Bayern

Samba-Musik und Gulaschkanonen

Von Susanne Kusicke

“Sie starben fürs Vaterland“: Das Kriegerdenkmal in Gräfenberg

"Sie starben fürs Vaterland": Das Kriegerdenkmal in Gräfenberg

29. Oktober 2007 Hoch über der fränkischen Kleinstadt Gräfenberg erhebt sich ein Denkmal für die Gefallenen der beiden Weltkriege. „Ewig Ehre und Dank unseren Kriegern“, steht darauf, und „Im Zweiten Weltkrieg starben fürs Vaterland“, gefolgt von den 120 Namen der Gefallenen des kleinen Ortes. An schönen Tagen kann man von dort oben fast bis nach Nürnberg sehen; die säulengefasste Rotunde auf dem Michelsberg ist – oder vielmehr war – ein beliebter Aussichtspunkt für Spaziergänger. Bis die NPD begann, hier ihre Heldenfeiern abzuhalten.

Zum Volkstrauertag 1999 marschierten die „Kameraden“ der mittlerweile verbotenen Fränkischen Aktionsfront und der NPD zum ersten Mal durch den Ort. Etwa hundert Rechtsextremisten zogen vom Bahnhof unten im Tal durch die verwinkelten Gassen hinauf zum Kriegerdenkmal und feierten dort unter Schmähungen der Bundesrepublik Deutschland die „heldenhaften Soldaten“ und die Opfer des „alliierten Bombenterrors“.

Eine kleine Gegendemonstration

Kameraden-Demo: Nicht gewalttätig werden, lautet die Desive der Rechtsextremisten

Kameraden-Demo: Nicht gewalttätig werden, lautet die Desive der Rechtsextremisten

„Wir waren entsetzt“, sagt die stellvertretende Gräfenberger Bürgermeisterin Sigrid Meier. „Wir hatten hier so viele Kriegsflüchtlinge, so viele Gefallene; zwei geistig behinderte Frauen aus dem Ort waren von den Nationalsozialisten zwangsterilisiert worden – wir wollten einfach nicht, dass bei uns solche Reden geschwungen werden, wie wir sie an diesem Tag zu hören bekamen.“ Die Sache abzuhaken und sich wieder anderen Dingen zuzuwenden kam für den Stadtrat nicht in Frage. Er beschloss, sich auf eine eventuelle Wiederholung einzustellen.

Im zweiten Jahr waren die Gräfenberger besser vorbereitet. Eine kleine Gegendemonstration wurde organisiert, vor allem aber fand Bürgermeister Werner Wolf einen Weg, wie der NPD der Zugang zum Denkmal verweigert werden konnte: Da das Versammlungsrecht keine Handhabe bot, eine Kundgebung zu verbieten, wurde das Gelände kurzerhand an einen Verein für den Erhalt des Kriegerdenkmals verpachtet, dessen Vorsitzender wiederum der Bürgermeister war. Damit war aus öffentlichem privater Raum geworden, über dessen Nutzung der Pächter selbst entscheiden konnte.

Nicht das Ende, sondern der Anfang

Der Verein sperrte das Gelände und stellte am Fuß des Denkmals einen Bauzaun auf. Die Demonstration selbst konnte er allerdings nicht verhindern: Wie im Jahr zuvor marschierten die NPD-Anhänger durch den Ort, machten am Bauzaun halt und verlangten freien Zugang zum Kriegerdenkmal – im Namen der Demokratie und Meinungsfreiheit. Dann zogen sie unverrichteter Dinge wieder ab, ausgepfiffen und von Gegendemonstranten bis zum Ortsausgang mit „Nazis raus“-Rufen begleitet. „Das war hoffentlich die letzte Veranstaltung der NPD in Gräfenberg“, sagte der Bürgermeister.

Doch er irrte sich. Es war nicht das Ende, sondern der Anfang. Jahr für Jahr demonstrierten die Rechtsextremisten seitdem unter großem Polizeiaufgebot in Gräfenberg. „Egal, was wir uns einfallen ließen, sie kamen immer wieder“, sagt Karin Bernhart, die schließlich eine Bürgerinitiative gegen das Treiben gründete. Die Gräfenberger störten die Kundgebungen mit Holzsägengekreisch, Samba-Musik und Kochgeschirrgetrommel, verteilten „Bildungsgutscheine“ mit Ausstiegsadressen für die NPD-Demonstranten, veralberten oder ignorierten sie, unternahmen „Friedensspaziergänge“ oder projizierten Bilder von KZ-Opfern auf die Häuserwände – nichts half. Im Gegenteil.

Gezielt Jugendliche werben

Im November des vergangenen Jahres eskalierte die Situation. Die NPD erklärte den Kleinkrieg: Fortan werde sie monatlich in Gräfenberg aufziehen. Die Gräfenberger vermuten, dass diese Mobilisierung mit der bevorstehenden Kommunalwahl im März 2008 zusammenhänge. In fast allen umliegenden Orten hätten sich in jüngerer Vergangenheit Bezirksverbände der NPD gegründet, sagt eine Mitarbeiterin des Kreisjugendrings, die für die kommunale Kinder- und Jugendarbeit zuständig ist.

