Rudi Dutschke

Er glaubte zu meinen, was er sagte

Von Timo Frasch

Rede im abgewetzten Ringelpullover

Rede im abgewetzten Ringelpullover

11. April 2008 Das vielleicht berühmteste Interview mit Rudi Dutschke, dem sogenannten Sprachrohr der Achtundsechziger-Bewegung, führte im Herbst 1967 Günter Gaus in seiner Reihe „Zu Protokoll“. Dutschke war, nachdem ihn die Fernsehleute endlich aufgetrieben hatten, wie üblich im abgewetzten Ringelpullover erschienen und wartete, nach vorne gebeugt, mit stechendem Blick, auf die Angriffe des Journalisten.

Seine Reflexe waren gut: Was immer Gaus fragte, Dutschke kannte es schon und reihte mit seiner nasalen Stimme, die Konsonanten übertrieben betonte und Vokale künstlich in die Länge zog, routiniert ein Versatzstück an das nächste, Substantive zumeist, ohne am Satzende die Stimme zu senken – ganz so, als könnte er ewig weitermachen. Rudi Dutschke, dessen Texte sich leider nur wenig von seinen Reden unterscheiden, hat geredet wie gedruckt. Auch deshalb hat ihn kaum jemand verstanden.

„Seine Reden waren immer so abstrakt“

Das ging auch vielen Achtundsechzigern so. Die Zeitzeugen, die ihm zuhörten, erinnern sich meist an ein Gefühl, an eine Macht, eine Stimmung, nicht an den Inhalt. Michael „Bommi“ Baumann, der gelernte Betonbauer und spätere Terrorist, schrieb 1975 über Dutschke: „Seine Reden waren immer so abstrakt, die hat ja kein Mensch verstanden.“ Wenn man mit ihm aber privat gesprochen habe, sei Dutschke ein „ganz natürlicher Mensch“ gewesen.

Fritz Teufel, der Kommunarde, lobte gar Dutschkes Fähigkeit, im persönlichen Gespräch „jedem zuzuhören“. Es gibt aber auch andere Erinnerungen: Bettina Röhl, die Tochter Ulrike Meinhofs, der Dutschke schon als Fünfjähriger die Weltrevolution nahezubringen versuchte, schreibt über den privaten Rudi: Er habe seinem Gegenüber nur zugehört, um dann, mit einer wissenden Überlegenheit, so lange auf den angeblich Andersdenkenden einzureden, bis dieser erschöpft kapitulierte.

Einer größeren Öffentlichkeit ist Dutschkes Sprachfuror zum ersten Mal 1966 aufgefallen, bei einer Delegiertenkonferenz des SDS in Frankfurt. Ein Journalist der Wochenzeitung „Die Zeit“ protokollierte damals einen typischen Satz Dutschkes – „Unser Ziel ist die Organisation der Permanenz der Gegenuniversität als Grundlage der Politisierung der Hochschulen“ – und fügte hinzu: „Zugegeben, dieser Satz liest sich schauderhaft, aber er hört sich großartig, ja furchterregend an, wenn Rudi Dutschke vom Berliner SDS ihn formuliert.“ Irgendetwas hatte Dutschke. Das wusste er selbst.

„Wie ein umgekippter Papierkorb“

Am 29. Juni 1967 schreibt er in sein Tagebuch: „Vor ca. 350 Studenten in einem überfüllten Saal über das Ende der Rekonstruktionsperiode, die Studentenschaft etc. gesprochen. – ,Erfolg‘ – SDS gegründet: 40 Mitglieder. Immer wieder zeigt sich: ich ,komme an‘, viel Beifall.“ Warum, schreibt er nicht. Geistige Brillanz und umfassende Bildung können es jedenfalls nicht gewesen sein. Obwohl Dutschke, der vierte Sohn eines Postbeamten aus der Mark Brandenburg, statt an „Happenings“ teilzunehmen, lieber nächtelang las – Marx, Lukács, Heidegger, Herbert Marcuse –, wird man ihn keinen Intellektuellen nennen können. Vielmehr war er ein Protagonist jener Episode, die Günter Grass einmal die „angelesene Revolution“ genannt hat.

Dutschke trug schwer an seiner Aktentasche, die er selbst vor Demonstrationen mit Büchern vollstopfte, und wenn er mit dem Bus durch Berlin fuhr, ließ er – ganz vertieft in die Theorien seiner Vorbilder – die Welt ungerührt an sich vorbeiziehen. Zum Schluss, sagt Fritz Raddatz, sei es „wie ein umgekippter Papierkorb in seinem Kopf“ gewesen.

Tatsächlich verfügte Dutschke über keine konsistente Theorie; bestenfalls könnte man ihn als Eklektiker und Situationisten bezeichnen, der aus seinen Lektüren ein Amalgam an Soziologismen schuf, dessen Zusammensetzung und Bedeutung sich ständig änderte. Ergebnis war oft genug eine „unfreiwillige Travestie der Botschaft seiner Lehrer“ (Jürgen Miermeister). Noch in den siebziger Jahren gab ihm der Philosoph Ernst Bloch, persönlicher Freund und Stichwortgeber, den Rat, er solle nicht nur Theorie, sondern auch Belletristik und Poesie lesen, damit seine Sprache nicht verkümmere.

