Von Reinhard Müller
23. Januar 2007 Ihren letzten gemeinsamen Auftritt vor Gericht hatten Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar im Mai 1991. Im Prozess gegen ihre einstige RAF-Gefährtin Susanne Albrecht vor dem Oberlandesgericht Stuttgart im Stammheimer Hochsicherheitsgefängnis waren beide als Zeugen geladen. Frau Albrecht hatte ausführlich geschildert, wie Klar und Mohnhaupt 1977 den damaligen Vorstandssprecher der Dresdner Bank, Jürgen Ponto, in seinem Haus vor den Augen seiner Frau erschossen. Klar nannte die Aussagen Albrechts Reinigungsrituale, Mohnhaupt sprach von einem Fortsetzungsfilm und rief: Jetzt läuft der Film noch ein bisschen, und dann kommen wir.
Jetzt kommen beide womöglich bald frei. Sie waren zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt worden. Die Strafe setzte sich aus jeweils fünfmal lebenslanger Haft und zusätzlich 15 Jahre Freiheitsstrafe zusammen. Sie gehörten bis zu ihrer Festnahme im November 1982 zu den meistgesuchten Terroristen und wurden zu den höchsten Strafen verurteilt - wegen der Anschlagsserie, die vor nunmehr 30 Jahren das Gemeinwesen erschütterte: die Ermordung von Generalbundesanwalt Siegfried Buback, Jürgen Ponto und Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer.
Stundenlanger Kontakt zu Baader und Ensslin
Brigitte Mohnhaupt war erst im Februar 1977 aus der Haft entlassen worden. Sie war schon sechs Jahre zuvor in den Untergrund gegangen, um sich der Baader-Meinhof-Bande (der ersten RAF-Generation) anzuschließen. Sie galt als deren Statthalterin, besorgte Wohnungen. Ursprünglich wollte die 1949 in Rheinberg geborene Mohnhaupt, ein Einzelkind aus bürgerlichen Verhältnissen, Journalistin werden. Nach dem Abitur 1967 in Bruchsal fing sie ein Studium der Zeitungswissenschaften und Geschichte in München an, bis sie sich den Terroristen anschloss und 1972 in Berlin verhaftet wurde. Wegen Beteiligung an einer kriminellen Vereinigung, Körperverletzung, unerlaubten Waffenbesitzes und anderem wurde Brigitte Mohnhaupt zu vier Jahren und acht Monaten Haft verurteilt. Bis zwei Wochen vor ihrer Entlassung war sie in Stammheim untergebracht und hatte täglich stundenlangen Kontakt zu Baader, Gudrun Ensslin und anderen führenden Terroristen.
Frau Mohnhaupt erhält Anweisungen, sie soll die Gruppe draußen auf Vordermann bringen. Sie ist 27 Jahre alt und gilt schon als erfahrene Kämpferin. Sie organisiert die Gruppe neu, verschafft sich Autorität und nimmt schon kurz nach ihrer Haftentlassung Kontakt zu den Illegalen auf, darunter Christian Klar. Ihnen stehen eine Reihe von Komplizen zur Verfügung, die legalen Beschäftigungen nachgehen. Im Frühjahr 1977 nehmen Pläne für eine Offensive 77 Gestalt an. Ziel ist es letztlich, die Inhaftierten freizupressen. Vorbild war die Entführung des Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz, mit der eine Bewegung 2. Juni die Freilassung von Gefangenen erreichte. Eine Freipressung der Baader-Meinhof-Bande war schon mit dem Überfall auf die Deutsche Botschaft in Stockholm gescheitert. Zunächst aber planten Mohnhaupt und Klar, durch Morde Angst und Schrecken zu verbreiten.
Wer schoss, wurde nicht geklärt
Generalbundesanwalt Buback war das Feinbild Nummer eins. Als am Morgen des Gründonnerstags sein Wagen in Karlsruhe an einer Ampel steht, hält daneben ein Sportmotorrad mit zwei Männern. Der Sozius eröffnet das Feuer, schießt mindestens fünfzehnmal. Buback wird ebenso getötet wie sein 30 Jahre alter Fahrer und ein 33 Jahre alter Justizhauptwachtmeister. Drei Männer fliehen, einer wartete in einem Alfa Romeo. Christian Klar war einer dieser drei. Wer schoss, wurde nicht geklärt. Klar, 1952 in Freiburg geboren, studierte damals Geschichte und Politologie.