Das Landesamt für Verfassungsschutz beobachtet schon seit einiger Zeit, dass die ohnehin starke rechtsextremistische Szene in Franken neue Anstrengungen unternimmt, um Strukturen abseits der großen Städte aufzubauen und gezielt unter Jugendlichen für sich zu werben. Der NPD sei es gelungen, alte Anhänger des Nationalsozialismus, gewaltbereite Skinheads und sogenannte moderne Nazis unter ihrem Dach zusammenzuführen, berichtet der Verfassungsschutz. Dabei habe sich das äußerliche Erscheinungsbild gewandelt: Rädelsführer träten seltener in martialischer Kleidung auf, und die Partei versuche, sich einen demokratischeren Anstrich zu geben. Auch die Zahl der registrierten rechtsextremistischen Straftaten in der Region ging zuletzt leicht zurück. Besonders in Mittel- und Oberfranken hoffe die Partei nun auf viele Wählerstimmen.

Der ganze Ort wird lahmgelegt

14 Demonstrationen haben die Gräfenberger seit der Ankündigung vor einem Jahr über sich ergehen lassen. „Irgendwann entwickelt sich fast so etwas wie Routine“, sagt Karin Bernhart. „Melden sie eine Demonstration an, melden wir eine Gegendemonstration an, bestellen Glühwein und Gulaschkanonen, organisieren Künstler und Redner für die Bühne auf dem Marktplatz und verhandeln mit der Polizei.“ Bei aller Routine stellen die ständigen Demonstrationen, Gegendemonstrationen und Polizeieinsätze aber eine massive Beeinträchtigung für den kleinen Ort dar. Die Händler beschweren sich, die Anwohner schließen die Rollläden und stellen den Fernseher laut, der ganze Ort wird lahmgelegt.

Die Gräfenberger wissen bis heute nicht einmal, warum sich die NPD ausgerechnet ihren Ort ausgesucht hat. „Vielleicht war es die exponierte Lage des Denkmals oder seine schiere Größe“, vermutet der Gräfenberger Rudolf Schäfer, „vielleicht aber auch die irrige Annahme, dass auf dem Michelsberg früher eine altgermanische Opferstätte war. Die liegt aber zwei Höhenzüge weiter und ist jedermann frei zugänglich.“ Schäfer ist seit der ersten Stunde Mitglied der Gräfenberger Bürgerinitiative. Er steht oberhalb des Ortes und beobachtet, wie unten die Mannschaftswagen der Polizei vorfahren. Die 15. Demonstration ist angemeldet. Mehrere hundert Polizisten aus Bamberg, Königsbrunn und Dachau sind im Einsatz. Genaue Zahlen will die Polizei auch bei diesem 15. Aufmarsch seit einem Jahr „aus einsatztaktischen Gründen“ nicht nennen.

Nicht gewalttätig werden

Oben auf dem Marktplatz versammeln sich seit 19 Uhr allmählich die Gegendemonstranten. In Öltonnen werden Feuer entzündet. Man begrüßt sich mit Handschlag. Viele kommen seit langem Monat für Monat hierher, manche mit kleinen Kindern. Unten am Bahnhof durchsucht die Polizei Taschen und Jacken der Demonstranten, die eben mit dem Zug angekommen sind: 50 junge, zum Teil sehr junge Leute, auffällig blass im spärlichen Neonlicht auf dem Bahnhofsvorplatz. Matthias Fischer, Organisator der Demonstration und Bezirksvorsitzender der NPD in Mittelfranken, dirigiert sie in Reih und Glied hinter die Polizeiabsperrung. Schweigend stellen sie sich auf, schweigend setzt der Zug sich in Bewegung. Nicht gewalttätig werden, lautet die Devise, die ihnen der Bezirksvorsitzende vorgibt, um keinen Anlass zu bieten, die Demonstrationen zu untersagen.

Schon von fern hört man oben die dumpfen Trommelschläge näherkommen. Mit gellenden Pfiffen, Sprechchören, ohrenbetäubendem Geschrei werden die NPD-Leute auf dem Marktplatz empfangen. Sie starren geradeaus, halten ihre Fackeln fest, und in kaum zwei Minuten sind sie an den 150 Gegendemonstranten vorbei, säuberlich getrennt von ein paar hundert Polizisten. Dann spricht Fischer: vom „Umgang mit Andersdenkenden in dieser angeblichen Demokratie“, von Verfolgung des „nationalen Widerstandes“, vom nicht endenden „Kampf gegen den Bolschewismus“ und vom festen Glauben, den sie brauchten, „um an den Verhältnissen in dieser Republik etwas zu ändern“. Er fährt fort: „Wenn wir die Macht in Händen halten, werden auch wir sagen: du ja, du nein und du dreißig Jahre Knast.“ Er schließt: „Wir müssen radikal sein. Wir werden so lange demonstrieren, bis wir uns den Zugang erzwungen haben. Gräfenberger, gebt das Denkmal frei, dann habt ihr eure Ruhe.“

Dann geht es zurück, noch einmal vorbei am Marktplatz und dem wütenden Pfeifkonzert der Gegendemonstranten, die sich hinter ihnen in Bewegung setzen, bis sie aus dem Ort hinaus sind. Um halb zehn ist der Spuk vorbei. „Jedes Mal hoffen wir, dass es das letzte Mal war. Oder dass sich vielleicht etwas tut in Sachen NPD-Verbotsverfahren“, sagt die stellvertretende Bürgermeisterin. „Jetzt kommt es darauf an, wer zuerst mürbe wird.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z., Rainer Wohlfahrt

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