Wie Computerkids

Sprache hatte für die Achtundsechziger mehrere Funktionen: Sie war eine Möglichkeit, sich als Avantgarde zu stilisieren, was bei allen Beteuerungen, die arbeitenden Massen erreichen zu wollen, nicht ihr geringstes Anliegen war. Dutschke und die Seinen, schreibt Gerd Koenen, hätten ihre Sprache gelernt, „so wie Computerkids es heute vielleicht mit esoterischen Programmiersprachen tun“. In der virtuellen Welt, in die sie dadurch gelangten, waren sie die Herrscher. Zugleich bildeten ihre Codes eine Schutzhülle, die die inhaltliche und begriffliche Überforderung der jungen, allenfalls halbgebildeten Leute, die so vermessen waren, in Debatten renommierte Professoren der Lächerlichkeit preisgeben zu wollen, verdecken sollte.

Im Laufe der Zeit wurden die Achtundsechziger, allen voran Rudi Dutschke, Opfer ihrer eigenen Sprache. Es entstand ein „selbsterzeugter Zwang“, schreibt Koenen, „die rhetorischen Leerformeln von einer ,radikal anderen Gesellschaft‘ wenigstens in Andeutungen auszufüllen, gewissermaßen zu plombieren.“ Dazu gehörte nach und nach auch die Bereitschaft zur Gewalt. Wer damit kokettiert, „ein, zwei, viele Vietnams“ zu schaffen, der muss irgendwann auch zu den Waffen greifen. Als Dutschke nach dem Mord an Benno Ohnesorg die Studenten vieldeutig aufrief, „Kampfaktionen“ zu beraten, hat ihn Jürgen Habermas nicht ohne Grund in die Nähe eines „linken“ Faschismus gerückt.

Dutschke war zu jener Zeit schon die Stimme der deutschen Achtundsechziger – und war doch anders als sie oder die, die man sich darunter vorstellte. Er heiratete jung, trank keinen Alkohol, war gläubiger Christ und hat nie gegen seine Eltern opponiert. Nicht einmal mit Beat-Musik konnte er etwas anfangen. Er hatte nichts von der rotzigen Überheblichkeit, die etwa Joseph Fischer zur Schau stellte. Er war auch kein trauriger Clown wie Fritz Teufel, und obgleich auch er ein Befürworter der Provokation war, konnte er mit den Albernheiten mancher seiner Kommilitonen wenig anfangen.

Bis zur Naivität

Ein früherer Mitstreiter aus der „Subversiven Aktion“ hat es so ausgedrückt: „Von Dutschke ging eine Atmosphäre der Fremdheit aus, die zugleich begeisternd war. Er hatte wenig im Sinn mit unserer Art von Zynismus und unserer Gewohnheit, alles mehr oder weniger spielerisch anzugehen.“ Das manifestierte sich vor allem in der Sprache.

Während etwa die Kommunarden sloganartig formulierten, mal jugendsprachlich-flapsig, mal surrealistisch-experimentell, meistens emotional, war Dutschkes Rede von heiligem Ernst und asketischer Strenge geprägt. Er war redlicher als die meisten, darüber hinaus ein Optimist, der bis zur Naivität glaubte zu meinen, was er sagte.

Während jedoch die Slogans der Kommunarden und Spontis noch heute zitiert werden, hat von Dutschkes Worten kaum eines die Zeit überdauert. Er verstand sich als Feldherr an der Spitze seiner Revolutionstruppen und hat doch keine bedeutende Feldherrenrede hinterlassen. Trotzdem ist er als großer Rhetor – nach Rudolf Augstein der größte in der Bundesrepublik neben Franz Josef Strauß und Herbert Wehner – im Gedächtnis geblieben. Noch einmal: Warum?

Mehr Litanei als Rede

Der Protestant Dutschke war, wie seine Biographin Michaela Karl bemerkte, eher ein Prophet als ein Philosoph. Wenn er sprach, mit Haut und Haar, war es weniger Rede als vielmehr Litanei; diese wurde nicht so sehr über ihren Inhalt, sondern über ihre Musikalität wahrgenommen und funktionierte nur in einem ganz speziellen Kontext. Der überfüllte Hörsaal wurde zum Gotteshaus, und Rudi Dutschke zum Hohepriester.

Der Dutschke der siebziger Jahre, schreibt Michaela Karl, war keine charismatische Gestalt mehr. Das hatte mit dem Lauf der Zeit, aber auch mit dem 11. April 1968 zu tun. An jenem Tag feuerte der junge Hilfsarbeiter Josef Bachmann drei Schüsse auf Rudi Dutschke. Dabei wurde sein Sprachzentrum schwer geschädigt. Die behandelnden Ärzte sagten, es sei ein Wunder gewesen, dass Rudi Dutschke später überhaupt wieder sprechen konnte. Einer seiner ersten Sätze nach dem Attentat war: „Jetzt ist alles vorbei.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa

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