Das nächste Opfer ist Jürgen Ponto, der Jurist an der Spitze der Dresdner Bank. Ursprünglich sollte er entführt werden. Susanne Albrecht, die Tochter eines Freundes Pontos, die er allerdings lange nicht gesehen hatte, fungierte an einem Samstag Ende Juli buchstäblich als Türöffnerin im Hause des Vorstandssprechers. Sie bringt Brigitte Mohnhaupt und einen weiteren Terroristen auf das Anwesen. Als Ponto eine Vase für die Blumen holen will, die Albrecht mitgebracht hatte, wird er mit einer Waffe bedroht, wehrt sich aber. Brigitte Mohnhaupt kommt hinzu. Ponto wird von fünf Geschossen getroffen.
Mohnhaupt als Rädelsführerin
Arbeitgeberpräsident Schleyer wird an einem Septembertag zu seiner Wohnung im Kölner Stadtteil Braunsfeld gefahren. Seinem Mercedes mit Fahrer folgt ein weiterer Wagen mit drei baden-württembergischen Polizisten. In einer schmalen Straße wird die Fahrbahn durch ein Fahrzeug blockiert. Fünf Terroristen eröffnen mit Gewehren, einer Maschinenpistole und einer Pistole das Feuer. Alle vier Begleiter Schleyers sterben im Kugelhagel, zum Teil von jeweils mehr als 20 Kugeln getroffen. Schleyer wird entführt, elf Terroristen sollen freigepresst werden. Nach der Erstürmung des entführten Lufthansa-Flugzeugs Landshut in Mogadischu begehen die inhaftierten RAF-Terroristen Baader, Ensslin und Raspe in Stammheim Selbstmord. Einen Tag später, am 19. Oktober 1977, wird Schleyers Leiche nach einem Hinweis in Mülhausen im Elsass gefunden: Hier RAF. Wir haben nach 43 Tagen Hanns-Martin Schleyers klägliche und korrupte Existenz beendet. Er wurde durch drei Schüsse in den Hinterkopf aus kurzer Entfernung getötet.
Mohnhaupt war seinerzeit als Rädelsführerin der RAF verurteilt worden, Klar nur als deren Mitglied. Gleichwohl musste Klar, dem neun Morde und 16 Mordversuche zur Last gelegt werden, nach richterlicher Entscheidung für mindestens 26, Mohnhaupt für 24 Jahre hinter Gitter. Die laufen im Fall Mohnhaupt nun ab, bei Klar Anfang 2009. Kommen keine neuen Anhaltspunkte hinzu und wird die Verurteilte nicht als gefährlich eingestuft, so hat sie einen Anspruch darauf, auf Bewährung freizukommen. Das ist kein Gnadenakt, sondern gesetzlich so vorgesehen.
Sie ist keine Taktiererin
Frau Mohnhaupt lehnt Gewalt nach Auffassung der Bundesanwaltschaft nunmehr ab, sie wolle sich auch keiner Terrororganisation mehr anschließen, zudem hatte sich die RAF 1998 aufgelöst. Es handelt sich um eine Prognoseentscheidung, wie der zuständige Bundesanwalt Hemberger hervorhebt. Er hatte am Montag an der Anhörung Monhaupts vor dem Oberlandesgericht Stuttgart teilgenommen und sich auch auf Aussagen des zuständigen Anstaltsleiters und eines kriminologischen Gutachters gestützt. Sie ist keine Taktiererin, sagte Hemberger auf F.A.Z.-Anfrage, und er fügte hinzu: Auf ihr Wort ist Verlass. Zwar ging es um ihre Person, doch wurde auch berücksichtigt, dass keines der übrigen verurteilten RAF-Mitglieder wieder straffällig geworden sei.
Auch Klar hat, falls keine neuen Umstände eintreten, einen Anspruch auf Entlassung auf Bewährung - im Jahr 2009. Sein Gnadengesuch, noch früher freizukommen, prüft Bundespräsident Köhler. Hier wird auch zu berücksichtigen sein, dass Klar, der nicht ohne Grund zwei Jahre Haft mehr als Mohnhaupt erhalten hat, ohnehin bald freikommen wird. Auf Gnade gibt es keinen Anspruch.
Text: F.A.Z., 24.01.2007, Nr. 20 / Seite 4
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