation Türkischer Elternvereine in Deutschland nahm „das Sprachverbot der Herbert-Hoover-Oberschule“ mit „Empörung und Entrüstung“ zur Kenntnis und verurteilte es „auf das Schärfste“.

Seit vor eineinhalb Jahren die Vereinbarung getroffen, per „Elternbrief“ bekräftigt und schließlich in der von allen Schülern unterschriebenen Hausordnung schriftlich fixiert wurde, hat es nach Auskunft der Schulleiterin an der Herbert-Hoover-Schule mehr Anmeldungen als vorher gegeben: Ihre Schule habe „den größen Zulauf im Bezirk Mitte erlebt“. Kritik am Vorhaben, Deutsch als gemeinsame Sprache aller an der Schule zu nutzen, sei in der Schule nicht lautgeworden, sagt Frau Steinkamp. Es ist aber nicht etwa das umstrittene „Verbot“, das die Schule attraktiv macht, sondern das Angebot, dort im Unterricht besser Deutsch lernen zu können als anderswo: Von vier auf sechs Stunden pro Woche ist der Deutschunterricht ausgedehnt worden, und er findet in sorgsam zusammengesetzten kleinen Gruppen statt.

„Eine Frage der Höflichkeit“

In der als sozial problematisch geltenden Gegend um den Bahnhof Gesundbrunnen, in der die Schule liegt, sind Türkisch und Arabisch die geläufigsten Fremdsprachen. „Die kleine Tschechin“ und ihre Klassenkameradin aus Afghanistan fühlten sich ausgegrenzt, wenn die Vertreter der größten Gruppen allein die Verkehrssprache bestimmen könnten, sagt Frau Steinkamp. Für die Schulleiterin ist die Vereinbarung, in den Pausen und auf Klassenfahrten miteinander nur Deutsch zu sprechen, „eine Frage der Höflichkeit“. Wer sich nicht daran halte, werde von den Lehrern auf die Übereinkunft hingewiesen und nicht etwa für den Gebrauch seiner Muttersprache bestraft.

Die Schüler, für deren Rechte sich in diesen Tagen viele Funktionäre engagierten, äußern sich durchweg positiv zum Beschluß, Deutsch zu sprechen: Der 17 Jahre alte Schülersprecher Asad S. - seine Eltern kommen aus Pakistan - argumentiert, daß man gut Deutsch sprechen muß, wenn man eine Lehrstelle finden oder das Abitur machen wolle. So sieht es auch eine junge Palästinenserin, die Reportern erklärt, „die anderen könnten sich ausgegrenzt fühlen“, wenn sie mit ihren Freundinnen nur Arabisch spreche.

Überrollt von Kritikern und Verteidigern

Ebenso überrollt wie von den Kritikern fühlt sich die Schulleiterin inzwischen von den Verteidigern. Nicht nur Bildungssenator Böger (SPD) begrüßt die Initiative an der Herbert-Hoover-Schule, sondern auch Bundestagsvizepräsident Thierse (SPD) und die Migrationsbeauftragte der Bundesregierung Böhmer. Thierse und Frau Böhmer regten an, es sollten andere dem Beispiel der Hoover-Schule folgen.

Die Borsig-Realschule in Berlin-Kreuzberg, an der für 85 Prozent der 307 Schüler Deutsch nicht Herkunftssprache ist, hat das schon getan. Auch in ihrer Hausordnung ist vereinbart, in den Pausen Deutsch zu sprechen. Senator Böger sagte gegenüber der „Tageszeitung“: „Türken, Araber, Asiaten, Kroaten, Pakistani, Tschechen verständigen sich dann am besten, wenn sie die Sprache des Landes benutzen, in dem sie willkommen sind: Deutsch.“ An 70 von 330 Berliner Oberschulen ist Deutsch für die Mehrzahl der Schüler nicht Muttersprache.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: dpa/dpaweb

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